Der pensionierte Störenfried
Ein Behördenleiter im Ruhestand erhebt öffentlich Vorwürfe gegen seine frühere Institution. Was seine Aussagen belegen.
Es gibt Momente, in denen eine einzige Zahl eine ganze Erzählung ins Wanken bringt. Der 19. März 2026 war so ein Moment.
Vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages saß an diesem Tag ein Mann, der nicht zum ersten Mal sprach, was er wusste. Dr. Helmut Sterz, Tiermediziner, Doktortitel in Virologie, jahrelang Leiter der Toxikologie bei Pfizer Europa — also bei jenem Unternehmen, dessen mRNA-Produkt er nun kritisch beurteilte. Er ist seit 2007 in Rente. Er hat nichts zu gewinnen.
Was er sagte, war methodisch nachvollziehbar und inhaltlich ernst zu nehmen. Was danach geschah, war es auch — aber auf eine andere Art.
Die Rechnung
Sterz ging von einer bekannten Grundlage aus: dem Melderegister des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Dort sind rund 2.000 Todesverdachtsfälle nach Comirnaty-Impfung dokumentiert. Das PEI selbst hatte bereits 2007 festgestellt, dass Spontanmeldesysteme strukturell unter Untererfassung leiden — damals bezifferte das Institut den Meldeanteil auf fünf bis zehn Prozent der tatsächlichen schweren Nebenwirkungen.
Sterz wandte einen Faktor von 30 an — konservativ, wie er betonte, da internationale Literatur Faktoren zwischen 10 und 100 für plausibel hält. Das Ergebnis: zwischen 20.000 und 60.000 mögliche Todesfälle im Zusammenhang mit der Impfung allein in Deutschland.
Kein Gerichtsurteil. Keine Anschuldigung. Eine Schätzung mit transparenter Methodik — vorgetragen vor dem Parlament, dokumentiert in der Bundestagsdrucksache 21(27)30.
Die Reaktion
Was folgte, lässt sich am besten durch eine Gegenüberstellung verstehen.
Was Sterz sagte
Das PEI hat selbst dokumentiert, dass nur ein Bruchteil der Nebenwirkungen gemeldet wird. Ein Korrekturfaktor ist methodisch geboten. Zehn bis hundert ist die Bandbreite — ich nehme dreißig als konservativen Schätzwert.
Bundestagsdrucksache 21(27)30, Enquete-Kommission, 19. März 2026 Primärquelle
Wie es gerahmt wurde
„Einen wissenschaftlichen Nachweis für diesen sogenannten Underreporting-Faktor legte er nicht vor."
ARD-Tagesschau Faktenfinder, April 2026 Mainstream
Die Formulierung ist handwerklich präzise — und inhaltlich verzerrt. Denn der Underreporting-Faktor ist keine Erfindung von Sterz. Er ist eine bekannte Limitation von Spontanmeldesystemen, die das PEI selbst beschrieben hat, die in der Fachliteratur seit Jahrzehnten diskutiert wird und die die FDA in ihrer eigenen Pharmakovigilanz explizit berücksichtigt.
Die Frage wäre also gewesen: Ist der Faktor 30 angemessen? Zu hoch? Zu niedrig? Das ist eine legitime wissenschaftliche Debatte. Stattdessen wurde suggeriert, das Konzept selbst sei ohne Grundlage.
Was das PEI selbst festgestellt hatte
„Nur etwa sechs Prozent aller UAW und fünf bis zehn Prozent der schweren UAW" werden gemeldet. Spontanmeldesysteme leiden unter Untererfassung.
Paul-Ehrlich-Institut, Stellungnahme zu Spontanmeldesystemen, 2007 Behörde
Was der Faktenfinder verwendete
Als Gegenposition wurde eine Versorgungsforscherin zitiert, die einen pauschalen Faktor 30 für Todesfälle als nicht standardgemäß bezeichnete.
ARD-Tagesschau Faktenfinder, April 2026 Mainstream
Befund
Das PEI attestierte 2007 sich selbst eine strukturelle Untererfassung. 2026 wurde ein Experte diskreditiert, der genau diese Untererfassung in seine Schätzung einrechnete — auf Basis von PEI-Daten. Der Kreis schließt sich, aber nicht für die Öffentlichkeit.
Der Link, der verschwand
Wer die Originaldaten des PEI zu Nebenwirkungsmeldungen nachschlagen wollte, stieß zeitweise auf ein unerwartetes Hindernis: Der entsprechende Link hatte sich geändert — ohne Weiterleitungshinweis, ohne Erklärung.
Das mag technisch trivial klingen. In der Praxis bedeutet es: Wer einen Artikel geschrieben hat, der auf diese Daten verlinkt, liefert seinen Lesern einen toten Link. Wer die Daten für einen Faktenfinder-Artikel zitiert, kann sich nicht mehr auf die Originalquelle beziehen. Wer nachprüfen will, findet zunächst nichts.
Nicht jede solche Änderung ist böswillig — Webseiten werden umstrukturiert, Datenbanken migriert. Aber die Abwesenheit eines Redirects, einer Erklärung, eines Archivlinks ist in einer Behörde, die Transparenz als Kernaufgabe hat, zumindest erklärungsbedürftig.
Im selben Zeitraum, in dem diese Daten politisch relevant wurden, wurden sie schwerer auffindbar. Das ist eine Beobachtung, kein Vorwurf. Aber Beobachtungen dieser Art verdienen Dokumentation.
Was Pfizer 2022 wusste — und wann es öffentlich wurde
Die Frage nach der Sicherheitsprüfung ist nicht neu. Bereits 2022 lagen durch einen US-Gerichtsbeschluss Teile der internen Pfizer-Daten vor, die die FDA eigentlich für 75 Jahre unter Verschluss halten wollte. Der texanische Bundesrichter Mark Pittman hatte entschieden, dass die Behörde die Daten binnen acht Monaten veröffentlichen muss.
Was darin stand: Die klinischen Studien hatten begrenzte toxikologische Vorarbeit. Tierstudien, die für eine solche Zulassung normalerweise umfangreich sind, wurden auf das für eine Notfallzulassung erlaubte Minimum reduziert. Das ist kein Geheimnis — es war die explizite Begründung für die bedingte Zulassung. Was fehlte, war die öffentliche Kommunikation dieser Einschränkung.
Sterz sagte vor der Kommission, was die Dokumente zeigen: Zehn Toxizitätsstudien, die für eine vollständige Sicherheitsbewertung erforderlich wären, wurden nie durchgeführt. Keine davon wurde nachgereicht.
- Januar 2022 US-Richter Pittman ordnet Veröffentlichung der Pfizer-FDA-Daten binnen 8 Monaten an — gegen den Willen der FDA, die 75 Jahre beantragt hatte.
- Oktober 2022 Biologin Dr. Sabine C. Stebel analysiert die freigegebenen Dokumente für die deutschsprachige Öffentlichkeit. Primärquelle: phmpt.org.
- März 2026 Dr. Helmut Sterz trägt vor der Enquete-Kommission des Bundestages vor: fehlende Toxizitätsstudien, strukturelles Underreporting, geschätzte 20.000–60.000 Todesfälle.
- April 2026 ARD-Faktenfinder bezeichnet die Schätzung als ohne wissenschaftlichen Nachweis — ohne die eigene PEI-Dokumentation zur Untererfassung zu erwähnen.
Über Schubladen und Argumente
Es gibt eine verbreitete Reaktionsstrategie auf unbequeme Aussagen: nicht das Argument entkräften, sondern den Sprecher klassifizieren. AfD-Experte. Pensioniert. Impfkritiker. Jede dieser Klassifikationen kann sachlich zutreffen — und trotzdem nichts über die Richtigkeit oder Falschheit der inhaltlichen Behauptung sagen.
Sterz wurde von der AfD-Fraktion geladen. Das ist eine politische Tatsache. Seine Karriere bei Pfizer, sein Doktortitel, seine jahrzehntelange Tätigkeit als Toxikologe — das sind ebenfalls Tatsachen. Welche davon für die Beurteilung seiner Aussagen relevant ist, sollte der Leser entscheiden dürfen.
Die Enquete-Kommission ist ein parlamentarisches Gremium. Seine Sitzungsprotokolle sind öffentlich. Die Stellungnahme von Sterz ist als Bundestagsdrucksache abrufbar. Das sind Primärquellen — und wer sie liest, kann selbst urteilen.
Was das bedeutet
Die Enquete-Kommission tagt. Dokumente werden publik. Experten reden öffentlich, Protokolle sind online. Das System der parlamentarischen Kontrolle funktioniert — wenn auch langsam und mit Widerstand. Wer diese Primärquellen kennt, ist nicht auf Interpretation angewiesen. Das ist keine kleine Sache.
Die verlinkten Quellen unten öffnen direkte Zugänge zu den Originaldokumenten. Lesen. Urteilen. Weitergeben.
Primärquellen & Belege
- Stellungnahme Dr. Helmut Sterz, Enquete-Kommission, 19.3.2026 — bundestag.de (PDF) Primärquelle
- Sitzungsprotokoll Bundestag, Enquete-Kommission KW12 — bundestag.de Primärquelle
- Pfizer/FDA-Originaldokumente (US-Gerichtsanordnung Richter Pittman) — phmpt.org Primärquelle
- PEI: Eigene Stellungnahme zur Untererfassung in Spontanmeldesystemen, 2007 — Paul-Ehrlich-Institut Behörde
- ARD-Tagesschau Faktenfinder zu Sterz, April 2026 Mainstream
- NIUS: Erläuterung der Sterz-Methodik — politikwatch.com
- Dr. Sabine C. Stebel: Analyse der Pfizer-Dokumente (2022) — tkp.at