Die ungleiche Elle: Ivermectin, Remdesivir und Paxlovid

Drei Corona-Medikamente, drei Reaktionen: Warum wurde ein patentfreies Mittel strenger bewertet als zwei patentgeschützte mit vergleichbar dünner Evidenz?

white and red labeled bottles
Foto: freestocks / Unsplash

Die ungleiche Elle: Ivermectin, Remdesivir und Paxlovid im Vergleich

In Steven Soderberghs Pandemie-Film Contagion (2011) gibt es eine Nebenfigur: ein Blogger, der ein pflanzliches Präparat als Heilmittel gegen die fiktive Seuche bewirbt – und heimlich selbst an der Herstellerfirma beteiligt ist. Der Film ist Fiktion. Doch das Muster, das er zeigt – eine vermeintlich unabhängige Empfehlung mit einem stillen finanziellen Interesse im Hintergrund – lässt sich in der echten Pandemie an mehreren Stellen wiederfinden. Nicht bei einem einzelnen Wirkstoff, sondern als wiederkehrendes Strukturproblem: Wie wurde entschieden, welches Medikament als Hoffnung und welches als Gefahr galt?

Ein Vergleich von drei Wirkstoffen zeigt, dass die angelegte Elle nicht überall gleich lang war.

Damals: Ivermectin – vom Parasitenmittel zur Reizfigur

Ivermectin steht seit Jahrzehnten auf der Liste unentbehrlicher Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation und brachte seinen Entdeckern 2015 den Medizin-Nobelpreis ein.1 Im April 2020 gründete sich in den USA die Front Line COVID-19 Critical Care Alliance (FLCCC), eine Gruppe von Ärzten um Paul Marik und Pierre Kory.2 Kory bezeichnete Ivermectin bei einer Anhörung im US-Senat im Dezember 2020 öffentlich als „Wunderdroge" mit „mirakulöser Wirksamkeit".3 Die FLCCC veröffentlichte ein eigenes Dosierungsprotokoll im Internet – mit Mengenangaben, die von den für Menschen zugelassenen Standarddosen abwichen (normalerweise eine Einmalgabe gegen Parasiten).4

Ein Gründungsmitglied der FLCCC, Flavio Cadegiani, war zugleich bezahlter Berater eines Ivermectin-Herstellers – ein Interessenkonflikt, der zunächst nicht offengelegt wurde und später per Erratum in einem Fachjournal korrigiert werden musste.5

Die Folge: Menschen, die die im Netz kursierenden Dosen nicht über ein Rezept beziehen konnten, griffen zu Veterinärprodukten – Entwurmungspasten und Injektionslösungen für Pferde, Rinder und Schafe, hochkonzentriert für 300-Kilo-Tiere.6 Die US-Gesundheitsbehörde CDC meldete im August 2021 eine fünffache Zunahme der Anrufe bei Giftnotrufzentralen gegenüber dem Ausgangswert, mit dokumentierten Fällen von Krankenhauseinweisungen.7 Kory und Marik verloren 2024 ihre fachärztliche Zertifizierung.8

Die deutschsprachigen Faktenchecks dazu (Correctiv, Medizin Transparent, ein Cochrane-Review über 14 Studien mit 1.678 Teilnehmenden) waren in der Sache korrekt: Es gab keine überzeugende Evidenz für eine Wirksamkeit bei COVID-19.9 So weit, so nachvollziehbar.

Heute: Zwei andere Wirkstoffe mit vergleichbar dünner Evidenz

Genau hier wird der Vergleich interessant. Denn zwei andere COVID-Medikamente durchliefen eine erstaunlich ähnliche Evidenzlage – wurden aber gegensätzlich behandelt.

Remdesivir: Der von der WHO selbst durchgeführte Solidarity-Trial – die weltweit größte randomisierte Studie zu COVID-Medikamenten – kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Bei bereits beatmeten Patienten zeigte Remdesivir keinen signifikanten Effekt, bei anderen hospitalisierten Patienten nur einen kleinen Effekt gegen Tod oder Beatmungspflicht.10 Trotzdem erhielt das Medikament im Juli 2020 die bedingte EU-Zulassung und wurde zum Standardtherapeutikum in Kliniken.11

Paxlovid: Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA gab am 16. Dezember 2021 eine Nutzungsempfehlung heraus – noch vor der eigentlichen Zulassung. Grundlage war nicht die finale, begutachtete Studie, sondern eine Pressemitteilung des Herstellers Pfizer mit Zwischenergebnissen aus nur 1.219 Patienten.12 Die vielzitierte 89-Prozent-Risikoreduktion stammt aus dieser unpublizierten Interimsanalyse. Die reguläre Zulassung folgte erst am 25. Februar 2022.13 Die zweite große Pfizer-Studie zu Paxlovid (EPIC-SR, auch mit Geimpften und Standardrisiko-Patienten) verfehlte später ihren primären Endpunkt vollständig – Pfizer musste die Rekrutierung wegen zu weniger Krankheitsfälle abbrechen. Diese Information fand medial kaum noch Beachtung.14

Der Unterschied zwischen den drei Wirkstoffen lag also nicht in der Stärke der Evidenz. Er lag im Patentstatus. Ivermectin ist ein jahrzehntealtes Generikum ohne Patentschutz. Remdesivir und Paxlovid sind patentgeschützte Produkte von Gilead und Pfizer.

Und die Vitamine, Kontakte, die frische Luft?

Ähnlich verhielt es sich mit nicht-pharmazeutischen Ansätzen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gab am 14. Mai 2021 eine vorsichtige Empfehlung zu Vitamin D für Risikogruppen heraus – nach Monaten, in denen die Behörde selbst noch einen Zusammenhang bestritten hatte.15 Eine methodisch hochwertige genetische Studie fand hingegen keinen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und Infektionsrisiko.16 Die Wahrheit war komplex und uneindeutig – wie bei den Medikamenten auch. Nur wurde diese Komplexität in der öffentlichen Kommunikation kaum abgebildet: Eine einzige Maßnahme (die Impfung) erhielt die volle politische Kommunikationskraft, während andere, ähnlich unsichere Optionen im Hintergrund blieben.

Wo steht die Forschung heute? Long COVID im Frühjahr 2026

Eine aktuelle Bestandsaufnahme des Robert Koch-Instituts, veröffentlicht im Februar 2026 im Journal of Health Monitoring, liefert einen bemerkenswert selbstkritischen Befund: Viele frühere Studien hätten die Prävalenz von Long COVID überschätzt.17 Die Angaben zwischen einzelnen Studien variierten erheblich und seien wegen unterschiedlicher Falldefinitionen, Studienpopulationen und Nachbeobachtungszeiten kaum vergleichbar. Eine vielzitierte Metaanalyse hatte auf mindestens ein Long-COVID-Symptom drei Monate nach Infektion eine Häufigkeit von 40,9 Prozent geschätzt – doch der Unterschied zur nicht infizierten Kontrollgruppe lag nur bei 15,5 Prozentpunkten.18 Das RKI-Team kommt in seiner Zusammenschau zu einer Größenordnung von 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen mit Long-COVID-typischen Beschwerden mindestens zwölf Wochen nach einer Infektion.19

Gleichzeitig zeigen systematische Übersichtsarbeiten, dass sich die Symptome bei einem Großteil der Betroffenen innerhalb eines Jahres zurückbilden – bei rund 15 Prozent bestehen sie jedoch auch danach fort.20 Bund und Länder haben im November 2025 die „Allianz Postinfektiöse Erkrankungen: Long COVID und ME/CFS" gegründet, um Forschung, Versorgung und Betroffene stärker zu vernetzen; ein zehnjähriges Forschungsprogramm (2026–2036) soll Ursachen und neue Therapieoptionen untersuchen.21

Was bleibt

Die Geschichte dieser drei Medikamente erzählt nicht, dass Ivermectin doch gewirkt hätte – die Datenlage dazu bleibt dünn. Sie erzählt etwas anderes: dass der Maßstab, mit dem Evidenz bewertet wurde, nicht überall derselbe war. Ein patentfreies Mittel wurde an einem strengeren Stab gemessen als ein patentgeschütztes – bei vergleichbar schwacher Studienlage.

Die selbstkritische RKI-Analyse zu Long COVID von 2026 zeigt: Auch fünf Jahre nach den größten Verwerfungen der Pandemie ist die Wissenschaft bereit, eigene frühere Einschätzungen zu korrigieren. Das ist kein Grund zur Resignation, sondern zur Hoffnung – Selbstkorrektur ist genau das, was gute Wissenschaft von Ideologie unterscheidet. Die entscheidende Frage für die nächste Gesundheitskrise ist nicht, ob wieder Fehler gemacht werden. Sondern ob der Maßstab dann für alle gleich lang ist.

Quellen:

  1. Cochrane Deutschland: „Ivermectin: Keine Evidenz für Wirksamkeit gegen COVID-19", cochrane.de – zur Geschichte und WHO-Listung von Ivermectin. 
  2. Wikipedia (EN): „Front Line COVID-19 Critical Care Alliance" – Gründungsdatum und -mitglieder, mit Verweis auf Primärquellen. 
  3. Wikipedia (EN): „Pierre Kory" – Zitat zur Senatsanhörung Dezember 2020. 
  4. Scientific American: „Fringe Doctors' Groups Promote Ivermectin for COVID despite a Lack of Evidence" – zu den abweichenden Dosierungsprotokollen der FLCCC. 
  5. Cureus (PMC): Korrektur/Erratum zur Studie „Ivermectin Prophylaxis Used for COVID-19" – Offenlegung der Interessenkonflikte von Cadegiani und Kory. 
  6. American Veterinary Medical Association (AVMA): „People ingesting veterinary-use ivermectin in attempts to prevent, cure COVID-19", Oktober 2021. 
  7. CDC Health Alert Network, CDCHAN-00449, 26. August 2021 – Anstieg der Giftnotruf-Anrufe. 
  8. Wikipedia (EN): „Pierre Kory" – Entzug der Board-Zertifizierung 2024. 
  9. Cochrane Deutschland, a.a.O.; Medizin Transparent: „Ivermectin gegen Corona: Studien zufolge wohl wirkungslos". 
  10. WHO Solidarity Trial Consortium, veröffentlicht in The Lancet (2022): „Remdesivir and three other drugs for hospitalised patients with COVID-19: final results of the WHO Solidarity randomised trial". 
  11. Deutsches Ärzteblatt: „Medikamente gegen COVID-19: Der lange Weg in die Praxis" – zur EU-Zulassung von Remdesivir im Juli 2020. 
  12. Pharmazeutische Zeitung: „Paxlovid von Pfizer: EMA startet mit Überprüfung" – zur Interimsanalyse mit 1.219 Patienten. 
  13. Data4Life: „Paxlovid bei Corona" – zur EU-Zulassung vom 25. Februar 2022. 
  14. Pfizer (Unternehmensmitteilung): „Pfizer Reports Additional Data on PAXLOVID Supporting Upcoming New Drug Application Submission to U.S. FDA" – zum verfehlten primären Endpunkt der EPIC-SR-Studie. 
  15. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Mitteilung Nr. 015/2021 vom 14. Mai 2021. 
  16. Amin & Drenos (2021), zitiert nach Ernährungsmedizin.blog – Mendelsche Randomisierungsstudie ohne Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Vitamin-D-Spiegel und Infektionsrisiko. 
  17. Robert Koch-Institut, Journal of Health Monitoring, 25. Februar 2026: „Long COVID bei Erwachsenen – eine aktuelle Bestandsaufnahme". 
  18. Deutsches Ärzteblatt: „Kritik an zu hohen Prävalenzangaben zu Long COVID in vielen Studien", 25. Februar 2026. 
  19. RKI, Journal of Health Monitoring, a.a.O. 
  20. RKI-Informationsportal zu Long COVID, Stand April 2026, mit Verweis auf Luo et al. 2024 und Xu et al. 2024. 
  21. RKI-Informationsportal zu Long COVID, a.a.O. – Gründung der „Allianz Postinfektiöse Erkrankungen" im November 2025.