Die Politikerin, die ihre Kinder isolierte

Was eine FDP-Politikerin 2020 in den eigenen vier Wänden als Super-GAU für ihre Kinder erlebte – und warum dieselbe Isolation für Millionen andere Kinder zur Routine wurde.

Die Politikerin, die ihre Kinder isolierte
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Die Politikerin, die ihre Kinder isolierte

Serie: Zweierlei Maß

Frühjahr 2020, ein Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Der Mann ist Bundestagsabgeordneter und gerade in Berlin, positiv getestet. Die Frau infiziert sich, wird schwer krank: Atemnot, Sauerstoffmangel, tagelang Worte, die im Kopf entstehen und falsch aus dem Mund kommen. Drei kleine Kinder sind im Haus. Sie werden in ihren Zimmern isoliert – die Mutter kann selbst kaum durch die Wohnung laufen, geschweige denn sich um sie kümmern (1).

Die Politikerin heißt Karoline Preisler, FDP, Juristin. Sie macht aus der Erfahrung ein Projekt: das „Coronatagebuch" auf Twitter, über sechs Millionen Zugriffe. Sie wird zur gefragten Interviewpartnerin, tritt bei Lanz und Maischberger auf, reist später mit einem Schild zu „Querdenken"-Demos: „Ich hatte Covid-19 und mache mir Sorgen um Euch." Sie sucht das Gespräch mit den Menschen dort – auch mit jenen, die über Maskenpflicht für Grundschulkinder reden wollen (1).

Über die Tage der eigenen Quarantäne sagt sie in einem Interview etwas, das leicht überlesen wird: Für die Kinder sei es der Super-GAU gewesen (2).

Super-GAU. Nicht „schwierig", nicht „belastend" – der größte anzunehmende Unfall. So beschreibt eine Mutter, was es für drei Kinder bedeutet hat, tagelang vom Rest der Familie und der Außenwelt abgeschnitten zu sein, während im Nebenzimmer jemand kaum atmen konnte.

Sie hatte damit recht. Kein Kinderpsychiater hätte ihr widersprochen.

Die Frage, die sich stellt, ist keine über Karoline Preisler. Sie hat ihre Kinder nicht aus Prinzip isoliert, sondern weil ein Elternteil ernsthaft erkrankt war – eine Ausnahmesituation, die jede Familie in dieser Lage ähnlich hätte treffen können. Die Frage ist, was mit einer Beobachtung passiert, die eine Politikerin über ihre eigenen Kinder trifft, wenn dieselbe Beobachtung plötzlich für Millionen andere Kinder gelten müsste – Kinder, die nicht krank waren, in deren Haushalt niemand krank war, die aber trotzdem monatelang von Schule, Freunden und Vereinen abgeschnitten wurden.

Was die Zahlen zeigen

Genau das ließ sich messen. Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, geleitet von Ulrike Ravens-Sieberer, befragte ab Mai 2020 bundesweit Familien – wiederholt, über Jahre (3).

Vor der Pandemie zeigte etwa jedes fünfte Kind in Deutschland Anzeichen einer psychischen Auffälligkeit. Nach dem ersten Lockdown waren es fast drei von zehn. In der zweiten Befragungswelle, ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie, war es fast jedes dritte Kind (4). Die Lebensqualität, die vor der Krise sechs von zehn Kindern als gut beschrieben, sackte ab: Sieben von zehn Kindern gaben an, sie fühlten sich in ihrer Lebensqualität gemindert (4).

Das ist kein Einzelfall aus einem Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist der bundesweite Durchschnitt – Monat für Monat, nicht Tag für Tag.

Der blinde Fleck

Niemand muss Karoline Preisler unterstellen, sie habe unehrlich gehandelt. Im Gegenteil: Sie hat öffentlich gemacht, was viele Familien im Stillen erlebten, und sie ist damit auf Demonstrationen gegangen, wo sie sich auch Kritik ausgesetzt hat. Das ist mehr, als die meisten taten.

Interessant ist etwas anderes: Der Reflex, der eine Mutter sofort erkennen ließ, dass tagelange Isolation für ihre eigenen Kinder eine Katastrophe ist, hat auf der politischen Bühne monatelang nicht gegriffen, als es um Schulschließungen, Kontaktverbote und Maskenpflicht für Millionen fremder Kinder ging. Das eigene Kind im eigenen Zimmer – sofort ein Alarmsignal. Das fremde Kind im ganzen Land – eine Verhältnismäßigkeitsfrage, die man „im Blick behalten" wollte.

Das ist keine Bosheit. Es ist ein ganz menschliches Muster: Nähe schärft den Blick, Distanz stumpft ihn ab. Aber genau deshalb lohnt es sich, das eigene Wort einer Politikerin – „Super-GAU" – neben die trockenen Prozentzahlen der COPSY-Studie zu legen. Beide beschreiben dasselbe Phänomen. Nur hat das eine sofort Mitgefühl ausgelöst, das andere brauchte zwei Jahre Datenerhebung, um überhaupt gehört zu werden.

Die Hoffnung

Der Unterschied zu 2020 ist: Heute lässt sich die Beobachtung nicht mehr wegdiskutieren. Die COPSY-Studie ist eine der meistzitierten Untersuchungen der deutschen Pandemiepolitik überhaupt, sie ist in Fachkreisen und im Bundestag angekommen. Und Karoline Preislers eigener Satz liegt öffentlich vor, seit fünf Jahren, in einem seriösen Interview – kein Zitat aus dem Zusammenhang gerissen, sondern eine Mutter, die ehrlich über ihre Kinder sprach.

Wer beides zusammen liest, muss niemandem etwas unterstellen. Man muss nur fragen, warum ein Gefühl, das im eigenen Haus sofort als Notfall erkannt wurde, für andere Kinder erst zur Studie werden musste, um zu zählen. Diese Frage zu stellen, ohne jemanden zu beschuldigen, ist der erste Schritt zu einer Aufarbeitung, die niemanden vorführt – aber auch niemanden schont, der es besser wissen konnte.

Quellen

(1) Jasmin Kalarickal: „FDP-Politikerin über Folgen von Covid-19: ‚Das war der Horror'", taz, 12.11.2020 – Interview mit Karoline Preisler über Quarantäne, Coronatagebuch und Demo-Besuche. (2) „Corona war wie Ertrinken", Weltwoche, 01.04.2020 – Interview mit Karoline Preisler über den Krankheitsverlauf und die Isolation ihrer Kinder. (3) Ravens-Sieberer et al.: „Seelische Gesundheit und psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der ersten Welle der COVID-19-Pandemie – Ergebnisse der COPSY-Studie", Bundesgesundheitsblatt, 2021, über RKI-Repository dokumentiert. (4) dpa: „Copsy-Studie: Kinder leiden psychisch stark unter Corona-Pandemie", t-online, 10.02.2021 – Ergebnisse der zweiten COPSY-Befragungswelle.