Neun Monate Ausnahmezustand
Allein gebären, Maske während der Geburt, Zyklusstörungen als Stress abgetan: Wie die Pandemie-Maßnahmen in den intimsten Moment des Lebens eingriffen — und warum Warnzeichen früh da waren, aber spät gehört wurden.
Neun Monate Ausnahmezustand
Wie die Pandemie-Maßnahmen in den intimsten Moment des Lebens eingriffen — und warum Warnzeichen früh da waren, aber spät gehört wurden.
März 2021. Eine Frau liegt 36 Stunden im Kreißsaal. Ihr Mann wartet draußen — er darf nicht rein. Corona-Maßnahmen. Die Geburt ist kompliziert, sie ist allein.
Die Frau ist bekannt. Sie hat es später selbst in ihrem Podcast erzählt, offen und ohne Bitterkeit — so, wie man erzählt, was man akzeptiert hat, weil man dachte, es sei eben so. Dass es beim zweiten Kind, 2024, anders war — Partner dabei, 45 Minuten, eine völlig andere Erfahrung — das sagt im Rückblick alles.
Was damals als Schutzmaßnahme galt, war für Tausende Frauen eine Erfahrung, die niemand freiwillig gewählt hätte.
Allein gebären: Das stille Protokoll
Zu Beginn der Pandemie, im Frühjahr 2020, schlossen viele Kliniken den Kreißsaal für Begleitpersonen komplett. Väter, Partner, Doulas — draußen. Der Deutsche Hebammenverband protestierte. Das Zeitmagazin titelte: „Einsam schwanger." Der Merkur berichtete von einer jungen Mutter, die durch die Maskenpflicht unter der Geburt ein Trauma erlitt.
Das Netzwerk Frauen/Mädchen und Gesundheit Niedersachsen dokumentierte Ende 2020, was in den Kreißsälen passierte: Hebammen betreuten bis zu vier Gebärende gleichzeitig. Wer keine Begleitperson hatte — war phasenweise allein.
Mother Hood e.V., der Verband für Geburtsrechte, hielt fest: Es gab keine WHO-Empfehlung für eine Maskenpflicht beim Gebären. Keine Empfehlung der gynäkologischen Fachgesellschaften. Trotzdem wurde sie in einzelnen Kliniken durchgesetzt — bis in die Pressphase.
„Die Regelung ist auch aus medizinischer Sicht nicht sinnvoll: Die Atmung ist ein wesentlicher Teil der Geburtsarbeit und wird durch eine Maske erschwert."
— Mother Hood e.V., Informationsportal zu Geburtsrechten
Wie viele Frauen in Deutschland so geboren haben — mit Maske, allein, oder beides — wurde nie systematisch erfasst. Das Fehlen dieser Zahl ist selbst eine Aussage.
Das Warnsignal, das als Stress erklärt wurde
Im Sommer und Herbst 2021 begannen Frauen, in Foren und sozialen Netzwerken über dasselbe zu berichten: Nach der COVID-19-Impfung hatte sich ihr Zyklus verändert. Verlängert. Verspätet. Stärker. In einigen Fällen deutlich.
Die offizielle Reaktion war einheitlich: Stress. Gesteigerte Körperwahrnehmung. Pandemiebelastung.
Die Europäische Arzneimittelagentur EMA bewertete im August 2021 einen Zusammenhang zwischen Impfung und Zyklusveränderungen als „nicht nachweisbar".
Gleichzeitig lagen bereits Daten vor, die das Gegenteil nahelegten.
Eine US-amerikanische Studie im Fachjournal Obstetrics & Gynecology — peer-reviewed, publiziert Anfang 2022 mit Daten aus dem Zeitraum Oktober 2020 bis September 2021 — wertete Zyklusdaten von Tausenden Frauen aus. Ergebnis: Nach der ersten Impfdosis verlängerte sich der Zyklus geimpfter Frauen um durchschnittlich 0,64 Tage, nach der zweiten um 0,79 Tage. Nicht geimpfte Frauen zeigten keine signifikante Veränderung.
Die Verlängerung klingt klein. Für Frauen, deren Zyklus normalerweise auf den Tag genau kam, war sie spürbar. Und sie war statistisch signifikant.
Der EMA-Ausschuss PRAC eröffnete Anfang 2022 eine erneute Prüfung. Am Ende stand das Ergebnis: Zyklusstörungen wurden in die offizielle Nebenwirkungsliste der mRNA-Impfstoffe aufgenommen.
Was in der Zusammenfassung fehlt: Die Berichte der Frauen lagen vor. Die ersten Studiendaten lagen vor. Trotzdem dauerte es, bis die Behörde nachzog — und in der Zwischenzeit wurden betroffene Frauen mit dem Hinweis auf Stress und Einbildung beruhigt.
Damals / Heute
Damals hieß es: Zyklusveränderungen nach der Impfung seien nicht belegt. Betroffene Frauen hätten „erhöhte Körperwahrnehmung" nach der Impfung oder seien durch die Pandemie gestresst.
Heute steht es in der offiziellen Nebenwirkungsliste der EMA.
Damals hieß es: Stillen nach der Impfung sei unbedenklich. mRNA gehe nicht in die Muttermilch über.
Heute wissen wir: Eine 2022 in JAMA Pediatrics publizierte Kohortenstudie der NYU Langone fand Impfstoff-mRNA in der Muttermilch — verpackt in Extrazellulären Vesikeln. Es war nach Aussage der Autoren das erste Mal, dass eine Biodistribution von Impfstoff-mRNA in Brustdrüsenzellen dokumentiert wurde.
Damals hieß es: Allein gebären schütze Mutter und Kind.
Heute weiß jede Frau, die dabei war: Es hat niemanden geschützt. Es hat nur niemanden begleitet.
Was nicht erfasst wurde — und warum das zählt
Das CRONOS-Register, das die wichtigste deutsche Datenquelle zu COVID-19 in der Schwangerschaft war, erfasste bis August 2021 Daten aus Kliniken, die zusammen knapp 30 Prozent aller deutschen Geburten betreuten. Nicht bundesweit, nicht vollständig.
Wie viele Frauen während der Pandemie allein geboren haben — keine Zahl. Wie viele mit Maske in der Pressphase — keine Zahl. Wie viele Zyklusstörungen gemeldet, aber nicht als impfbedingt erfasst wurden — keine Zahl.
Abwesenheit von Daten ist keine Abwesenheit von Schaden. Sie ist das Fehlen der Entscheidung, hinzusehen.
Wo die Verantwortung liegt
Keine dieser Entscheidungen wurde von schlechten Menschen getroffen. Die Kliniken handelten nach Hygieneregeln. Die Behörden nach verfügbaren Daten. Die Fachverbände nach ihrer Einschätzung des Risikos.
Aber: Wer entschieden hat, Frauen unter der Geburt allein zu lassen — ohne Evidenz, dass es schützt — trägt Verantwortung für das, was diese Frauen erlebt haben.
Wer entschieden hat, Zyklusstörungen als „Stress" abzutun, obwohl erste Studiendaten bereits vorlagen, hätte früher hören können.
Wer Frauen beruhigt hat, dass mRNA nicht in die Muttermilch gelangt, hätte sagen können: Wir wissen es noch nicht.
Das wäre ehrlicher gewesen. Und für viele Frauen: ausreichend.
Die Hoffnung, die bleibt
Die Enquete-Kommissionen — in Brandenburg, im Bundestag — hören jetzt zu. Die Daten werden erhoben, die Aussagen protokolliert. Es ist spät. Aber es geschieht.
Für Frauen, die 2020 oder 2021 entbunden haben, ändert das nichts an dem, was war. Aber es schafft die Grundlage dafür, dass das nächste Mal — wenn auch die nächste Krise kommt — jemand sagt: Das machen wir anders.
Das ist keine kleine Sache.
Quellen: Podcast „Hazel Thomas Hörerlebnis", Februar 2024 (hallo-eltern.de); Mother Hood e.V., Corona-Informationen für Schwangerschaft und Geburt (mother-hood.de); Netzwerk Frauen/Mädchen und Gesundheit Niedersachsen, Rundbrief Nr. 46, Dezember 2020; Edelman et al., „Association between menstrual cycle length and COVID-19 vaccination", Obstetrics & Gynecology, 2022; EMA/PRAC, Pharmacovigilance-Entscheidung zu Zyklusstörungen, 2022; Hanna et al., „Detection of Messenger RNA COVID-19 Vaccines in Human Breast Milk", JAMA Pediatrics, Dezember 2022; CRONOS-Register, Springer: Die Gynäkologie, 2022.