Lässig
April 2021: Skeptikerin Natalie Grams lädt den Spiritual Coach Veit Lindau ein - er lädt zurück, sie wirbt bewusst in seiner Bubble fürs Impfen. Monate später: sein eigenes Meditationsvideo, ihr Impf-O-Mat fürs Land. 2024 erkrankt sie selbst an Long Covid.
Lässig
Ein spiritueller Coach, eine Landesregierung und die Frage, was aus der Beruhigung wird, wenn die Angst berechtigt war
„Ich wünsche dir Frieden mit deiner Entscheidung und eine lässige Impfung."
So endet ein Video, das der Coach und Bestsellerautor Veit Lindau im November 2021 veröffentlichte. Titel: „Lässig impfen – Talk & Meditation mit Veit Lindau". Die Ansage vorweg: Es soll niemanden überreden. Es richtet sich an Menschen, die sich bereits entschieden haben, sich impfen zu lassen, aber noch Angst spüren. Lindau lädt sie ein, in den „souveränen Zustand einer Schöpferin, eines Schöpfers" zu kommen und der Impfung mit einem „bewussten, ruhigen und friedvollen Ja" zu begegnen.
Keine Fakten, keine Studienlage. Eine geführte Meditation gegen das eigene Nervensystem.
Das kam nicht aus dem Nichts. Wenige Monate zuvor war Dr. Natalie Grams – Ärztin, bekannte Homöopathie-Kritikerin, Gesicht der deutschen Skeptikerbewegung GWUP – bewusst in Lindaus Format aufgetreten, um dort über „die große Frage: Impfen oder nicht?" zu sprechen. Vorausgegangen war eine Gegeneinladung: Im April 2021 hatte Grams selbst Lindau in ihren eigenen Podcast geholt, zum Thema „spirituelle Wirksamkeit" – was in ihrer eigenen skeptischen Szene für Stirnrunzeln sorgte.¹ Als Ausgleich lud Lindau sie zurück ein. Grams beschrieb das Gespräch später selbst als eines der spannendsten beruflichen Gespräche der vergangenen Zeit – sie habe ganz bewusst einmal in einer „ganz anderen Bubble" übers Impfen gesprochen.²
Eine Wissenschafts-Skeptikerin geht gezielt in die spirituelle Szene, um dort fürs Impfen zu werben. Ein halbes Jahr später produziert genau diese Szene, in der sie zu Gast war, ihr eigenes Beruhigungswerkzeug – eine Meditation statt eines Arguments.
Wenige Monate darauf, im März 2022, passiert auf der anderen Seite des Landes etwas strukturell Verwandtes – nur mit Landeswappen statt Räucherstäbchen, und wieder mit Natalie Grams in der moderierenden Rolle.
Der Impf-O-Mat
Am 29. März 2022 stellt das baden-württembergische Sozialministerium den „Impf-O-Mat" vor: ein interaktives Web-Special, entwickelt mit Unterstützung des Robert Koch-Instituts im Rahmen der Kampagne #dranbleibenBW. Moderiert wird es von zwei Ärzten – Prof. Dr. Eckart von Hirschhausen und Dr. Natalie Grams-Nobmann, langjähriges Gesicht der deutschen Skeptikerbewegung (GWUP) und bekannt geworden als Aussteigerin aus der Homöopathie.
Gesundheitsminister Manne Lucha begründet das Projekt so: Manche Menschen hätten trotz großer Informationsangebote einen „sehr persönlichen Informationsbedarf". Grams-Nobmann selbst formuliert das Ziel unverblümt: Man wolle „die Impflücke größtmöglich verkleinern".³
Kosten laut Auskunft des Ministeriums an eine FragDenStaat-Anfrage: 142.176,65 Euro. Davon 73.985,37 Euro Honorar- und Aufwandskosten für die beiden Moderatoren, der Rest Produktions- und Technikkosten für Schnitt und Postproduktion.⁴ Kein Skandal, keine Verschwörung – ein ganz normaler, öffentlich dokumentierter Kommunikationsauftrag einer Landesregierung. Aber eben: ein Auftrag mit einem Ziel, das vorher feststand. Nicht „informieren, egal wie die Menschen sich entscheiden", sondern die Lücke verkleinern.
Diesmal ist es kein Zufall, dass dieselbe Ärztin auftaucht, die ein Jahr zuvor bewusst die spirituelle Bubble aufgesucht hatte. Grams bewegt sich souverän zwischen den Registern: mit Lindau spricht sie die Sprache der inneren Haltung, mit dem Land Baden-Württemberg die Sprache der „personalisierten, verständlichen und originellen Vermittlung"⁵. Beide Male mit demselben Grundziel: Die Angst soll weg, nicht zwangsläufig die Unsicherheit geklärt werden.
Der 24. Februar 2024
Fast zwei Jahre später erscheint in der FAZ ein Porträt mit der Überschrift: „Ärztin mit Long Covid: ‚Das ist kein Psychokram'".⁶
Die Ärztin ist Natalie Grams. Dieselbe Frau, die 2022 gemeinsam mit Hirschhausen jene „Impflücke" schließen half. Sie erkrankt an Long Covid und macht eine Erfahrung, die sie selbst als Ärztin so nicht erwartet hatte: Sie wird von Teilen der eigenen Zunft nicht ernst genommen. Ihre Beschwerden werden – wie sie öffentlich beschreibt – in Richtung Psychosomatik gerückt, obwohl sie das für unzureichend hält.
Das ist keine Ironie, die man sich ausdenken müsste. Sie steht so in der FAZ.
Die Zahl dahinter: 92 Prozent
Grams' Erfahrung ist kein Einzelfall, sondern ein dokumentiertes Muster. Eine Studie einer Forschungsgruppe der Universität Leipzig um Ronja Büchner befragte rund 2.000 Menschen mit Long Covid und Post-Covid-19-Impfsyndrom zur sogenannten Psychologisierung – dem Erklären körperlicher Beschwerden mit psychischen Ursachen. 84 Prozent der Befragten hatten das mindestens gelegentlich erlebt. Die Gruppe, von der es am häufigsten kam: Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches Personal, mit 92 Prozent.⁷
Höhere Psychologisierung ging in der Studie einher mit Vertrauensverlust in die Medizin, depressiven Symptomen, Angstzuständen und geringerer Lebenszufriedenheit.
Dieselbe Berufsgruppe, die 2021 und 2022 mit warmen Worten die Angst vor der Impfung auflösen sollte, ist 2024 diejenige, die bei denen, die danach krank wurden, am häufigsten die Beschwerden für „Kopfsache" erklärt.
Das Muster
Es geht hier nicht darum, Veit Lindau oder Natalie Grams etwas Böses zu unterstellen. Beide handelten nach eigener Darstellung aus Überzeugung, und beide haben mit ihrer jeweiligen Zielgruppe – Lindau mit einem spirituell suchenden Publikum, Grams mit Skeptikern und Wissenschaftsgläubigen – etwas erreicht, was klassische Behördenkommunikation oft nicht schafft: Sie wurden gehört.
Aber genau das ist der Punkt. Wenn eine Gesellschaft Angst vor einer medizinischen Maßnahme in erster Linie als etwas behandelt, das man wegmeditieren, wegmoderieren, weg-informieren muss – und nicht als ein Signal, das manchmal etwas Reales anzeigt –, dann baut sie sich ein Problem für den Tag, an dem sich die Angst als berechtigt erweist. Das Werkzeug, mit dem man 2021 die Sorge beruhigte, ist dasselbe Werkzeug, mit dem man 2024 die Erkrankung kleinredet: die Verlagerung eines körperlichen Zustands in die Psyche des Betroffenen.
Wer eine Impfentscheidung als reine Frage der inneren Haltung verkauft, hat für den Fall einer Nebenwirkung kein Vokabular mehr übrig, das nicht wie ein Widerspruch zur eigenen früheren Botschaft klingt.
Hoffnung
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist nicht die Ironie. Es ist, was Natalie Grams daraus macht. Sie verschwindet nicht in der Beschämung, sondern schreibt öffentlich über ME/CFS und Long Covid, sie macht ihre eigene Erfahrung zum Ausgangspunkt einer Forderung nach besserer Versorgung – für eine Krankheit, die im Medizinstudium bis heute kaum vorkommt.
Das ist der Unterschied zwischen einer Institution, die einen Fehler verwaltet, und einem Menschen, der aus einem Fehler etwas Nützliches baut. Grams war Teil des Systems, das die Impflücke schließen wollte. Jetzt ist sie eine der Stimmen, die dafür sorgt, dass die Versorgungslücke bei Long Covid nicht genauso lange ignoriert wird wie die Impflücke es nicht wurde.
Genau daraus entsteht, was am Ende zählt: nicht die Bloßstellung von zwei gutgläubigen Menschen, sondern die Erinnerung daran, dass echte Fürsorge aushält, mit Ungewissheit zu sprechen – auch dann, wenn Lässigkeit sich leichter verkauft.
Quellen
- GWUP-Blog, 19.06.2021: „Natalie Grams im Gespräch: Impfen oder nicht?" — dokumentiert die vorausgegangene Einladung von Grams an Lindau (April 2021, Thema „spirituelle Wirksamkeit") und die Kritik daran aus der eigenen Skeptiker-Community.
- Veit Lindau TV (YouTube), ca. Juni 2021: „Impfen oder nicht? Die große Frage | Dr. Natalie Grams im Gespräch mit Veit Lindau" — Grams' eigene Einordnung des Gesprächs, zitiert im GWUP-Blog (s. o.).
- Pressemitteilung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg, 29.03.2022, zur Vorstellung des „Impf-O-Mat" im Rahmen der Kampagne #dranbleibenBW, mit Zitaten von Minister Manne Lucha und Dr. Natalie Grams-Nobmann.
- FragDenStaat-Anfrage „Kosten Impf-O-Mat", Antwort des Sozialministeriums Baden-Württemberg vom 05.04.2022: Gesamtkosten 142.176,65 €, davon 73.985,37 € Honorar-/Aufwandskosten für die Moderatoren.
- Deutsches Ärzteblatt, 30.03.2022: „SARS-CoV-2: Neuer ‚Impf-O-Mat' soll impfskeptische Personen erreichen", mit Zitat Eckart von Hirschhausen zur „personalisierten, verständlichen und originellen Vermittlung".
- FAZ (faz.net), 24.02.2024: Porträt über Natalie Grams' eigene Long-Covid-Erkrankung, Titelzitat „Das ist kein Psychokram".
- Ronja Büchner u. a., Universität Leipzig, 2024: Qualitative/quantitative Befragung von rund 2.000 Betroffenen zu Long Covid und Post-Covid-19-Impfsyndrom; 84 % erlebten Psychologisierung, 92 % davon durch Ärzte/medizinisches Personal (ausgewertet u. a. bei Statista).
- Homodea/Veit Lindau: „Lässig impfen – Talk & Meditation mit Veit Lindau", veröffentlicht November 2021 (YouTube und homodea.com).