Drei Jahre Pause
184.000 Fälle. Dann 519. Dann wieder 292.000. Was das Verschwinden der Grippe in den Pandemiejahren über Statistik, Aufmerksamkeit und offene Fragen verrät.
184.000 Fälle. Dann 519. Dann wieder 292.000. Was das Verschwinden der Grippe über die Pandemiejahre verrät — und was nicht.
Es gibt eine Zahl, die man kennen sollte, bevor man über die Pandemiejahre spricht.
In der Grippesaison 2019/2020 meldeten deutsche Arztpraxen und Labore dem Robert Koch-Institut bis zum 20. April: 184.000 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle.
In der Saison 2020/2021, bis zum selben Datum: 519.
Keine Stelle vergessen. Kein Tippfehler. Einhundertvierundachtzigtausend — gegen fünfhundertneunzehn.
Das RKI selbst schrieb in seinem Wochenbericht: In der Saison 2020/21 sei "weder in Deutschland noch in den anderen europäischen Staaten eine auf Bevölkerungsebene messbare Grippewelle" entstanden. Auch 2021/22: keine Grippewelle im herkömmlichen Sinne.
Zwei Winter ohne Grippe. Zwei Winter, in denen ein Virus, das seit Jahrhunderten jeden Herbst zurückkehrt, praktisch von der Bildfläche verschwand.
Was auf YouTube zu sehen war
Wer in jenen Jahren die Schlagzeilen der Vorjahre kannte, erlebte einen merkwürdigen Kontrast.
ARD Brisant, März 2018: "Grippewelle 2018 — Krematorium schlägt Alarm." Über 50.000 Menschen haben diesen Beitrag bis heute gesehen. Die Saison 2017/18 forderte laut RKI-Exzessschätzung rund 25.000 Tote — mehr als in den meisten anderen Grippejahren.
Hessischer Rundfunk, wenige Jahre zuvor: "Grippewelle in Hessen: Viele Kliniken sind überfüllt." WDR Lokalzeit Bonn: "Grippewelle 2018." WELT: "Influenza hat Deutschland im Griff."
Diese Bilder existierten. Sie waren abrufbar. Ob und wie sie in der Berichterstattung der Pandemiejahre auftauchten, um die Dramatik der Lage zu illustrieren — das kann jeder selbst beurteilen, der die Sendeprotokolle der großen Nachrichtensendungen aus dem Winter 2020/21 kennt. Belegen lässt sich hier nichts. Fragen stellen schon.
Was sich belegen lässt: Im Herbst 2020, während die Öffentlichkeit mit Belegungszahlen, Inzidenzkurven und Überlastungsszenarien konfrontiert wurde, verschwand zeitgleich ein Atemwegsvirus, das in normalen Jahren zigtausend Menschen das Leben kostet — nahezu spurlos.
Die offizielle Erklärung
Das RKI und Virologen verwiesen auf die Pandemiemaßnahmen: Masken, Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen. Diese hätten die Übertragung von Influenzaviren effektiv unterbrochen.
Das ist eine plausible Teilantwort. Influenza überträgt sich ähnlich wie andere Atemwegsviren — Tröpfchen, Aerosole, enge Räume. Wenn Menschen Abstand halten, sinkt die Übertragung.
Aber die Zahlen werfen Folge Fragen auf, die nicht alle beantwortet wurden:
Warum verschwand die Grippe so vollständig — auf 519 Fälle — wenn gleichzeitig SARS-CoV-2 mit Millionen von Infektionen durch dieselbe Bevölkerung zirkulierte? Wenn die Maßnahmen Influenza auf null drückten — warum nicht auch Corona?
Das RKI sprach von "viraler Interferenz" — einem Phänomen, bei dem ein dominierendes Virus andere verdrängt. Das ist bekannt und wissenschaftlich plausibel. Aber auch hier: Die Frage, wie vollständig die Interferenz war und ob Testeffekte eine Rolle spielten, blieb in der öffentlichen Debatte weitgehend ungestellt.
Die Rückkehr
Dann, Herbst 2022: Die Grippe kam zurück.
Und wie. In der Saison 2022/23 meldete das RKI rund 292.000 Influenzafälle — die erste Saison mit hohen Fallzahlen seit Corona, wie Statista dokumentierte. Im Dezember 2022 sprangen die Wochenzahlen innerhalb weniger Wochen von 700 auf über 52.000 gemeldete Fälle.
SAT.1 Bayern, ein Jahr danach: "Grippewelle in Bayern: Arztpraxen und Krankenhäuser am Limit." NTV, vier Monate vor dem heutigen Tag: "Aggressive A/H3N2-Grippewelle wird noch zunehmen." Hessischer Rundfunk: "Grippewelle in Hessen: Viele Kliniken sind überfüllt."
Dieselben Schlagzeilen wie 2016, 2017, 2018. Dieselben überfüllten Praxen. Dieselben erschöpften Ärzte.
Nur ohne Lockdown. Ohne tägliche Inzidenzzähler. Ohne Krematorium-Alarm auf der Titelseite.
Was die Zahlen zeigen — und was sie nicht zeigen
Hier ist, was sich sicher sagen lässt:
Die Grippe verschwand 2020/21 und 2021/22 aus den Statistiken auf eine Weise, die historisch einmalig ist. Das ist durch RKI-Daten belegt.
Die Grippe kehrte 2022/23 mit vergleichbaren oder höheren Fallzahlen zurück — ebenfalls belegt.
Was sich nicht mit Sicherheit sagen lässt: Ob das Verschwinden vollständig auf die Maßnahmen zurückzuführen ist, ob virale Interferenz eine Rolle spielte, ob Testkapazitäten und -prioritäten die gemeldeten Zahlen beeinflussten — all das sind offene wissenschaftliche Fragen, die eine ehrliche Aufarbeitung beantworten müsste.
Was sich beobachten lässt: Die mediale Aufmerksamkeit für identische Szenarien — überfüllte Praxen, erschöpfte Ärzte, Grippetote — war in den Jahren vor und nach der Pandemie eine andere als in den Pandemiejahren selbst.
Das ist keine Verschwörungsthese. Das ist ein Kontrast, der öffentlich sichtbar ist — für jeden, der YouTube-Suchergebnisse lesen kann.
Was bleibt
Eine Grippesaison wie 2017/18 mit 25.000 Exzessmortalität hätte in den Jahren 2020 bis 2022 den Nachrichtenzyklus wochenlang dominiert.
In den Jahren 2016, 2017 und 2018 dominierte sie ihn nicht — obwohl die Zahlen dieselben waren.
Was sich zwischen damals und heute verändert hat, ist nicht das Virus. Es ist die Aufmerksamkeit.
Wer das bemerkt, hat nicht automatisch eine Antwort. Aber er stellt die richtigen Fragen.
Quellen: RKI Wochenbericht Influenza 2020/21 · Wikipedia: Grippesaison 2020/2021 · Statista/RKI: Influenzafälle Deutschland 2018–2023 · ARD Brisant März 2018 · RKI FAQ Grippesaison
Tags: Grippe, Influenza, RKI, Pandemie-Aufarbeitung, Damals Schwurbelei heute Akte, Grippewelle, Statistik
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