„Keine Ahnung. Kann ich mir nicht erklären."
Oktober 2022: Eine dreifach geimpfte Journalistin wird zum Gesicht einer 30-Millionen-Euro-Impfkampagne. Die naheliegendste Folgefrage bleibt ungestellt. Eine Dokumentation.
Eine Kampagne, zwei Erkrankungen — und die Frage, die niemand stellte.
Oktober 2022. Deutschland geht in den dritten Corona-Herbst. Im Bundespressekonferenzraum stellt Gesundheitsminister Karl Lauterbach die neue Impfkampagne „Ich schütze mich" vor. An seiner Seite: eine bekannte Journalistin, die seit Monaten öffentlich über ihre Erschöpfung schreibt. Kopfschmerzen. Fatigue. Brainfog. Sie kann ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Einfache Haushaltsaufgaben werden zur Herausforderung.
Sie ist das menschliche Gesicht der Kampagne. Und sie ist dreifach geimpft.
Das FAZ-Video der Pressekonferenz vom 14. Oktober 2022 ist öffentlich zugänglich: youtube.com/watch?v=A7DIaV0_mCE (3 Min., FAZ-Kanal)
Was an diesem Tag gesagt wurde
Die Journalistin schildert ihren Weg sachlich: Im Januar 2022 hatte sie sich zum dritten Mal impfen lassen — frisch geboostert, wie sie sagt. Kurz danach die Infektion. Zunächst mild, dann die Langzeitfolgen. 264 Tage später sitzt sie neben dem Minister.
Ein Journalist im Saal stellt die naheliegende Frage: Wie erkläre sie sich, dass sie trotz dreifacher Impfung so schwer erkrankt sei?
Ihre Antwort, dokumentiert von der Berliner Zeitung:
„Keine Ahnung. Kann ich mir nicht erklären."
Der Minister wirbt an diesem Tag für die vierte und fünfte Impfung. Die Kampagne läuft in TV, sozialen Netzwerken, auf Plakaten und in Zeitungen. Budget: über 30 Millionen Euro.
Was an diesem Tag nicht gesagt wurde
Dass Long Covid und das sogenannte Post-Vac-Syndrom — Langzeitbeschwerden nach mRNA-Impfungen — symptomatisch kaum voneinander zu unterscheiden sind, war zu diesem Zeitpunkt in der Fachliteratur bereits diskutiert. Das RKI räumte auf eine Presseanfrage im März 2023 schriftlich ein, dass für Long Covid „kein einheitliches Krankheitsbild abgrenzbar" sei.
Die Frage, welche der beiden Ursachen bei einer dreifach geimpften Person mit Symptombeginn kurz nach dem Booster in Betracht kommt, wurde auf der Bundespressekonferenz nicht vertieft. Sie erschien in keinem der großen Nachrichtenartikel als offener Punkt.
Das ist keine Anschuldigung. Es ist eine Beobachtung.
Es braucht keine Lüge, damit eine wichtige Frage ungestellt bleibt. Es reicht, dass das Stellen dieser Frage mit einem Preis verbunden ist — sozial, beruflich, emotional. In einem solchen Klima zensiert sich eine Gesellschaft selbst. Leise. Ohne Beschluss.
Zwei Erkrankungen, zwei Öffentlichkeiten
Im gleichen Zeitraum dokumentierte die österreichische Kurzdokumentation „Hauptsache GEIMPFT" die Erfahrungen von Kulturschaffenden, die sich gegen die Impfung entschieden hatten: Eine Opernsängerin trug als einzige Ungeimpfte im Ensemble während der Aufführungen — auch auf der Bühne — eine Maske. Andere berichteten von wöchentlichen Erpressungen durch Intendanten. Zwei Interviewpartnerinnen wollten anonym bleiben, weil sie sich aus Verzweiflung über einen gefälschten Impfnachweis informiert hatten.
Ihr Leiden fand keine Bundespressekonferenz.
Das ist kein Vorwurf gegen die Journalistin, die im Oktober 2022 in Berlin saß. Sie war selbst krank. Aber die Asymmetrie ist dokumentiert: Welches Leiden öffentlich sichtbar gemacht wird, ist keine rein medizinische Entscheidung.
Angst denkt nicht
Wenn eine dreifach geimpfte Person trotz Impfung erkrankt und dauerhaft arbeitsunfähig wird — und wenn dies als Argument für die Impfung in einer 30-Millionen-Euro-Kampagne eingesetzt wird — dann wäre die journalistische Nachfrage gewesen:
Welchen Schutz hat die Impfung hier konkret geboten? Und könnte die Impfung selbst Teil der Symptomatik sein?
Keine dieser Fragen erscheint in den zeitgenössischen Berichten als offener Punkt. Die Antwort „Keine Ahnung" blieb unkommentiert stehen.
Warum das heute noch zählt
Es geht nicht darum, rückwirkend Schuldige zu benennen. Es geht darum zu verstehen, wie ein Informationsumfeld entsteht, in dem die naheliegendste Folgefrage nicht als solche wahrgenommen wird.
Das RKI hat inzwischen schriftlich bestätigt, dass Long Covid und Post-Vac diagnostisch nicht sauber trennbar sind. Die Doku über diskriminierte Kulturschaffende ist öffentlich zugänglich. Die Berliner Zeitung hat den Auftritt damals sachlich dokumentiert, einschließlich des Zitats. Das FAZ-Video zeigt die Szene im Original.
Die Quellen liegen auf dem Tisch. Wer sie ansieht, kann selbst urteilen.
Und das — nicht die Kampagne von damals — ist der Fortschritt.
Quellen: FAZ-Video der Bundespressekonferenz, 14.10.2022 (YouTube) · Berliner Zeitung, 14. und 17. Oktober 2022 · taz, 14. Oktober 2022 · watson.de, 16. Oktober 2022 · RKI-Presseanfrage, März 2023 · Dokumentarfilm „Hauptsache GEIMPFT", What's Opera Doc, Januar 2023 (YouTube)
Tags: Long Covid, Post-Vac, Impfkampagne, Medienkritik, Bundespressekonferenz, Wächter ohne Wache, Damals und heute