Das geschwärzte Gedächtnis
Ein Journalist verklagt ein Bundesinstitut auf Herausgabe seiner eigenen Protokolle - und bekommt tausend geschwärzte Stellen.
Ein Journalist verklagt ein Bundesinstitut auf Herausgabe seiner eigenen Protokolle. Er bekommt sie — mit über tausend geschwärzten Stellen. Die Begründung für die Schwärzungen füllt allein 1.059 Seiten. Bezahlt vom Steuerzahler.
Es war ein unspektakulärer Vorgang, der in der deutschen Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit fand: Im Jahr 2022 stellte Paul Schreyer, Herausgeber des Onlinemagazins Multipolar, einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Er wollte die internen Sitzungsprotokolle des RKI-Krisenstabs aus den Jahren 2020 bis 2023 einsehen — jene Dokumente also, auf deren Grundlage Deutschland Schulen schloss, Ausgangssperren verhängte und eine gesamte Gesellschaft umstrukturierte.
Das RKI lieferte. Aber es lieferte Tinte auf weißem Papier — und schwarze Balken auf allem, was unbequem sein könnte.
AKT 1
Die herausgegebenen Protokolle umfassten mehr als 2.500 Seiten — und enthielten über tausend Schwärzungen. Das RKI begründete dies mit dem Schutz personenbezogener Daten und dem Schutz interner Beratungsprozesse. Beides sind anerkannte Gründe nach deutschem Recht.
Was auffiel: Geschwärzt waren nicht nur Namen. Geschwärzt waren auch inhaltliche Einschätzungen — Passagen, in denen RKI-Mitarbeiter offenbar eigene Zweifel an politischen Entscheidungen formuliert hatten. Die Kanzlei Raue, beauftragt mit der Durchführung der Schwärzungen, erstellte ein eigenes Dokument zur Begründung jeder einzelnen Stelle.
1.059
Erstellt von der beauftragten Anwaltskanzlei Raue —
finanziert aus Steuermitteln. Das Dokument ist länger
als die meisten der geschwärzten Protokolle selbst.
Schreyer klagte auf vollständige Offenlegung. Vor Gericht erklärte ein Vertreter der Kanzlei Raue, dass für bestimmte Zeiträume keine Protokolle vorlägen — es könne nicht einmal bestätigt werden, ob die entsprechenden Sitzungen stattgefunden hätten. Der Klägeranwalt Christoph Partsch widersprach scharf: Das RKI hatte bereits bestätigt, dass diese Sitzungen abgehalten worden waren.
Das Argument "nicht mehr auffindbar" blieb im Raum stehen. Bis ein Whistleblower zeigte, wo die Protokolle lagen.
SCHWÄRZUNGS-DEMO
„Aus fachlicher Sicht ██████████████████████████████, Gesamtbevölkerung trägt bei. Aus fachlicher Sicht nicht korrekt."
→ Nach Entschwärzung (Mai 2024): „Aus fachlicher Sicht nicht korrekt" — bezogen auf den Begriff „Pandemie der Ungeimpften". (Protokoll 5. November 2021)
AKT 2
Im Mai 2024 veröffentlichte das RKI eine weniger geschwärzte Version der Protokolle auf seiner eigenen Website. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sprach von „maximaler Transparenz". Was die neue Version zeigte, war bemerkenswert — nicht als Verschwörungsbeleg, sondern als nüchterne Beschreibung interner Vorgänge.
GEGENÜBERSTELLUNG: Was drin stand
Was die entschwärzten Protokolle zeigten
Öffentliche Kommunikation
Intern — laut Protokoll
Winter 2020/21 · Öffentlichkeit
Schulschließungen seien notwendig, um die Ausbreitung einzudämmen. Kinder seien ein relevantes Übertragungsrisiko.
Pressemitteilungen RKI / Bundesregierung 2020
Protokoll · Früh 2020
Bereits Ende Februar 2020 wusste das RKI, dass Kinder keine bedeutenden Glieder in Transmissionsketten sind und eine COVID-19-Erkrankung meist ohne größere Komplikationen überstehen.
Dennoch wurden Schulschließungen durchgesetzt — auf politischen Druck, nicht auf Basis dieser internen Einschätzung.
Quelle: RKI-Protokolle (entschwärzt Mai 2024)
Öffentliche Kommunikation
Intern — laut Protokoll
Herbst/Winter 2021 · Öffentlichkeit
„Pandemie der Ungeimpften" — eine Formulierung, die vom Gesundheitsminister in Talkshows, Pressekonferenzen und Bundestagsreden verwendet wurde, um eine Impfpflicht zu begründen.
Diverse Medien, Nov.–Dez. 2021
Protokoll · 5. November 2021
„Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei."
Das schrieben RKI-Mitarbeiter in ihr internes Protokoll — während der Begriff außen weiter verwendet wurde.
Quelle: RKI-Krisenstab-Protokoll 05.11.2021
Öffentliche Kommunikation
Intern — laut Protokoll
Dezember 2020 · Öffentlichkeit
Der harte Lockdown im Dezember 2020 sei eine wissenschaftlich begründete Notfallmaßnahme zur Rettung von Leben.
Bundesregierung / RKI-Verlautbarungen Dez. 2020
Protokoll · 16. Dezember 2020
Der Lockdown habe „zum Teil schwerere Konsequenzen als Covid selbst."
Und: Geimpften Privilegien zu gewähren sei „fachlich nicht begründbar und nicht sinnvoll" — notiert am 5. März 2021, kurz bevor genau das eingeführt wurde.
Quelle: RKI-Protokolle (entschwärzt Mai 2024)
AKT 3
Im Juli 2024 wandte sich ein Whistleblower — eine ehemalige Mitarbeiterin des RKI — an die freie Journalistin Aya Velázquez. Übergeben wurde ein Datensatz von über zehn Gigabyte: die vollständigen, ungeschwärzten Protokolle des Krisenstabs von 2020 bis 2023.
Velázquez veröffentlichte das Material auf der Website rki-transparenzbericht.de und hielt eine Pressekonferenz ab. Was die ungeschwärzten Versionen zusätzlich zeigten: Hinter mehreren geschwärzten Namen verbarg sich Lars Schaade — damals stellvertretender RKI-Präsident, heute Präsident des Instituts.
Und ein Detail aus einem ganz anderen Kontext: Im Mailverkehr des Bundesgesundheitsministeriums, den ein weiterer Leak publik machte, trug eine interne Datei den Namen „Debunk Homburg" — ein Kampagnenpaket zur öffentlichen Gegenkommunikation gegen einen einzelnen Kritiker.
Die wissenschaftliche Unabhängigkeit des RKI von der Politik ist insofern eingeschränkt.
Exkurs: Die Wissenschaftler, die man erledigen wollte
Die RKI-Protokolle sind die eine Geschichte. Parallel dazu lief eine andere, die das Muster noch deutlicher macht: Was geschieht, wenn anerkannte Wissenschaftler öffentlich widersprechen?
Am 4. Oktober 2020 veröffentlichten drei Epidemiologen ein Dokument in Great Barrington, Massachusetts. Ihre Kernthese: Statt flächendeckender Lockdowns solle man gezielt die Risikogruppen schützen und der Mehrheit der Bevölkerung ein normales Leben ermöglichen. Sie nannten es Focused Protection.
Der damalige NIH-Direktor Francis Collins bezeichnete die drei intern als „fringe epidemiologists" und rief öffentlich zu einer „schnellen und vernichtenden Widerlegung" auf — das ist dokumentiert durch Mails, die später im Rahmen von US-Freiheitsinformationsgesuchen veröffentlicht wurden.
Oktober 2020 — Reaktion
2025 — Dokumentierter Stand
Oktober 2020
Die Great Barrington Declaration sei unwissenschaftlich, gefährlich und von einem libertären Think Tank gesponsert. Ihre Autoren seien Außenseiter ohne Relevanz für den epidemiologischen Mainstream.
Correctiv, Volksverpetzer und andere deutschsprachige Faktenchecker bezeichneten die Erklärung als irreführend. Deutsche Virologen distanzierten sich öffentlich.
Verschiedene Faktenchecks, Okt.–Nov. 2020
2024/2025
Jay Bhattacharya, einer der drei Erstunterzeichner, ist seit 2025 Direktor der US-amerikanischen NIH — des National Institutes of Health, der wichtigsten Gesundheitsforschungsbehörde der USA.
Mehrere Kernargumente der Deklaration — Kollateralschäden von Lockdowns, fehlende Evidenz für Schulschließungen, Schutz statt Generalmaßnahme — sind heute in der Fachliteratur breit diskutiert und teilweise bestätigt.
Quelle: NIH-Ernennung Bhattacharya, Jan. 2025; Cochrane Review Maskenstudien 2023; diverse Meta-Analysen zu Lockdown-Folgen
Das ändert nicht alles an der Barrington-Debatte. Der Vorwurf des AIER-Sponsorings durch einen politisch gefärbten Think Tank ist real und sollte benannt werden. Die Frage, ob Focused Protection praktisch umsetzbar gewesen wäre, ist offen. Herdenimmunität als Ziel blieb umstritten.
Was nicht offen ist: Der Unterschied zwischen inhaltlicher Kritik und institutioneller Vernichtung. Collins' Mail ist kein Dokument wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Sie ist ein Vernichtungsauftrag.
Was bleibt
Die RKI-Protokolle sind keine Enthüllung im klassischen Sinne. Sie beweisen keine Lüge mit Vorsatz. Was sie zeigen, ist strukturierter: ein System, in dem wissenschaftliche Einschätzungen nach innen anders lauteten als nach außen — und in dem diese Diskrepanz durch Schwärzungen, Kanzleigebühren und den Begriff "nicht mehr auffindbar" verwaltet wurde.
Paul Schreyer hat diese Dokumente vier Jahre lang erkämpft. Aya Velázquez hat sie veröffentlicht, als ein Gewissen sie ihr übergab. Das sind keine spektakulären Helden. Das sind Menschen, die ein einfaches Recht auf Auskunft ernst genommen haben.
- RKI-Krisenstab-Protokolle, geschwärzte Fassung (März 2024, Multipolar/Schreyer)
- RKI-Protokolle, entschwärzte Fassung (Mai 2024, RKI-Website)
- RKI-Protokolle, vollständiger Leak (Juli 2024, Aya Velázquez / rki-transparenzbericht.de)
- Gerichtsverfahren: RKI vor dem Berliner Verwaltungsgericht — „nicht mehr auffindbar"-Aussage, dokumentiert bei Kettner Edelmetalle / July 2024
- Bastian Barucker auf X: Datei „Debunk Homburg" im BMG-Mailverkehr, Jan. 2024
- Great Barrington Declaration, 4. Oktober 2020 (greatbarringtondeclaration.com)
- Francis Collins-Mail: „schnelle und vernichtende Widerlegung" — veröffentlicht via FOIA (USA), zit. nach mehreren englischsprachigen Quellen
- Ernennung Jay Bhattacharya zum NIH-Direktor, Januar 2025
- Ärzteblatt: „RKI-Krisenstabsprotokolle: Momentaufnahmen der Coronapandemie", Juli 2024
- Multipolar Magazin: „RKI-Protokolle: Wer ordnete den Lockdown an?", September 2024
Was Informationsfreiheit bedeutet
Deutschland hat seit 2006 ein Informationsfreiheitsgesetz. Es erlaubt jedem Bürger, bei Bundesbehörden Auskunft zu beantragen. Viele Länder und Kommunen haben vergleichbare Regeln — oder verweigern sie. Der IFG-Antrag kostet nichts außer Geduld und manchmal Ausdauer vor Gericht. Dass diese Protokolle überhaupt existieren, ist dem Gesetz zu verdanken. Dass sie vollständig vorliegen, einer Person, die ihr Gewissen schwerer wog als ihre Stelle.
Redaktioneller Hinweis: Die Great Barrington Declaration wird hier ausschließlich in Bezug auf die dokumentierte institutionelle Reaktion auf ihre Autoren behandelt — nicht als umfassende Bewertung ihrer Thesen. Inhaltliche Kritik an der Deklaration (Umsetzbarkeit von Focused Protection, AIER-Kontext) ist legitim und wird nicht unterschlagen. Entscheidend für diesen Artikel ist die Diskrepanz zwischen dem Umgang mit den Autoren damals und ihrer wissenschaftlichen Reputation heute.