Europas Lebensversicherung

35 Milliarden Euro. 1,8 Milliarden Dosen. Per SMS verhandelt. Die Nachrichten sind nicht mehr auffindbar. Das EU-Gericht hat gesprochen. Die Europäische Staatsanwaltschaft ermittelt.

Europas Lebensversicherung
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Am 20. Mai 2021 unterzeichnete die EU-Kommission den dritten Vertrag mit BioNTech und Pfizer. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete ihn beim WDR Europaforum mit den Worten: „Hier ist Europa vor der Welle. Das ist der größte Impfstoffvertrag weltweit. Und Europas Lebensversicherung gegen eine Dauerkrise."

Der Vertrag umfasste bis zu 1,8 Milliarden Dosen. Für alle 27 EU-Mitgliedstaaten, im Auftrag von 450 Millionen Bürgern.

Das sind vier Dosen pro Person. Im dritten Vertrag allein.

Was verhandelt wurde — und wie

Der Deal kam nicht durch die regulären Gremien zustande. Nach Berichten der New York Times vom September 2021 handelte von der Leyen den Vertrag persönlich mit Pfizer-Chef Albert Bourla aus — per SMS von ihrem Mobiltelefon.

Die New York Times beantragte Einsicht in die Nachrichten. Die EU-Kommission verweigerte sie: Man habe keine relevanten SMS in seinem Besitz.

Die Europäische Bürgerbeauftragte Emily O'Reilly bezeichnete diesen Umgang als „Missstand in der Verwaltungsführung" und fand es „verwirrend", dass von der Leyen sich weigere, auf Beschwerden einzugehen. Der EU-Rechnungshof kritisierte: Es sei das einzige Mal, dass Vorverhandlungen nicht im Team geführt worden seien.

Im Oktober 2022 bestätigte die Europäische Staatsanwaltschaft (EPPO), dass Ermittlungen eingeleitet wurden. Der Verdacht: Von der Leyen habe den Vertrag eigenmächtig und widerrechtlich abgeschlossen, ohne ausreichende Befugnis.

Was das Gericht feststellte

Am 14. Mai 2025 urteilte das Gericht der Europäischen Union in Luxemburg: Die New York Times und ihre Korrespondentin hätten „relevante Anhaltspunkte für die Existenz von Nachrichten" zwischen von der Leyen und Bourla dargelegt. Die Kommission habe ihren Standpunkt — keine relevanten SMS vorhanden — nicht hinreichend begründet.

Die EU-Kommission muss nun erneut über den Offenlegungsantrag entscheiden. Sie kann das Urteil noch anfechten.

Im Prozess selbst bestritt die Kommission nicht mehr, dass von der Leyen und Bourla per SMS in Kontakt standen. Man habe nur keine Nachrichten gefunden, die „wesentlich für die Verhandlungen" gewesen seien. Mitarbeiter der Kommission seien verpflichtet, Dokumente nur dann zu archivieren, wenn sie als wichtig klassifiziert werden.

Wer klassifiziert, was wichtig ist, blieb unbeantwortet.

Was der Vertrag kostete

Das geschätzte Volumen des dritten Pfizer-Vertrags: 35 Milliarden Euro. Es ist der größte Kaufvertrag, den die EU je mit einem einzelnen Unternehmen geschlossen hat.

Der Preis pro Dosis stieg im Verlauf der Nachverhandlungen von 15,50 auf 19,50 Euro — obwohl die Abnahmemenge zugleich um 25 Prozent stieg. Normale Mengenrabatte gelten in der Einkaufslogik als Standard. Hier stiegen die Stückpreise mit der Menge.

Bis zu 10 Milliarden Euro sollen laut Berichten von Reuters und der Financial Times noch als Zahlungsverpflichtung offen gestanden haben, als die EU in Nachverhandlungen trat. Ein Vergleich wurde diskutiert.

Die Vertragsdetails sind bis heute nicht vollständig öffentlich. Auch das Europaparlament erhielt keine vollständige Einsicht. Pfizer-Chef Bourla erschien nicht vor dem Covid-Untersuchungsausschuss des Parlaments.

Was von den Dosen übrig blieb

Insgesamt bestellte die EU rund 4,6 Milliarden Dosen verschiedener Impfstoffe — bei einer Bevölkerung von 450 Millionen Menschen. Das Präsident des Europäischen Immunologenverbandes, Prof. Andreas Radbruch, erklärte öffentlich: Die Bestellung von zehn Dosen pro Bürger habe „aus immunologischer Sicht zu keinem Zeitpunkt" Sinn ergeben. Die Immunologen hätten damals ein fertiges Statement gehabt, in dem sie vor wiederholter Boosterung warnten — niemand habe sie gefragt.

Verbraucht wurde nach Angaben der Kommission etwa ein Fünftel der Dosen. Der Rest musste vernichtet, umgewidmet oder zu deutlich niedrigeren Preisen weitergegeben werden.

Die Lebensversicherung hatte Ablaufdaten.

Was bleibt

Von der Leyen nannte es „Europas Lebensversicherung gegen eine Dauerkrise."

Was sie nicht sagte: dass der Vertrag weder durch reguläre Gremien noch mit Beteiligung von Immunologen entstanden war. Dass die Verhandlungen per SMS geführt wurden. Dass die SMS heute nicht mehr auffindbar sind. Dass der Preis mit der Menge stieg statt zu sinken. Dass die Europäische Staatsanwaltschaft ermittelt. Dass das EU-Gericht die Kommission im Mai 2025 anwies, ihren Standpunkt zu überdenken.

Die Dokumente, die existieren, sind öffentlich zugänglich — Gerichtsurteile, Rechnungshofberichte, Parlamentsanfragen, NYT-Berichte. Die Dokumente, die nicht existieren, sind das eigentliche Thema.

Quellen: EU-Kommission, Pressemitteilung 20.05.2021, IP/21/2548 (ec.europa.eu) · New York Times, 15.09.2021: „Wie Europa einen Pfizer-Deal mit Textnachrichten und Anrufen abschloss" · Europäische Bürgerbeauftragte, Entscheidung 2022 · Europäische Staatsanwaltschaft EPPO, Bestätigung Ermittlungen Oktober 2022 · Gericht der EU, Urteil T-36/23, 14.05.2025 (curia.europa.eu) · Deutsches Ärzteblatt, 14.05.2025 · ARD plusminus, August 2023 · taz, 23.05.2023 · Berliner Zeitung, August 2023