Kollaps auf Bestellung
Ein System, das angeblich zusammenbrach — und dabei Patienten aus dem Ausland aufnahm. Über Intensivbetten, eine versteckte Verordnung und einen Professor, den man erst Schwurbler nannte.
Ein System, das angeblich zusammenbrach — und dabei Patienten aus dem Ausland aufnahm.
Es war November 2020. Ein Medizinprofessor saß im ZDF-Studio und sagte Dinge, die man damals nicht sagen durfte.
Die Infektionszahlen des Robert Koch-Instituts seien "nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind". Man befinde sich "im Bereich von Mutmaßungen". Das RKI sei "politisch gesteuert". Grundrechte würden eingeschränkt "ohne dass wir eine verwertbare Zahlenbasis haben".
Prof. Dr. Matthias Schrappe, früherer Vize-Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit, sprach das alles live — und sachlich, ohne Aufregung, wie jemand, der einfach beschreibt, was er sieht.
Die Reaktion der Öffentlichkeit war eindeutig. Auf YouTube kursierte das Clip unter dem Titel: "ERNEUT SCHWURBLER IM ZDF — Medizinprofessor Schrappe."
Drei Jahre später publizierte derselbe Professor im Cicero einen Zweiteiler: "Verlorene Jahrzehnte — Zehn Thesen zur Aufarbeitung der Corona-Krise." Keine Anfeindungen mehr. Kein Titel. Nur Analyse.
Was hatte sich geändert? Nicht Schrappe. Die Faktenlage.
Das Bett, das immer voll ist
Stellen Sie sich vor, jemand schreibt eine Schlagzeile: "Autobahn A9 zu 82 Prozent ausgelastet — Kollaps droht."
Sie würden lachen. Eine Autobahn, die zu 82 Prozent genutzt wird, ist eine Autobahn, die funktioniert. Alles andere wäre Verschwendung.
Für Krankenhäuser gilt dasselbe Prinzip — nur dass es kaum jemand weiß.
Deutsche Intensivstationen fahren strukturell bei rund 75 bis 80 Prozent Belegung. Das ist kein Notstand. Das ist der Normalbetrieb. Ein leeres Intensivbett ist ein teures Bett ohne Funktion: Es bindet Pflegepersonal, Geräte, Fläche — ohne Patienten zu versorgen.
Das weiß jede Krankenhausleiterin. Jeder Intensivmediziner. Und jeder, der die Zahlen des DIVI-Intensivregisters je geöffnet hat.
Aber es stand nicht auf den Titelseiten.
Was 2018 geschah — ohne Lockdown
In der Grippewelle 2018 meldete die LVR-Klinik in Bonn: keine neuen Patienten mehr aufgenommen. In der Uniklinik Düsseldorf lagen 28 Grippe-Kranke gleichzeitig. Das RKI vermeldete "stark erhöhte Influenza-Aktivität" in ganz Deutschland, besonders in NRW, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.
Kein Lockdown. Keine Notstandsdekrete. Keine Abendnachrichten mit Intensivbett-Zählern.
Die Kurve im Vergleich: Die Intensivauslastung in der stärksten Covid-Welle lag bei etwa 82 Prozent. In der Grippewelle 2018 bei schätzungsweise 78 Prozent. Der Unterschied — vier Prozentpunkte — reichte für den größten Einschnitt in die Grundrechte der Bundesrepublik seit 1945.
Wenn man sich diesen Vergleich anschaut, stellt sich unweigerlich eine Frage: Hätten wir 2018 auch Schulen schließen müssen?
Der Hebel, den niemand zeigte
Hier beginnt der Teil, der in keiner Tagesschau erklärt wurde.
Das Infektionsschutzgesetz koppelt Maßnahmen unter anderem an die quotale Auslastung von Intensivstationen — also nicht an die absolute Zahl belegter Betten, sondern an den Prozentsatz. Wer die Mathematik kennt, versteht sofort, was das bedeutet: Weniger Betten im Nenner ergeben automatisch eine höhere Auslastungsquote.
Und genau das passierte.
In der Pandemiezeit erhielten Krankenhäuser staatliche Ausgleichszahlungen dafür, dass sie Intensivbetten still legten. Eine eigens erlassene Verordnung des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn regelte die Prämien. Bis zu zehntausend Intensivbetten sollen so aus dem Bestand verschwunden sein.
Der Bundesrechnungshof prüfte später die Förderung und zog ein vernichtendes Fazit: 681 Millionen Euro für Intensivbetten — mit "unklarem Effekt". Die Spur des Geldes verlor sich, wie die Ärztezeitung schrieb, "im föderalen Klein-Klein."
Es war Prof. Schrappe, der diesen Mechanismus als erster wissenschaftlich beschrieb — im Mai 2021, in der Fachzeitschrift Monitor Versorgungsforschung. Sein Befund: Der Rückgang freier Betten scheine "eher Folge der Abnahme der Gesamtkapazität denn Folge einer vermehrten Inanspruchnahme durch Covid-19-Patienten zu sein."
Für diesen Satz bekam er, wie das Fachjournal später dokumentierte, "massive persönliche Anfeindungen."
Der Bundesrechnungshof griff seine Zahlen auf. Und bestätigte sie.
Operation Kleeblatt — oder: Wie 80 Patienten Geschichte schrieben
Im Winter 2021 kamen Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrannten: Militärlogistik, Verlegungsflüge, fünf Bundesländer im Krisenmodus. Die Schlagzeile: "Zahlreiche Kliniken überlastet — Kleeblatt-Verfahren aktiviert."
Was tatsächlich geschah, berichtete Focus Online nüchtern: Rund 80 Patienten wurden verlegt — über fünf Bundesländer verteilt. Nicht alle davon wegen Corona.
80 Patienten. In einem Land mit fast 2.000 Krankenhäusern.
Was gleichzeitig geschah, berichtete das Deutsche Ärzteblatt: Deutsche Krankenhäuser nahmen Intensivpatienten aus Italien und Frankreich auf. Business Insider meldete Verlegungen aus den Niederlanden nach Deutschland.
Ein System, das kollabiert, importiert keine Patienten aus dem Ausland. Es hat keine Kapazitäten, um sie aufzunehmen.
400 Häuser weniger — und niemand hat's gemerkt
Während die Debatte um Auslastungsprozente tobte, lief im Hintergrund ein stiller Prozess weiter, der seit zwei Jahrzehnten andauert.
Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch 2.242 Krankenhäuser. 2023 waren es noch 1.874. Bis Ende 2024 kamen weitere 23 Schließungen hinzu. Allein 2023 und 2024 verschwanden 46 Kliniken — darunter 13 Geburtshilfestationen in einem einzigen Jahr.
Seit dem Jahr 2000 sind über 400 Krankenhäuser weggefallen.
Gleichzeitig schrieben 2024 drei von vier Kliniken Verluste, wie die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentierte.
Das ist die eigentliche Infrastrukturkrise im deutschen Gesundheitswesen. Nicht die Pandemie-Auslastung von 82 Prozent, die auch 2018 bei 78 Prozent lag.
Was bleibt
Schrappe hatte im November 2020 recht. Nicht in allem, was andere ihm in den Mund legten — aber in dem, was er tatsächlich sagte: Die Zahlenbasis war unzureichend. Die Datenlage des RKI genügte wissenschaftlichen Standards nicht. Und Grundrechte wurden eingeschränkt, ohne dass eine verlässliche Grundlage dafür vorlag.
Der Bundesrechnungshof, das Ärzteblatt, das Fachjournal Monitor Versorgungsforschung — sie alle bestätigten später Teile dieses Befundes.
Das ZDF-Interview ist bis heute abrufbar. Wer es sehen will, findet es. Wer es damals sah, weiß, was gesagt wurde.
Was das System, das "kurz vor dem Kollaps" stand, wirklich gerettet hat? Vielleicht der Umstand, dass es nie kurz davor stand.
Weiterführend: Prof. Schrappe im ZDF, 24.11.2020 (YouTube, Original) · Cicero-Podcast mit Schrappe zur Krankenhausreform, Januar 2023 (YouTube) · Bundesrechnungshof-Bericht (Ärztezeitung, 2022) · Prof. Schrappe: Zehn Thesen zur Aufarbeitung (Cicero, 2023)
Tags: Intensivbetten, Krankenhaus, RKI, Schrappe, Kleeblatt, Bundesrechnungshof, Pandemie-Aufarbeitung, Damals Schwurbelei heute Akte
Serie: Damals Schwurbelei — heute Akte