Was die PEI-Rohdaten zu COVID-19-Impfungen wirklich zeigen – und wo ihre Grenzen liegen
Wir haben 1,16 Millionen Einzelreaktionen aus den PEI-Rohdaten (2020–2024) ausgewertet: Verteilung nach Impfstoff, Alter, Geschlecht – und eine ehrliche Einordnung, wo die Datenqualität an ihre Grenzen stößt.
Was die PEI-Rohdaten zu COVID-19-Impfungen wirklich zeigen – und wo ihre Grenzen liegen
Neben den zusammenfassenden Sicherheitsbulletins stellt das Paul-Ehrlich-Institut auch die Einzelfalldaten selbst zum Download bereit: vier Excel-Listen, aufgeteilt nach Meldejahr (2020/2021, 2022, 2023, 2024), mit jeder gemeldeten Verdachtsreaktion als eigener Zeile. Zusammen sind das über 1,16 Millionen Einzelreaktionen, verteilt auf 331.921 eindeutige Verdachtsfälle. Wir haben alle vier Dateien vollständig ausgewertet – nicht um die Bulletins zu wiederholen, sondern um zu prüfen, was in den Rohdaten selbst steckt und was nicht.
Was in den Dateien steht
Jede Zeile enthält neun Angaben: eine pseudonymisierte Fall-ID, das Meldejahr, eine grobe Altersgruppe, das Geschlecht, den gemeldeten Reaktionsbegriff, das Datum des Reaktionsbeginns, das Impfdatum, den Impfstoff und die Chargennummer. Ein Verdachtsfall kann mehrere Zeilen haben, wenn mehrere Reaktionen im selben Zusammenhang gemeldet wurden – verknüpft über die Fall-ID.
Bemerkenswert und im Kopftext der Dateien selbst benannt: die Gesamtzahl der Fälle in den Excel-Listen (331.921) weicht von der im Dezember-2024-Bulletin genannten Zahl (350.868) leicht ab. Das liegt an unterschiedlichen Auswertungsstichtagen und daran, dass Nachmeldungen und Dublettenbereinigungen laufend weiterlaufen. Das PEI weist selbst darauf hin, dass Bulletin-Zahlen und Excel-Zahlen nicht deckungsgleich sein müssen.
Die Verteilung
Nach Impfstoff: Comirnaty 60,4 Prozent aller Fälle, Spikevax 19,7 Prozent, Vaxzevria 15,2 Prozent, Jcovden 3,4 Prozent, der Rest verteilt sich auf Varianten-Präparate und kleinere Produkte. Das folgt im Wesentlichen dem Verimpfungsvolumen.
Nach Geschlecht: 68,8 Prozent der Fälle betreffen Frauen, 30,2 Prozent Männer, der Rest ohne Angabe. Das ist kein Hinweis auf höhere Anfälligkeit von Frauen – es ist ein bekanntes Muster in der Pharmakovigilanz generell, dass Frauen Nebenwirkungen häufiger melden, verstärkt dadurch, dass medizinisches Personal (überproportional weiblich) in der Frühphase der Kampagne zuerst geimpft wurde.
Die mit Abstand häufigsten gemeldeten Reaktionen sind erwartbare, nicht schwerwiegende Impfreaktionen: Kopfschmerzen (78.514 Meldungen), Ermüdung (69.097), Schmerzen an der Injektionsstelle (48.164), Fieber (47.561), Schüttelfrost (44.899), Schwindelgefühl (39.066). Das bestätigt aus der Fallebene, was die PEI-Bulletins zusammenfassend feststellen: der überwiegende Teil aller Meldungen betrifft milde, klassische Impfreaktionen.
Was sich quantifizieren lässt – und was nicht
Myokarditis erscheint in 2.648 Fällen als Reaktionsbegriff, Perikarditis in 593. Die Zeitspanne zwischen Impfung und gemeldetem Symptombeginn liegt im Median bei 5 Tagen – das deckt sich mit der Beschreibung im PEI-Bericht von 2023, wonach erste Beschwerden typischerweise kurz nach der Impfung auftreten.
Bei Tod-bezogenen Reaktionsbegriffen (exakt "Tod", "Plötzlicher Tod", "Plötzlicher Herztod", "Herztod", "Fetaler Tod", "Hirntod") ergeben sich 1.156 Fälle, davon 859 nach Comirnaty, 98 nach Spikevax, 87 nach Vaxzevria. Diese Zahl liegt deutlich unter den 3.086 Todesfallmeldungen aus dem Dezember-2024-Bulletin – und das ist kein Widerspruch, sondern eine methodische Grenze der Rohdaten: Den Excel-Listen fehlt ein Feld für den Ausgang der Reaktion (also ob sie tödlich verlief). Sie erfassen nur die Fälle, in denen "Tod" selbst als Reaktionsbegriff eingetragen wurde – ein Unterfall der offiziellen Todesfallstatistik, kein Ersatz dafür. Wer den tatsächlichen Umfang der Todesfallmeldungen wissen will, kommt an den PEI-Bulletins nicht vorbei.
Zur Chargennummer, oft Ausgangspunkt der sogenannten "Hot-Lot"-Debatte: Die Rohdaten enthalten 856 unterschiedliche Chargen, aber bei 41 Prozent aller Zeilen ist die Charge als "unbekannt" vermerkt. Die am häufigsten genannten Chargen (etwa ABV3374 mit 16.497 oder EX8679 mit 13.544 Meldungen) sind ohne Kenntnis der pro Charge tatsächlich verimpften Dosen nicht interpretierbar – eine hohe Meldungszahl kann ebenso gut bedeuten, dass die Charge besonders groß war oder besonders lange im Umlauf. Ohne diesen Nenner lässt sich aus den Rohdaten kein chargenspezifisches Risikosignal ableiten.
Wie gut ist die Datenlage wirklich?
Im internationalen Vergleich ist es bemerkenswert transparent, dass eine Zulassungsbehörde überhaupt granulare Einzelfalldaten offenlegt, nicht nur aggregierte Berichte. Das schafft die Grundlage für eine unabhängige Prüfung – etwas, das man in vielen anderen Ländern in dieser Form nicht bekommt.
Gleichzeitig zeigt die genaue Arbeit mit den Dateien reale Grenzen. Es fehlt ein Ausgangs-Feld, sodass Schweregrad und Todesfälle nur über den Umweg der separaten Bulletins zu ermitteln sind. Die Altersgruppen sind grob gerastert – "18 bis 59 Jahre" ist ein einziger Topf, der einen 19-Jährigen und einen 58-Jährigen gleich behandelt und altersabhängige Muster (wie das bei Myokarditis bekannte Muster bei jungen Männern) auf Rohdatenebene verwässert. Die Chargenangabe fehlt bei über einem Drittel der Meldungen und bietet ohnehin keinen Nenner. Und rein technisch bläht mindestens eine der Dateien (2021) die Zeilenzahl durch leere, aber formatierte Zeilen auf das Zehnfache der tatsächlichen Datenmenge auf – ein handwerklicher Mangel, der bei automatisierter Weiterverarbeitung zu Fehlern führen kann, wenn man sich allein auf die Excel-Metadaten verlässt.
Unser Fazit: Die Rohdaten sind gut genug für Muster auf Fallebene – welche Reaktionen wie oft gemeldet werden, in welchem zeitlichen Abstand zur Impfung, mit welcher Geschlechter- und Impfstoffverteilung. Für belastbare Aussagen zu Schweregrad, Kausalität oder chargenspezifischen Risiken reichen sie allein nicht – dafür braucht es die aggregierten Sicherheitsberichte des PEI, im besten Fall beide Quellen nebeneinander gelesen.
Quelle: Paul-Ehrlich-Institut, Rohdaten "Verdachtsfallmeldungen von Nebenwirkungen nach Anwendung von COVID-19-Impfstoffen", Meldejahre 2020–2021, 2022, 2023 und 2024 (Download über pei.de, Stand der Auswertung siehe jeweilige Dateikopfzeile).