Keine Schauspieler. Nichts ist gefaked.
Vier staatliche Impfkampagnen. Vier dokumentierte Fehler. Alle vom selben Absender — der gleichzeitig Standards für andere setzte.
Vier Kampagnen. Vier dokumentierte Fehler. Alle vom selben Absender.
Das Bundesgesundheitsministerium koordinierte zwischen 2021 und 2022 mehrere große Kommunikationskampagnen zur Corona-Impfung. In diesem Zeitraum wurden Bürgerinnen und Bürger, die nicht verifizierte Gesundheitsinformationen teilten, auf sozialen Plattformen gesperrt, gemeldet oder mit Warnhinweisen versehen.
Was das Ministerium selbst in dieser Zeit veröffentlichte, ist dokumentiert.
Fall 1: Der Joker — und die Korrektur nach sechs Stunden
- Juni 2021. Das Bundesgesundheitsministerium twitterte mit offiziellem Verifikationshaken: Die Schutzimpfung sei „unser Joker in der Pandemiebekämpfung". Günther Jauch habe sich impfen lassen. Dazu ein Foto von Jauch mit Pflaster am Arm.
Sechs Stunden später erschien vom selben Account die Korrektur:
„Uns ist leider ein Fehler unterlaufen. Günther Jauch will sich impfen lassen."
Das Ministerium hatte eine falsche Tatsachenbehauptung über eine lebende Privatperson verbreitet — ungeprüft, mit Bundesadler. Keine Pressemitteilung. Keine Entschuldigung.
Fall 2: Der falsche Arm
Ebenfalls im Rahmen von #ÄrmelHoch warb Schauspielerin Uschi Glas für die Kampagne. Im Video wird sie am rechten Arm geimpft. Das Kampagnenfoto zeigt das Pflaster am linken Arm.
Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte auf Nachfrage: Die Impfszene war gestellt. Der Dreh fand in einem noch nicht geöffneten Impfzentrum statt. Die eigentliche Impfung erfolgte Wochen später.
Eine staatliche Impfkampagne arbeitete mit einer inszenierten Impfszene — und kommunizierte das nicht.
Faktenchecker bewerteten die Reaktion darauf als „fehlenden Kontext" und richteten ihre Kritik gegen jene, die die Diskrepanz aufgezeigt hatten.
Fall 3: Die vertauschte Grafik
- Januar 2022. Das Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte auf Twitter eine Grafik zum Verhältnis geimpfter und ungeimpfter Menschen in deutschen Krankenhäusern.
Die Werte für Geimpfte und Ungeimpfte waren in der Grafik vertauscht — sie widersprachen der begleitenden Textaussage. Zusätzlich war das Größenverhältnis der dargestellten Flächen rechnerisch falsch: Das Quadrat für Ungeimpfte war mehr als doppelt so groß dargestellt, wie das tatsächliche Verhältnis es erlaubt hätte.
Auch das bestätigte letztlich CORRECTIV — jene Organisation, die in derselben Zeit Hunderte von Bürger-Beiträgen als irreführend eingestuft hatte.
Fall 4: „Keine Schauspieler. Nichts ist gefaked."
Oktober 2022. Neue Kampagne: „Ich schütze mich." 84 Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, so die Ankündigung auf der Bundespressekonferenz, würden ihre persönlichen Gründe für die Impfung schildern. Der Minister wörtlich:
„Das sind 84 echte Personen, keine Schauspieler, nichts ist gefaked, niemand hat Geld bekommen."
Wenige Tage nach dem Launch: Ein Nutzer auf Twitter fand zwei der 84 Darsteller auf der Website einer Kölner Casting-Agentur für Laiendarsteller. Einer davon — als „Rentner Uwe" präsentiert, Freiheitskämpfer, DDR-Widerstandler — betrieb nach Berichten in sozialen Netzwerken zudem einen Stripchat-Kanal.
Das Ministerium bestätigte: Ja, er sei Laienschauspieler. Er sei aber in seiner Eigenschaft als DDR-Widerständler gebucht worden, nicht als Schauspieler. Und er habe keine Gage, sondern eine „niedrige Aufwandsentschädigung" erhalten.
Ein Kommentar dazu erhielt innerhalb eines Tages mehr als 2.600 Likes:
„Wir sind an dem Punkt der Impfkampagne, an dem das Gesundheitsministerium Rentner vom Stripchat abwirbt."
Der Bundesrechnungshof stellte später fest: Die Vergabe der Kampagne über 44,8 Millionen Euro erfolgte ohne Ausschreibung an eine Hamburger Agentur — obwohl ein Rahmenvertrag mit einer anderen Agentur bestand. Das verstieß gegen das Vergaberecht. Ein Bundestagsabgeordneter erstattete Strafanzeige wegen Untreue und Vorteilsnahme. Die beauftragte Agentur hatte zuvor den SPD-Wahlkampf 2021 verantwortet.
Das Ministerium wies alle Vorwürfe zurück.
Das Muster
Vier Vorfälle in zwei Jahren. Falsche Tatsachenbehauptungen über Prominente. Inszenierte Bilder ohne Kennzeichnung. Vertauschte Statistiken. Falsche Angaben auf der Bundespressekonferenz.
In jedem dieser Fälle gab es keine institutionelle Selbstkritik — nur stille Löschungen, Korrekturen ohne Eingeständnisse, oder die Umdeutung des Problems zu einem Problem derer, die es benannten.
Wer in dieser Zeit auf sozialen Plattformen Inhalte teilte, die als nicht verifiziert galten, riskierte Sperren, Meldungen oder automatische Warnhinweise.
Wer die Maßstäbe festlegt, muss sich an ihnen messen lassen.
Quellen: Twitter/@BMG_Bund, 27. Juni 2021 (Original-Tweet und Korrektur) · Bundesgesundheitsministerium, Pressemitteilung zur #ÄrmelHoch-Kampagne, April 2021 · dpa-Faktencheck, 8. April 2021 · CORRECTIV-Faktencheck zu Uschi Glas, 12. April 2021 · CORRECTIV-Faktencheck zur BMG-Krankenhaus-Grafik, 20. Januar 2022 · T-Online / Apotheke Adhoc zu BMG-Nebenwirkungen-Tweet, Juli 2022 · Tichys Einblick, 12. November 2022 · Junge Freiheit, 14. November 2022 · martinlejeune.de · Bundesrechnungshof-Bericht zur Kampagne „Ich schütze mich" · Apotheke Adhoc, 4. April 2024