Die Grippeimpfung als Erfolgsgeschichte – und das Muster, das sich dahinter verbirgt

Die Grippeimpfung gilt als Erfolgsgeschichte. Doch wer den Zahlen bis zur Quelle folgt, findet ein vertrautes Muster: bescheidener Nutzen, still korrigierte Zahlen, schwaches Vertrauen ausgerechnet dort, wo es am nötigsten wäre.

Die Grippeimpfung als Erfolgsgeschichte – und das Muster, das sich dahinter verbirgt
Photo by Steve Lieman / Unsplash

1933 isolieren drei Forscher am Londoner Medical Research Council erstmals das menschliche Influenzavirus. 1945 wird der erste Impfstoff zugelassen. Heute, 2026, laufen Phase-3-Studien für mRNA-Grippeimpfstoffe. Auf dem Papier ist das eine der saubersten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin – Virus entdeckt, Impfstoff gebaut, jährlich verfeinert, ein globales Überwachungssystem aufgebaut, das rund um die Uhr beobachtet, welche Stämme gerade zirkulieren.

Wer aber nicht bei der Überschrift stehen bleibt, sondern in die Primärquellen geht – CDC, Cochrane, WHO, BMJ – findet unter dieser Erfolgsgeschichte ein zweites, unbequemeres Muster. Es geht nicht darum, ob die Impfung wirkt. Sie wirkt, saisonal schwankend. Es geht darum, wie aus einem bescheidenen, unsicheren Nutzen in der öffentlichen Kommunikation eine Gewissheit wird – und was passiert, wenn diese Gewissheit an der Realität scheitert.

Die Zahl, die niemand auf dem Beipackzettel liest

Der methodisch strengste verfügbare Evidenzkörper stammt von Tom Jefferson und Kollegen bei Cochrane: 52 klinische Studien, über 80.000 Teilnehmer. Ergebnis bei gesunden Erwachsenen: Die Number Needed to Vaccinate liegt bei 71 – 71 Menschen müssen geimpft werden, um einen einzigen laborbestätigten Grippefall zu verhindern. Auf Krankenhauseinweisungen hat die Impfung laut Cochrane „little or no appreciable effect", auf Arbeitsausfalltage praktisch keinen messbaren Effekt.

Das ist kein Nebensatz aus einem obskuren Blog. Das ist Cochrane – die Institution, deren Reviews als Goldstandard evidenzbasierter Medizin gelten.

Ein Satz wie „71 Geimpfte für einen verhinderten Fall, kein belegter Effekt auf Hospitalisierungen" wäre 2021, im Munde eines öffentlich verbrannten Kritikers, sofort als gefährliche Desinformation gebrandmarkt worden. 2018 steht er, fast wortgleich, in einem Cochrane-Review – und wird von der Fachwelt als solide Wissenschaft zitiert. Der Unterschied lag nie in der Aussage. Er lag darin, wer sie aussprach.

Am schwächsten genau dort, wo es zählen sollte

Die eigentliche Zielgruppe der jährlichen Grippekampagnen sind ältere Menschen. Genau dort ist die Evidenzlage am dünnsten. Die WHO selbst stuft ihr Vertrauen in Wirksamkeitsschätzungen bei Älteren als „low" ein. Ein systematischer Review von Jefferson et al. im Lancet fand keinen signifikanten Effekt auf Influenza, grippeähnliche Erkrankungen oder Lungenentzündung bei zuhause lebenden Senioren. Eine gepoolte CDC-Analyse über fünf Saisons ergab gegen den Stamm H3N2 bei Über-65-Jährigen eine Wirksamkeit von 14 Prozent – statistisch nicht von null zu unterscheiden.

Der oft zitierte „50 Prozent weniger Sterblichkeit" bei geimpften Senioren stammt fast ausschließlich aus Beobachtungsstudien – nicht aus randomisierten Studien. Eine Übersichtsarbeit von Lone Simonsen im Archives of Internal Medicine nennt diesen Wert biologisch kaum plausibel, da Influenza maximal rund zehn Prozent der winterlichen Übersterblichkeit ausmacht. Mit anderen Worten: Ein Effekt, der größer ist als das, was die Krankheit überhaupt verursachen kann.

Die Zahl, die die CDC selbst zurückzog

2005 wies der BMJ-Journalist Peter Doshi auf eine Ungereimtheit hin: Die CDC kommunizierte eine 80-prozentige Steigerung der geschätzten Grippetoten – von 20.000 auf 36.000 pro Jahr –, während die tatsächlich in den amtlichen Sterbestatistiken erfassten Grippetoten im selben Zeitraum um 30 Prozent sanken. Die Differenz: Die 36.000 waren ein statistisches Modell, keine gezählten Fälle. 2001 etwa verzeichnete die nationale Sterbestatistik unter „Influenza und Pneumonie" 62.034 Tote – davon ganze 257 mit der Diagnose Influenza, nur 18 davon laborbestätigt.

Fünf Jahre lang verteidigte die CDC ihr Modell. 2010 – nach anhaltender Kritik – gab sie die starre Zahl auf und ersetzte sie durch eine Spanne von 3.300 bis 49.000 Toten pro Jahr, je nach Saison. Ein CDC-Wissenschaftler sagte gegenüber Reuters offen: „Es ist im Grunde bedeutungslos zu definieren, was in einer durchschnittlichen Grippesaison passiert." Diese Einsicht kam still, in einer Fußnote der Wissenschaftsgeschichte – nicht mit derselben Reichweite wie die ursprüngliche Alarmzahl.

Wenn das System danebenliegt

Jedes Jahr entscheidet die WHO acht Monate im Voraus, welche Virusstämme in den nächsten Impfstoff kommen – ein struktureller Vorlauf, in dem sich Viren weiterentwickeln können. Eine CDC-Analyse über 34 Saisons zeigt: Nur in gut 20 Prozent der Fälle traf die Auswahl mehr als die Hälfte der tatsächlich zirkulierenden Viren. Seit 1998 lag die WHO-Empfehlung zwölfmal bei H3N2 daneben, zehnmal bei Influenza B.

2025/26 traf genau das wieder ein: Ein neu aufgetauchter H3N2-Subclade, der erst nach der Stammauswahl entstand, ließ in England 95,6 Prozent der sequenzierten Viren „antigenetisch entfernt" vom Impfstamm erscheinen. Die Wirksamkeit bei Erwachsenen fiel auf 22 bis 34 Prozent, bei Über-65-Jährigen in Kalifornien auf 22 Prozent.

1976: Die Blaupause für jede spätere Vertrauenskrise

Anfang 1976 erkrankten Rekruten in Fort Dix an einer neuen Schweinegrippe-Variante, ein Soldat starb. Aus Furcht vor einer Wiederholung von 1918 ordnete Präsident Ford ein nationales Impfprogramm an. Binnen zehn Wochen wurden rund 43 Millionen Amerikaner geimpft. Dann häuften sich Fälle des Guillain-Barré-Syndroms – 94 gemeldete Fälle in mindestens 14 Bundesstaaten, vier davon tödlich. Am 16. Dezember 1976 wurde das Programm gestoppt. Die befürchtete Pandemie war nie gekommen. Der CDC-Direktor verlor sein Amt, und ein Misstrauen gegenüber Grippeimpfungen entstand, das sich bis heute in den Impfquoten spiegelt.

Es ist dasselbe Grundmuster, das sich 2025 wiederholte, als in den USA das gesamte Impfberatungsgremium ACIP ausgetauscht wurde – begründet mit Interessenkonflikten, während eine unabhängige Prüfung zeigte, dass von 17 entlassenen Mitgliedern laut CDC-eigenem Transparenz-Tool nur eines einen offengelegten Konflikt hatte. Gleichzeitig belegen Auszahlungsdaten reale, wenn auch moderate Zahlungen von Herstellern an einzelne frühere Mitglieder. Beide Fakten stehen nebeneinander – keines widerlegt das andere, beide zeigen, wie schwer Vertrauen in diesem Feld zu kalibrieren ist.

Was das für die Aufarbeitung bedeutet

Diese Recherche handelt nicht davon, ob Grippeimpfungen sinnvoll sind. Sie wirken, moderat, saisonabhängig, bei Kindern deutlicher als bei Älteren. Sie handelt von etwas anderem: einem wiederkehrenden Muster, wie aus vorsichtiger, unsicherer Wissenschaft eine öffentliche Gewissheit gemacht wird – und wie lange es dauert, bis Korrekturen denselben Weg in die Öffentlichkeit finden wie die ursprüngliche Behauptung.

Genau dieses Muster – frühe Zuversicht, späte und leise Korrektur, verhärtete Fronten dazwischen – ist der rote Faden, der von der Grippeimpfung der 1970er-Jahre bis zur Corona-Kommunikation von 2020 bis 2023 reicht. Wer das eine verstanden hat, erkennt das andere schneller wieder.

Ausgewählte Primärquellen: Cochrane Review CD001269 · CDC Flu Vaccine Effectiveness Studies · Doshi, BMJ 2005 · Reuters, CDC-Revision 2010 · CDC Museum, 1976 Swine Flu · Think Global Health, ACIP-Transparenz 2025