Die Fußnote, die niemand liest
Eine Lancet-Studie feiert fünf Jahre mRNA-Impfstoffe. Die Presse übernimmt die Zahlen. Nur die eigene Interessenkonflikt-Erklärung der Studie schafft es in keine Zusammenfassung.
Fünf Jahre, eine Meldung, eine Fußnote
Ende Juni 2026 veröffentlichte The Lancet eine große Rückschau: fünf Jahre mRNA-Impfstoffe, Milliarden verabreichte Dosen, eine der umfassendsten Bewertungen ihrer Art (1). Wenige Tage später übernahmen Zeitungen in der ganzen deutschsprachigen Presse die Kernbotschaft nahezu wortgleich: Die Impfstoffe seien sicher, hochwirksam, und die Wissenschaft habe in Rekordzeit geliefert (3).
Die Zahlen aus der Studie klingen eindrücklich: rund 87 Prozent Schutz vor jeder dokumentierten Infektion, 93 Prozent vor Hospitalisierung, 94 Prozent vor einem tödlichen Verlauf innerhalb von 14 bis 42 Tagen nach Impfung. Schwere Nebenwirkungen werden als "exceedingly rare" beschrieben – mit Raten von rund 12,6 Fällen von Herzmuskelentzündung pro Million Dosen bei Biontech/Pfizer und 35,6 pro Million bei Moderna (2). Ein Tübinger Infektionsmediziner wird zitiert, wie schnell die Wissenschaft sein könne, "wenn nur der politische Wille und ausreichend Mittel vorhanden sind" (3).
Das ist die Schlagzeile. Sie ist nicht falsch. Sie ist nur nicht die ganze Meldung.
Die Fußnote
Am Ende derselben Studie, im Abschnitt "Declaration of interests", steht das hier – Punkt für Punkt, im Original nachlesbar über die Lancet-Pressestelle (2):
Die Erstautorin sitzt im wissenschaftlichen Beirat mehrerer Biotech-Firmen und war Projektnehmerin von Pfizer-finanzierten Vorhaben. Eine Ko-Autorin hat für AstraZeneca, GSK, Moderna, Novavax, Pfizer, Roche und Sanofi Pasteur beraten. Ein weiterer Ko-Autor erhielt Fördergelder von GSK, Moderna und der Gates Foundation, hält Honorarvorträge an mehreren US-Universitäten und berät das Gates Medical Research Institute. Eine Ko-Autorin war stimmberechtigtes Mitglied im kanadischen Impfberatungsgremium und erhielt zugleich Fördergelder von der durch Gates mitfinanzierten Impfallianz CEPI. Ein Ko-Autor sammelte Fördergelder von GSK, Merck, Moderna, Pfizer und Sanofi-Pasteur und leitete gleich zwei Datensicherheits-Ausschüsse für Covid-19-Impfstoffstudien. Ein weiterer Autor beriet Sanofi Pasteur.
Keine dieser Angaben ist geheim. Sie stehen dort, wo die medizinische Fachwelt sie erwartet: im Interessenkonflikt-Abschnitt, nach den Regeln des International Committee of Medical Journal Editors, die genau dafür geschaffen wurden, dass sich "Politiker, Entscheidungsträger, Patient und Öffentlichkeit bei der Meinungsbildung auf die Erklärungen verlassen" können (4). Die Autorinnen und Autoren haben nichts verheimlicht. Sie haben getan, was von ihnen verlangt wird.
Nur: In keiner der großen Zusammenfassungen, die diese Woche durch die deutschsprachige Presse liefen, taucht dieser Abschnitt auf.
Das Muster
Das ist kein Einzelfall und auch kein Verdacht, sondern ein seit Jahren dokumentiertes Problem des Wissenschaftsjournalismus. Das an der TU Dortmund angesiedelte Monitoring-Projekt "Medien-Doktor" prüft seit 2010 systematisch, ob deutschsprachige Gesundheitsberichterstattung Interessenkonflikte von zitierten Forschenden benennt – und kommt regelmäßig zu dem Schluss, dass genau dieser Punkt zu den am häufigsten übergangenen Qualitätskriterien gehört (5). Fachpublikationen aus dem Bereich Gesundheitsjournalismus beschreiben denselben Befund: Ein Forscher verteidigt in einem Beitrag das Ergebnis einer Studie, ohne dass erwähnt wird, dass er Mitbegründer des betroffenen Impfstoffherstellers ist (6).
Das Muster ist strukturell, nicht persönlich: Pressemitteilungen von Fachjournalen enthalten die Erklärung korrekt – sie steht dort, oft seitenlang, am Ende eines langen Fließtexts. Redaktionen übernehmen die Kernbotschaft der Pressemitteilung (Wirksamkeit, Sicherheit, Zitat der Erstautorin), lassen aber den letzten Absatz weg. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Fußnoten selten ins Layout passen und noch seltener ins Zeitbudget.
Das Ergebnis ist trotzdem real: Wer nur die Schlagzeile liest, erfährt etwas über die Wirksamkeit von mRNA-Impfstoffen. Wer auch die Fußnote liest, erfährt zusätzlich etwas über die Finanzierungsstruktur der globalen Impfstoffforschung – dass praktisch jede große Übersichtsarbeit zu diesem Thema von Menschen geschrieben wird, deren Karrieren, Gremiensitze und Forschungsgelder mit genau den Herstellern verflochten sind, deren Produkte bewertet werden. Das macht die Zahlen nicht automatisch falsch. Es macht sie aber einordnungsbedürftig – und genau diese Einordnung bleibt beim Publikum aus.
Hoffnung
Die gute Nachricht: Dieses Problem ist lösbar, und es wird bereits gelöst – nur eben noch zu selten. Der Medien-Doktor zeigt seit anderthalb Jahrzehnten, dass Interessenkonflikt-Transparenz ein prüfbares, trainierbares Handwerkskriterium ist, kein weltanschauliches Streitthema (5). Jede Leserin, jeder Leser kann den gleichen Test selbst durchführen, den dieser Artikel gemacht hat: Bei der nächsten großen Studien-Schlagzeile die Original-Pressemitteilung oder den Fachartikel suchen, zum Abschnitt "Declaration of interests" oder "Funding" scrollen – und selbst urteilen, ob das, was dort steht, in der Zusammenfassung hätte auftauchen müssen.
Das ist kein Misstrauen gegenüber der Wissenschaft. Es ist genau die Sorgfalt, die die Wissenschaft sich selbst per Statut auferlegt hat, als sie die Deklarationspflicht einführte. Man muss sie nur zu Ende lesen.
Quellen
- The Lancet: "Safety and efficacy of mRNA vaccines: a mechanistic and public health perspective", veröffentlicht 30. Juni 2026, DOI 10.1016/S0140-6736(26)00512-X.
- The Lancet / EurekAlert-Pressemitteilung vom 30.6.2026 mit vollständigem Wortlaut der "Declaration of interests" sowie den zitierten Wirksamkeits- und Sicherheitszahlen.
- Syndizierte Zusammenfassung derselben Studie in der deutschsprachigen Tagespresse (NZZ/WELT), inklusive Zitat eines Tübinger Infektionsmediziners zur Entwicklungsgeschwindigkeit.
- International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) – Begründung der einheitlichen Interessenkonflikt-Erklärungspflicht für medizinische Fachzeitschriften.
- Medien-Doktor, Monitoring-Projekt für Gesundheitsjournalismus an der TU Dortmund (Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus), seit 2010.
- Fachbeitrag aus dem Bereich Gesundheitsjournalismus zur wiederkehrenden Auslassung von Interessenkonflikten bei der Zitierung von Impfstoffforschenden in Medienbeiträgen.