Diese Woche vor 4 Jahren: Affenpocken werden zur Internationalen Notlage – und dann?

Im Juli 2022 erklärte die WHO die Affenpocken zur globalen Gesundheitsnotlage. Was folgte: 3.800 Fälle in Deutschland, fast alle bei einer bestimmten Risikogruppe – und dann: Stille. Eine Einordnung.

Diese Woche vor 4 Jahren: Affenpocken werden zur Internationalen Notlage – und dann?
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Diese Woche vor 4 Jahren – Juli 2022, Kalenderwoche 28

Der Sommer 2022: Zwischen Corona-Müdigkeit und neuem Alarm

Im Sommer 2022 war Deutschland müde. Zwei Jahre Corona, mehrere Wellen, Lockdowns, Impfdebatten – die gesellschaftliche Erschöpfung war real. Und dann, fast wie aus dem Nichts: Affenpocken.

Bereits im Mai 2022 wurden erste Fälle in Deutschland gemeldet. Im Juli 2022, KW 28, war das Thema in aller Munde. Am 23. Juli 2022 erklärte die WHO den Ausbruch zur „gesundheitlichen Notlage internationaler Tragweite" (PHEIC) – die höchste Alarmstufe der Weltgesundheitsorganisation.

Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt rund 1.790 gemeldete Fälle – nach Spanien die meisten in Europa. 57 Prozent der deutschen Fälle kamen aus Berlin.

Was die Kommunikation suggerierte – und was die Daten zeigten

Die Meldungen im Sommer 2022 erinnerten viele an den Beginn der Corona-Pandemie. „Internationale Notlage". Isolierungsregeln von 21 Tagen. Impfstoff-Engpässe. STIKO-Empfehlungen. Gesundheitsbehörden in Alarmbereitschaft.

Was die sachliche Berichterstattung manchmal in den Hintergrund rückte:

  • Affenpocken übertrafen sich fast ausschließlich durch engen körperlichen Kontakt, nicht durch Atemluft
  • Die Fallzahlen konzentrierten sich stark auf eine spezifische Gruppe: Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)
  • Die Erkrankung verlief in den allermeisten Fällen selbstlimitierend und nicht lebensbedrohlich
  • In Deutschland gab es keine gemeldeten Todesfälle durch den 2022er Ausbruch

Was wirklich passierte

Bis Ende 2022 wurden in Deutschland rund 3.700 Fälle registriert, bis Mai 2023 waren es insgesamt etwa 3.800. Dann: drastischer Rückgang. Ohne allgemeine Lockdowns, ohne Maskenpflicht für die Gesamtbevölkerung – die Ausbreitung verlangsamte sich, weil gezielte Information in der betroffenen Gemeinschaft funktionierte und ein Teil der Risikogruppe geimpft wurde.

Die WHO hob die PHEIC im Mai 2023 auf. Das Ereignis war in der breiten Öffentlichkeit schnell vergessen.

Was die Affenpocken über Risikokommunikation lehren

Die Affenpocken-Episode ist ein lehrreiches Beispiel für die Herausforderungen moderner Risikokommunikation:

  • Die WHO-Erklärung war formal korrekt – der Ausbruch hatte globale Ausbreitung und erforderte koordinierte Reaktion
  • Aber die Kommunikationslogik der Corona-Ära wurde unreflektiert übertragen: Notlage, Isolierung, Impfstoff-Beschaffung – auch wo das epidemiologische Profil völlig anders war
  • Gezielte Kommunikation an Risikogruppen war tatsächlich wirksam – breite Bevölkerungsalarmierung wäre es kaum gewesen

Aufarbeitung heißt hier: Nicht jede neue Bedrohung ist eine neue Pandemie. Unterschiedliche Erreger brauchen unterschiedliche Strategien. Die Übertragung bewährter Krisenschemata ohne Anpassung kann zu Verhältnismäßigkeitsproblemen führen – und zu weiterer gesellschaftlicher Erschöpfung gegenüber Gesundheitswarnungen.

Einordnung

Die Affenpocken waren eine echte Bedrohung für bestimmte Menschen und verdienen ernst genommene öffentliche Gesundheitsmaßnahmen. Was der Sommer 2022 zeigt: Gezielte, zielgruppenspezifische Kommunikation kann effektiver sein als breit angelegte Bevölkerungsalarme.

Was bleibt als Frage: Wie lernen Gesundheitsbehörden, differenzierte Botschaften zu senden – ohne das Vertrauen der Bevölkerung durch wiederholte Überalarme zu erschöpfen?

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