Diese Woche vor drei Jahren: Der Schwarze Schwan, der keiner war

Anfang September 2023 stand BA.2.86 — „Pirola“ — in jeder Schlagzeile: 30 neue Mutationen, ein möglicher „Schwarzer Schwan“. Was daraus wurde, und wo genau die Kommunikation von der Wissenschaft abbog.

Diese Woche vor drei Jahren: Der Schwarze Schwan, der keiner war
Photo by Fabio Jock / Unsplash

Anfang September 2023 hatte die neue Variante bereits einen Namen, eine Nummer und eine Schlagzeile. BA.2.86, inoffiziell „Pirola" getauft, war Mitte August in mehreren Ländern nahezu gleichzeitig aufgetaucht — in Dänemark, Israel, den USA, Südafrika, kurz darauf auch in Deutschland. Die WHO stufte sie am 17. August 2023 als „Variante unter Beobachtung" ein.

Was Fachleute beunruhigte, war real und nachvollziehbar: BA.2.86 trug rund 30 zusätzliche Mutationen im Spike-Protein gegenüber ihrem nächsten Verwandten. Ein solcher Sprung erinnerte an Omikron im November 2021 — und Omikron hatte die Immunlage weltweit binnen Wochen verändert. Dass die Variante an weit auseinanderliegenden Orten fast gleichzeitig gefunden wurde, deutete zudem darauf hin, dass sie schon länger unbemerkt zirkulierte.

Am 1. September 2023 erschien in Fortune ein vielzitierter Beitrag, der die Frage stellte, ob BA.2.86 ein „Schwarzer Schwan" sei — ein Ereignis, das alle Annahmen kippt. Am 4. September folgte bei Al Jazeera eine internationale Einordnung. In dieser Woche stand die Variante in praktisch jedem größeren Medium.

Was tatsächlich geschah

BA.2.86 setzte sich nicht durch. Die Variante blieb in den Herbstmonaten 2023 selten; in Deutschland lag zeitweise EG.5 („Eris") mit rund 47 Prozent der Nachweise vorn, während Pirola nur vereinzelt gefunden wurde.

Was sich durchsetzte, war eine Nachkommenlinie: JN.1, hervorgegangen aus BA.2.86, wurde im Winter 2023/24 weltweit dominant. Insofern war die Sorge, dass aus dieser Linie etwas Großes wird, nicht unbegründet.

Nur eben nicht in der befürchteten Form. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hielt schon in ihrer vorläufigen Bewertung fest, dass es keine Hinweise auf schwerere Verläufe, mehr Krankenhauseinweisungen oder mehr Todesfälle gebe. Später veröffentlichte Auswertungen bestätigten das: Die JN.1-Welle brachte sehr viele Infektionen, aber keine Krankenhaus- und Sterbezahlen, die mit früheren Wellen vergleichbar gewesen wären. Analysen fanden für BA.2.86-Linien sogar ein geringeres Risiko für schwere Verläufe. Es wurden in Deutschland keine neuen Maßnahmen ergriffen.

Wie man das einordnen kann

Es wäre zu einfach zu sagen: falscher Alarm, die Fachleute lagen daneben. Die virologische Beobachtung war korrekt. Eine stark veränderte Variante war aufgetreten, sie verbreitete sich, ihre Nachkommen wurden dominant. Alles davon traf ein.

Was nicht eintraf, war die Folge, die die öffentliche Kommunikation daraus ableitete. Und genau dort liegt der wiederkehrende Punkt: Zwischen „diese Variante ist genetisch stark verändert" und „diese Variante wird viele Menschen schwer krank machen" liegt ein Schluss, der nicht automatisch gilt. Immunität aus Impfung und durchgemachter Infektion war 2023 breit vorhanden. Eine Variante muss diese Wand nicht nur umgehen, um zu verbreiten — sie muss sie durchbrechen, um zu schaden. Das sind zwei verschiedene Dinge.

In der Berichterstattung dieser Woche wurden sie regelmäßig zu einem verschmolzen. Der Begriff „Schwarzer Schwan" trug das Seine dazu bei: Er war in der Ausgangsquelle als offene Frage formuliert und wanderte von dort als Zustandsbeschreibung weiter.

Was daraus zu lernen wäre

Die nüchterne Version dieser Woche hätte gelautet: Eine neue Variante mit vielen Mutationen ist aufgetaucht. Wir wissen noch nicht, wie sie sich verhält. Die Datenlage wird in etwa vier bis sechs Wochen belastbar sein. Bis dahin gibt es keinen Anlass, das Verhalten zu ändern.

Diese Version wäre richtig gewesen, langweilig, und im Rückblick vollständig zutreffend. Sie wurde in Fachkreisen auch gesagt. Sie war nur nicht die Überschrift.

Wer Aufarbeitung ernst meint, sollte den Unterschied festhalten, ohne daraus einen Vorwurf zu machen: Die Wissenschaft hat 2023 im Wesentlichen sauber gearbeitet. Der Übersetzungsschritt in die Öffentlichkeit hat systematisch die dramatischere von zwei möglichen Lesarten gewählt. Dieser Schritt ist der Ort, an dem sich etwas verbessern lässt — und der wird selten untersucht, weil er niemandem eindeutig zuzuordnen ist.

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