Die Pandemie der Anderen

Binnen weniger Wochen taucht derselbe Satz in einem Dutzend Ländern auf. Was folgte: Ausgangssperren, Berufsverbote, Zugangsverbote. Und ein Minister, der später bestreitet, den Satz je verwendet zu haben — bis sein eigenes Twitter-Archiv ihn widerlegt.

Die Pandemie der Anderen
Symbolbild - KI generiert

Im Herbst 2021 tauchte ein Begriff auf — gleichzeitig, in mehreren Ländern, in mehreren Sprachen.

Wer damals darauf hinwies, dass dieselbe Formulierung innerhalb weniger Tage in Deutschland, Österreich, den USA und Kanada erschien — galt als Muster-Erkenner ohne Belege.

Die Belege sind heute öffentlich.

Damals: Schwurbelei

„Das ist eine koordinierte Sprachkampagne." — Wer das 2021 sagte, wurde als paranoid eingestuft. Sprachliche Gleichläufigkeit sei kein Beweis für Koordination. Politiker sprächen ähnlich, weil sie dieselben Fakten vor Augen hätten.

Heute: Akte

USA, September 2021: Der damalige US-Präsident verwendete den Begriff „pandemic of the unvaccinated" in einer nationalen Fernsehansprache. Quelle: Weißes Haus, offizielles Transkript, 9. September 2021.

Deutschland, Herbst 2021: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verwendete „Pandemie der Ungeimpften" in Interviews und auf Twitter — innerhalb derselben Woche.

Österreich, November 2021: Bundeskanzler Alexander Schallenberg bezeichnete die Situation als „Pandemie der Ungeimpften" — als Begründung für den Lockdown ausschließlich für Nicht-Geimpfte. Quelle: Austria Presse Agentur, 14. November 2021.

Kanada und Großbritannien: Ähnliche Formulierungen im selben Zeitraum, dokumentiert in den jeweiligen Regierungspressekonferenzen.

Was der Begriff bewirkte

Sprache rahmt. „Pandemie der Ungeimpften" transportiert eine Kausalattribution: Die Ungeimpften sind Ursache, nicht Opfer. Sie sind das Problem — und damit legitimieren die Maßnahmen gegen sie sich selbst.

Was der Begriff nicht transportierte: dass Geimpfte das Virus in ähnlichem Maß übertrugen. Das war zu diesem Zeitpunkt bereits aus israelischen Daten bekannt — und intern in mehreren Gesundheitsbehörden diskutiert, wie später veröffentlichte Protokolle zeigen.

Das British Medical Journal veröffentlichte im Oktober 2021 eine Analyse, die darauf hinwies, dass der Impfschutz gegen Transmission bei Delta bereits nach wenigen Monaten deutlich abnahm. Der Artikel wurde nicht zensiert. Er wurde nicht prominent kommuniziert.

Was folgte

In mehreren deutschen Bundesländern wurden 2G-Regeln eingeführt: Zugang zu Restaurants, Veranstaltungen, Freizeiteinrichtungen nur für Geimpfte und Genesene. Die Rechtsgrundlage war die Infektionsschutzgesetz-Änderung vom November 2021.

Verwaltungsgerichte und das Bundesverfassungsgericht bestätigten die Regeln zunächst. Ab 2022 begannen erste Revisionen.

Heute ist anerkannt — auch durch den neuen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Rechtsprofessor Helmut Frister — dass manche Maßnahmen dieser Phase unverhältnismäßig waren.

Die Formulierung, die sie rechtfertigte, steht noch in den Archiven.

Was das zeigt

Koordinierte Sprache ist kein Beweis für eine Verschwörung. Sie ist ein Beweis für koordinierte Kommunikation — die es in Regierungen und zwischen ihnen immer gibt, und die per se legitim ist.

Die Frage ist: Wenn eine Formulierung politisch wirksam ist und empirisch unvollständig — wer ist dafür verantwortlich, das zu benennen?

Nicht die Schwurbler. Die Medien.

Quellen: Weißes Haus, Transkript 9. September 2021 (whitehouse.gov); Austria Presse Agentur, 14. November 2021; Karl Lauterbach, Twitter-Archiv, Oktober–November 2021; Brown et al., „Effectiveness of Covid-19 Vaccines against the B.1.617.2 (Delta) Variant", NEJM 2021; Helmut Frister, Rheinische Post, April 2025.