Riems: Die Insel, die zweimal Geschichte machte

Auf einer Insel vor Greifswald wurde die Virologie erfunden – und ein Nazi-Biowaffenlabor. Wie das Wissen danach nach Plum Island wanderte und was das über Institutionen verrät.

Riems: Die Insel, die zweimal Geschichte machte
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Eine Insel vor Greifswald, kaum größer als ein Dorf. Auf ihr wurde 1898 die Virologie erfunden. Auf ihr entstand ab 1942 eines der geheimsten Biowaffenlabore des Dritten Reichs. Und von ihr aus wanderte das Wissen nach dem Krieg direkt in ein amerikanisches Pendant, das bis heute Gegenstand von Untersuchungsausschüssen ist. Wer die Geschichte der Insel Riems liest, liest eine Geschichte darüber, wie Institutionen und ihr Wissen Regime überleben – während die Frage nach Verantwortung meistens mit ihnen verschwindet.

Damals: Die Wiege der Virologie

1898 beschrieben der Bakteriologe Friedrich Loeffler und sein Assistent Paul Frosch erstmals den Erreger der Maul- und Klauenseuche als filtrierbares, aber vermehrungsfähiges Agens – ein Erreger, kleiner als jede bekannte Bakterie. Es war die Geburtsstunde der Virologie als eigener Wissenschaft.¹

Loefflers Feldversuche im Greifswalder Umland lösten jedoch wiederholt echte MKS-Ausbrüche aus. Die preußische Regierung stellte ihn vor die Wahl: eine neue, isolierte Forschungsstätte oder das Ende seiner Arbeit. 1909 erwarb Preußen die Insel Riems, ein schmales Stück Land in der Ostsee, erreichbar nur per Dampfer. Am 10. Oktober 1910 meldete Loeffler dem Landwirtschaftsminister den Beginn seiner Arbeit – im sogenannten Loeffler-Haus, mit Ställen für zwölf Rinder und einigen Schweinen, einem zwanzig Quadratmeter kleinen Labor.² ³

Es war das erste Institut der Welt, das gezielt zur Erforschung einer Viruskrankheit gegründet wurde. Die Isolation war eine Sicherheitsmaßnahme – gegen die Verschleppung von Krankheitserregern, nicht für ihre Herstellung.

Der Bruch: Als aus Schutz Geheimhaltung wurde

Die Insel blieb nach Loefflers Tod 1915 zunächst ein ziviles Forschungsinstitut. Das änderte sich mit dem Nationalsozialismus. Ab 1942 übernahm der Veterinärvirologe Erich Traub – zuvor Rockefeller-Stipendiat in Princeton, USA, später NSKK-Mitglied – die Laborleitung auf Riems.⁴

Was dort ab diesem Zeitpunkt geschah, ist nicht durch eine einzelne Quelle belegt, sondern durch mehrere, voneinander unabhängige: die deutsche Wikipedia-Biografie Traubs, die investigative Aufarbeitung des amerikanischen Juristen Michael Carroll in seinem auf Archivmaterial gestützten Buch "Lab 257", sowie journalistische Recherchen, die sich unter anderem auf Traubs eigene, nach dem Krieg gegenüber US-Behörden gemachte Aussagen stützen. Übereinstimmend beschrieben wird: Riems diente ab 1942 der Wehrmacht als Teil ihres Veterinärprogramms zur biologischen Kriegsführung. Die Forschung war Teil eines größeren, unter dem Tarnnamen "Krebsforschung" laufenden Programms, das dem Mediziner Kurt Blome unterstand und dessen Ziel unter anderem die "militärische Nutzung krebserregender Substanzen" sowie die Entwicklung von Trägersystemen für Tierseuchenerreger war.⁵ ⁶

Konkret ging es um die Ausbreitung von Maul- und Klauenseuche und Rinderpest über feindlichem Vieh, insbesondere in der Sowjetunion, teils über Trägersysteme wie infizierte Insekten, die aus der Luft abgeworfen werden sollten.⁷ Die Anlage war laut übereinstimmenden Quellen streng bewacht und einem SS-Kommandostrang unterstellt.

Aus derselben Insel, die einst der Vermeidung von Seuchenverschleppung diente, wurde damit eine Anlage zu ihrer gezielten Verbreitung.

Die Fortsetzung: Von Riems auf eine andere Insel

1949 floh Erich Traub mit seiner Familie aus dem sowjetisch besetzten Sektor Berlins in den Westen. Kurz darauf wurde er im Rahmen der "Operation Paperclip" – dem US-Programm zur Anwerbung deutscher Fachleute nach Kriegsende – in die Vereinigten Staaten geholt.⁸

Sein neuer Arbeitsort: Fort Detrick, das Hauptquartier der US-Armee für biologische Kriegsführung. Anschließend arbeitete Traub auf Plum Island vor der Küste New Yorks – einer weiteren Insel, einem weiteren staatlichen Tierseuchenlabor, diesmal mit dem Auftrag, sowjetisches Vieh im Ernstfall verwundbar zu machen. Laut Carrolls Recherche in "Lab 257" legte Traub den amerikanischen Behörden seine detaillierten Kenntnisse aus dem Riems-Programm dar – Wissen, das direkt in den Aufbau von Plum Island einfloss.⁹

Die strukturelle Parallele ist auffällig: zwei Inseln, zwei staatliche Tierseuchenlabore, zwei Programme mit demselben militärischen Kern – nur mit umgekehrtem Feindbild und unter neuer Flagge. Der Wissensträger blieb derselbe Mensch.

Was hier nicht behauptet wird: Carrolls Buch verknüpft Plum Island zusätzlich mit der Entstehung der Lyme-Borreliose in den USA – eine These, die in der Fachwelt umstritten und bislang nicht belegt ist. Dieser Teil der Geschichte gehört nicht zum gesicherten Kern dieses Artikels und wird hier bewusst nur als das benannt, was er ist: eine nicht verifizierte Hypothese, keine Tatsache.

Systemwechsel: Riems in der DDR

Nach dem Krieg lag Riems im sowjetisch besetzten, später im ostdeutschen Staatsgebiet. Die DDR erklärte offiziell, keine Biowaffenforschung zu betreiben. Der Wikipedia-Fachartikel zu biologischen Waffen verweist jedoch auf geheimdienstliche Hinweise, wonach zumindest auf Riems auch militärisch relevante Forschung stattgefunden habe – eine Angabe, die dort selbst als Hinweis, nicht als gesicherter Fakt gekennzeichnet ist.¹⁰ Primärquellen dazu liegen öffentlich nicht in ausreichender Tiefe vor; dieser Abschnitt der Insel-Geschichte bleibt daher unvollständig aufgeklärt.

Heute: Die Insel als Zielscheibe

2022 wurde Riems noch einmal zum Schauplatz weltpolitischer Aufmerksamkeit – diesmal in umgekehrter Rolle. Russland behauptete vor dem UN-Sicherheitsrat, eine Kooperation zwischen einer FLI-Forscherin und ukrainischen Kollegen sei Teil eines von den USA finanzierten Biowaffenprogramms.¹¹

Die Faktenlage dazu ist eindeutig: Es handelte sich um den Austausch von Parasitenproben für zivile Forschungszwecke. Die betroffene Wissenschaftlerin bestätigte gegenüber dem Fachmagazin "Science" den harmlosen Charakter der Proben, die UN-Abrüstungsbeauftragte sowie die US-Vertretung wiesen die Vorwürfe zurück, und Wissenschaftsjournalisten identifizierten den Vorgang als russische Desinformationskampagne.¹² Das Bundesforschungsinstitut selbst hielt sich öffentlich zurück, bestätigte aber die Zusammenarbeit als reguläre wissenschaftliche Kooperation.

Die Insel, die im 20. Jahrhundert tatsächlich zweimal Schauplatz militärischer Programme war, wurde hier zu Unrecht ein drittes Mal in diesen Kontext gerückt – diesmal ohne jede Substanz.

Das Muster

Was die Geschichte der Insel Riems zeigt, ist kein einzelner Skandal, sondern eine Struktur: Wissenschaftliche Infrastruktur und das Wissen einzelner Forscher überdauern politische Systeme fast unverändert. Ein NS-Bioweapon-Programm wird nach 1945 nicht aufgelöst, sondern in ein alliiertes Pendant übersetzt – derselbe Wissenschaftler, dieselbe Inselstruktur, nur ein neues Feindbild. Verantwortung wird in diesem Übergang nicht eingefordert; sie verschwindet zusammen mit dem alten Briefkopf.

Gleichzeitig zeigt der Fall von 2022: Nicht jede Anschuldigung gegen eine Institution mit belasteter Geschichte ist deshalb wahr. Genau das ist der Unterschied zwischen Aufklärung und Verdächtigung – und der Grund, warum jede einzelne Behauptung an der Quelle geprüft werden muss, auch wenn sie in ein plausibles Muster zu passen scheint.

Hoffnung

Was sich verändert hat: Das heutige Friedrich-Loeffler-Institut hat seine eigene NS-Geschichte nicht verschwiegen. Zum hundertjährigen Bestehen 2010 gab es selbst ein wissenschaftliches Buch zu seiner Institutsgeschichte in Auftrag, das auch die NS-Zeit einschließt.¹³ Historikerinnen wie Annette Hinz-Wessels konnten dafür Archivmaterial auswerten, das Jahrzehnte lang nicht öffentlich zugänglich war. Institutionen, die einst im Verborgenen arbeiteten, lassen heute zumindest ihre eigene Vergangenheit erforschen – ein kleiner, aber realer Unterschied zum Schweigen früherer Jahrzehnte. Aufarbeitung beginnt oft genau so: nicht mit einem großen Bekenntnis, sondern mit der Bereitschaft, die eigenen Archive zu öffnen.

Quellen:

  1. Loeffler F, Frosch P (1898): Berichte der Kommission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche, zitiert nach Friedrich-Loeffler-Institut, Historie Standort Insel Riems, fli.de
  2. Friedrich-Loeffler-Institut: "Standort Insel Riems", offizielle Institutshistorie, fli.de/de/ueber-das-fli/historie/standort-insel-riems/
  3. Friedrich-Loeffler-Institut: "Loeffler-Haus", fli.de/de/ueber-das-fli/historie/loeffler-haus/
  4. Wikipedia: "Erich Traub", Biografie mit Quellenverweisen, de.wikipedia.org/wiki/Erich_Traub
  5. Wikipedia: "Zentralinstitut für Krebsforschung (Reichsinstitut)", zur Tarnbezeichnung und Kurt Blome, de.wikipedia.org/wiki/Zentralinstitut_für_Krebsforschung_(Reichsinstitut)
  6. Alchetron/biografische Quellen zu Kurt Blome, Wehrmacht-Veterinärprogramm unter Erich Traub auf Insel Riems
  7. Carroll, Michael: "Lab 257", zitiert nach CounterPunch, "The Deadly Secrets of Plum Island", counterpunch.org
  8. Wikipedia: "Erich Traub", Abschnitt zu Flucht 1949 und Operation Paperclip
  9. Carroll, Michael: "Lab 257", zitiert nach CounterPunch, "Preserving Plum Island?", counterpunch.org
  10. Wikipedia: "Biologische Waffe", Abschnitt zur DDR, de.wikipedia.org/wiki/Biologische_Waffe
  11. Nordkurier: "Russland beklagt geheime Biowaffen-Forschung auf Insel Riems", 23.03.2022
  12. Science Magazine, zitiert nach Nordkurier, sowie Stellungnahmen von UN-Abrüstungsbeauftragter und US-UN-Vertretung, März 2022
  13. Hinz-Wessels, Annette; Thiel, Jens: "Das Friedrich-Loeffler-Institut 1910–2010. 100 Jahre Forschung für die Tiergesundheit", be.bra Verlag, Berlin 2010

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