Die Zahl, die alles sagt — und nichts erklärt
95 Prozent wirksam. Eine korrekte Zahl — und trotzdem unvollständig. Prof. Rieck hat es früh erklärt. Der PCR-Test folgte demselben Muster. Was steckt dahinter?
Es gab Menschen, die es früh gesagt haben. Laut, klar, verständlich. Sie haben keine geheimen Dokumente gebraucht, keine Insider-Quellen, keine Whistleblower. Sie haben nur nachgerechnet.
Keiner hat zugehört.
Der Mann mit der Tafel
Prof. Christian Rieck ist Spieltheoretiker. Sein Handwerk ist es, zu verstehen, wie Akteure Informationen einsetzen — welche sie zeigen, welche sie weglassen, und warum. Als im Winter 2020/21 die Zahl "95 Prozent Wirksamkeit" durch alle Kanäle rauschte, setzte er sich vor eine Kamera und erklärte in aller Ruhe, was diese Zahl bedeutet — und was nicht.
Die Lektion ist einfach. Sie dauert drei Minuten. Und sie hätte die gesamte öffentliche Debatte verändert, wäre sie je in einer Hauptnachrichtensendung gelaufen.
Zwei Zahlen, eine Wirklichkeit
Stell dir eine Studie mit 40.000 Teilnehmern vor. Die Hälfte bekommt das Vakzin, die andere Hälfte ein Placebo. Nach einigen Monaten erkranken in der Placebogruppe 8 von 1.000 Menschen schwer. In der Impfgruppe sind es nur 1 von 1.000.
Die relative Risikoreduktion berechnet sich so: Von 8 auf 1 — das ist eine Reduktion um 87,5 Prozent. Beeindruckend.
Die absolute Risikoreduktion ist die Differenz: 8 minus 1, geteilt durch 1.000 — das sind 0,7 Prozentpunkte.
Dieselbe Studie. Dieselben Daten. Zwei Zahlen — eine klingt nach Revolution, die andere nach Marginalie.
In der Pfizer-Zulassungsstudie mit rund 44.000 Teilnehmern lag die absolute Risikoreduktion bei 0,7 Prozent.1 Die relative Reduktion wurde auf "95 Prozent" kommuniziert. Welche Zahl lief in den Nachrichten?
Prof. Rieck hat das im Dezember 2020 öffentlich erklärt. Dr. Raphael Bonelli, Psychiater in Wien, hat es zur selben Zeit aus seiner Perspektive eingeordnet: Wenn eine Gesellschaft aufhört, zwischen relativen und absoluten Zahlen zu unterscheiden, ist das kein Kommunikationsfehler — das ist ein Zustand.2
Damals
"Die Impfung ist zu 95 Prozent wirksam." — Bundesgesundheitsminister, Dezember 2020
"Wer die Impfung ablehnt, versteht die Zahlen nicht." — Vielfach zitierte Einschätzung in deutschen Leitmedien, 2021
Heute
Die absolute Risikoreduktion von 0,7 Prozent ist keine nachträgliche Erfindung. Sie stand in der Originalpublikation im New England Journal of Medicine.3 Jeder hätte sie lesen können. Kaum jemand hat sie erklärt.
Akt zwei: Der unsichtbare Regler
Die Risikoreduktion war nicht das einzige Beispiel für dieses Muster. Der PCR-Test brachte eine zweite Lektion in angewandter Statistik — für alle, die hinschauten.
Ein PCR-Test vervielfältigt genetisches Material in Zyklen. Nach jedem Zyklus verdoppelt sich die Menge. Der sogenannte Ct-Wert gibt an, nach wie vielen Zyklen ein Signal sichtbar wird. Ein niedriger Wert bedeutet: viel Ausgangsmaterial, klarer Befund. Ein hoher Wert bedeutet: wenig Material wurde über viele Stufen amplifiziert — ob das noch infektiöses Virus war oder nur RNA-Fragmente, ist damit nicht gesagt.
Die Schwelle, ab der ein Test als "positiv" galt, war kein Naturgesetz. Sie war eine Entscheidung. In Deutschland wurde zeitweise mit Ct-Werten bis 45 gearbeitet.4 Viele Labore international sahen ab Ct 35 keine klinische Relevanz mehr.
Ein Hebel, kaum diskutiert, kaum erklärt. Wer ihn verstellt, verändert die Fallzahlen — ohne eine einzige Infektion mehr oder weniger zu erzeugen.
Das Muster
Drei Zutaten, immer dieselben:
1. Eine korrekte Zahl — niemand lügt. Die 95 Prozent stimmen. Der Ct-Wert ist real.
2. Fehlender Kontext — die Zahl, die die erste interpretierbar macht, fehlt. Nicht immer. Aber systematisch.
3. Wer nachfragt, gilt als Problem — nicht die fehlende Information ist das Problem, sondern derjenige, der sie einfordert.
Prof. Rieck würde das als klassisches spieltheoretisches Kommunikationsmuster beschreiben: Informationen werden strategisch dosiert, nicht zufällig weggelassen. Bonelli beobachtet die psychologische Folge: Eine Gesellschaft, die nicht mehr zwischen zwei Zahlen unterscheiden kann, ist nicht mehr in der Lage, Risiken selbst zu bewerten — sie ist auf Interpretation angewiesen. Und damit auf denjenigen, der interpretiert.
Gegenüberstellung
| Was kommuniziert wurde | Was die Daten zeigten |
|---|---|
| "95% wirksam" | Absolute Risikoreduktion: 0,7% |
| "Positiver Test = Fall" | Ct-Wert entschied über Positivität |
| "Fallzahlen steigen" | Teststrategie bestimmte Fallzahlen mit |
| "Kritiker verstehen Wissenschaft nicht" | Kritiker zitierten Originalpublikationen |
Was das nicht bedeutet
Dieser Artikel behauptet nicht, dass die Impfung wirkungslos war. Er behauptet nicht, dass alle PCR-Tests falsch waren. Er behauptet: Wer nur die relative Risikoreduktion kommuniziert, trifft eine Entscheidung. Wer den Ct-Wert nicht erklärt, trifft eine Entscheidung. Und wer diejenigen, die nachfragen, als wissenschaftsfeindlich bezeichnet, trifft ebenfalls eine Entscheidung.
Diese Entscheidungen haben Namen. Sie haben Begründungen. Und sie verdienen öffentliche Diskussion — nicht im Nachhinein, sondern wenn sie getroffen werden.
Die gute Nachricht
Das Werkzeug existiert. Es ist kostenlos. Es heißt: absolute Zahlen lesen.
Wenn das nächste Mal eine Schlagzeile erscheint — über ein Medikament, einen Impfstoff, ein Risiko — gibt es eine einzige Frage, die alles verändert: Ist das eine relative oder eine absolute Zahl?
Prof. Rieck hat sie 2020 gestellt. Wer sie heute kennt, ist beim nächsten Mal nicht mehr auf die Interpretation anderer angewiesen. Das ist keine politische Haltung. Das ist Mündigkeit.
Quellen
- Polack et al., "Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine", New England Journal of Medicine, Dezember 2020. Absolute Risikoreduktion 0,7%; relative Risikoreduktion ~95%. nejm.org ↩
- Dr. Raphael Bonelli, Psychiater, Wien — öffentliche Einordnungen zur Kommunikation von Risikozahlen während der Pandemie, 2020/2021. ↩
- Berliner Zeitung, "Corona-Impfkampagne: Beruhte sie auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen?" — Dokumentation der Diskrepanz zwischen relativer und absoluter Wirksamkeitskommunikation. berliner-zeitung.de ↩
- Zur PCR-Ct-Wert-Debatte: Multipolar-Magazin, verschiedene Ausgaben 2020/2021; sowie internationale Fachdiskussion ab WHO-Hinweis vom Januar 2021 zur Ct-Wert-Interpretation. multipolar-magazin.de ↩
- Hier der Link zu einer Wirksamkeitsstudie: https://www.fda.gov/media/144246/download Der relevante Wert ist VE (vaccine efficacy = Impfwirksamkeit)