Zwei Berichte, 21 Monate Abstand: Was das Paul-Ehrlich-Institut selbst über die Corona-Impfstoffe dokumentierte

Der Sicherheitsbericht des PEI vom März 2023 und der letzte reguläre Bericht vom Dezember 2024 im direkten Vergleich – mit den Originalzahlen zu Myokarditis, TTS und Guillain-Barré-Syndrom.

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Foto: Luke Chesser / Unsplash

Zwei Berichte, 21 Monate Abstand: Was das Paul-Ehrlich-Institut selbst über die Corona-Impfstoffe dokumentierte

Wer wissen will, was zur Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe in Deutschland tatsächlich bekannt ist, muss nicht durch Foren oder Telegram-Kanäle. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), die Bundesbehörde für Impfstoffsicherheit, veröffentlicht seit Beginn der Impfkampagne eigene Sicherheitsberichte. Zwei davon markieren einen aufschlussreichen Abstand: der Bericht zum Stichtag 31.03.2023 — verfasst, als der rechtliche Rahmen der Corona-Schutzmaßnahmen auslief — und der bislang letzte reguläre Bericht zum Stichtag 31.12.2024. Beide stammen von derselben Behörde, mit derselben Methodik. Der Unterschied zwischen ihnen erzählt trotzdem eine eigene Geschichte.

Der Bericht vom März 2023: die ausführliche Bilanz

Zum 31.03.2023 waren in Deutschland 192,2 Millionen Impfdosen verabreicht worden. Das PEI hatte bis dahin 340.282 Verdachtsfallmeldungen zu Nebenwirkungen erhalten — eine Melderate von 1,77 pro 1.000 Impfungen. In 0,98 Prozent der gemeldeten Fälle war der Ausgang tödlich; von 3.315 solcher Todesfallmeldungen bewertete das PEI 127 als ursächlich "konsistent" im Sinne der WHO-Kriterien.

Entscheidend ist aber nicht nur die Zahl, sondern was in diesem Bericht inhaltlich verhandelt wird. Das PEI geht hier drei konkrete, inzwischen international anerkannte Sicherheitssignale im Detail durch:

Myokarditis und Perikarditis nach den mRNA-Impfstoffen Comirnaty und Spikevax betrafen vor allem junge Männer nach der zweiten Dosis, mit einem in Studien ermittelten Risiko von unter einem Fall pro 10.000 Geimpften in der Altersgruppe bis 29 Jahre. Das PEI dokumentiert dabei auch offene Fragen: Daten zum Langzeitverlauf lägen noch in begrenztem Umfang vor, ein Viertel nachuntersuchter Patienten habe weiterhin Herzmedikamente verschrieben bekommen.

Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS/VITT) nach dem Vektorimpfstoff Vaxzevria (AstraZeneca) war deutlich seltener, aber gravierender: 263 gemeldete Fälle, überwiegend bei jüngeren Frauen nach der ersten Dosis, mit einem von der WHO geschätzten Risiko von rund 1 zu 100.000 geimpften Erwachsenen. Die Folge war keine Marginalie – Vaxzevria ist in Deutschland seit dem 1. Dezember 2021 nicht mehr verfügbar.

Guillain-Barré-Syndrom (GBS) zeigte sich als sehr seltene, aber statistisch klar erhöhte Nebenwirkung der Vektorimpfstoffe: ein standardisiertes Morbiditätsverhältnis von 3,10 bei Spikevax und 0,34 bei Comirnaty, aber 3,10 bei Vaxzevria und 4,16 bei Jcovden – also drei- bis viermal mehr Fälle als statistisch erwartet, konzentriert auf die Vektorimpfstoffe, nicht auf die mRNA-Präparate.

Das ist die Kernbotschaft dieses Berichts: unterschiedliche Impfstoffe hatten nachweislich unterschiedliche, spezifische Risikoprofile – öffentlich dokumentiert, mit Zahlen, nicht pauschal als "sicher und wirksam" abgetan.

Der Bericht vom Dezember 2024: die schmale Fortschreibung

21 Monate später, zum Stichtag 31.12.2024, sind es 197 Millionen Impfungen und 350.868 Verdachtsfallmeldungen – nur rund 3.000 mehr als beim vorherigen Bericht seit April 2023. Die Melderate liegt weiterhin bei 1,78 pro 1.000 Impfungen. Todesfallmeldungen: 3.086 primär ans PEI gemeldete Fälle, davon aber nur noch 74 (2,4 Prozent) als kausal konsistent bewertet.

Inhaltlich fällt der Bericht deutlich schmaler aus. Es gibt keine neue Tiefenanalyse zu Myokarditis, TTS oder GBS – der Bericht verweist stattdessen wörtlich darauf, dass "seit dem letzten Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts mit Stichtag vom 31.03.2023 keine neuen Risikosignale identifiziert wurden". Neu untersucht wird lediglich das sogenannte Post-Vaccination Syndrome (chronisches Erschöpfungssyndrom, POTS, Post-Exertionelle Malaise) – mit dem Ergebnis, dass von 2.588 gemeldeten Verdachtsfällen nur 919 überhaupt nach den strengen WHO-Kriterien beurteilbar waren und sich daraus kein Risikosignal ergibt.

Und: Das digitale Impfmonitoring des Robert Koch-Instituts, auf dessen Zahlen das PEI die Melderaten stützt, wurde zum 08.07.2024 eingestellt. Ab diesem Zeitpunkt beruhen alle weiteren Berechnungen auf einer Hochrechnung, keiner echten Zählung mehr. Und dieser Bericht ist nach Angabe des PEI selbst der letzte reguläre – künftig soll es nur noch anlassbezogene Einzelmitteilungen geben, keine periodische Bilanz mehr.

Gegenüberstellung: zwei Kennzahlen-Tabellen im Vergleich

Kennzahl Stichtag 31.03.2023 Stichtag 31.12.2024
Verabreichte Impfungen 192.208.062 197.033.944
Gemeldete Verdachtsfälle 340.282 350.868
Melderate pro 1.000 Impfungen 1,77 1,78
Todesfallmeldungen (primär PEI) 3.315 3.086
davon kausal "konsistent" bewertet 127 (3,8 %) 74 (2,4 %)
Tiefenanalyse zu Einzelsignalen Myokarditis, TTS/VITT, GBS, Anaphylaxie keine neue – Verweis auf 2023
Aktives Impfmonitoring (RKI) laufend eingestellt zum 08.07.2024
Berichtsform ausführlicher Fachbeitrag letzter periodischer Bericht

Was das für die Debatte bedeutet

In der öffentlichen Auseinandersetzung standen sich lange zwei pauschale Erzählungen gegenüber: Auf der einen Seite der Vorwurf, Nebenwirkungen würden systematisch verschwiegen oder kleingeredet. Auf der anderen Seite die ebenso pauschale Beruhigung, die Impfstoffe seien uneingeschränkt "sicher und wirksam". Die eigenen Berichte des PEI stützen keine der beiden Positionen in ihrer Reinform.

Sie zeigen erstens, dass reale, quantifizierbare Signale gefunden, benannt und veröffentlicht wurden – bis hin zur Marktrücknahme eines Impfstoffs (Vaxzevria) wegen eines konkreten Risikos. Das widerspricht der These vom Totschweigen. Sie zeigen zweitens, dass diese Risiken höchst unterschiedlich über die verschiedenen Impfstofftypen verteilt waren – mRNA-Präparate mit einem eng auf junge Männer begrenzten Myokarditis-Signal, Vektorimpfstoffe mit einem breiteren Risikoprofil aus TTS und GBS. Das widerspricht der Pauschalaussage, alle Impfstoffe seien gleich einzuordnen.

Und sie zeigen drittens ein Muster im Zeitverlauf, das eigene Aufmerksamkeit verdient: Die Berichterstattung wurde mit der Zeit merklich dünner, die Datengrundlage (RKI-Impfmonitoring) wurde eingestellt, und das periodische Berichtswesen selbst endet mit genau diesem Bericht. Wer die Aufarbeitung ernst nimmt, sollte deshalb nicht nur fragen, was 2021 bis 2023 an Signalen gefunden wurde – sondern auch, warum die systematische Beobachtung ausgerechnet dann eingestellt wurde, als das öffentliche Interesse nachließ.

Quellen: Paul-Ehrlich-Institut, Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 2/2023 ("Sicherheitsprofil der COVID-19-Impfstoffe – Sachstand 31.03.2023") und Ausgabe 1/2025 ("Pharmakovigilanzbericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe – Sachstand 31.12.2024").