Sieht so Deutschlands Zukunft aus?

Ein ZDF-Korrespondent warnte 2020 live bei Lanz vor totaler Überwachung in China. Die Frage, die das ZDF selbst stellte, verdient einen zweiten Blick.

person in white shirt and black pants walking on white sand during daytime
Foto: H&CO / Unsplash

Ein Satz, live gesendet

Dienstagabend, 21. April 2020. Bei "Lanz" im ZDF sitzt ein Mann, der gerade erst aus Wuhan zurückgekehrt ist: Ulf Röller, Leiter des ZDF-Auslandsstudios Ostasien in Peking. Zwei Wochen hat er dort verbracht, um sich anzusehen, wie eine Stadt nach dem Lockdown wieder hochfährt. Was er live erzählt, lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den die Redaktion von ZDF heute selbst so formulierte: totale Überwachung unter dem Vorwand des Gesundheitsschutzes.1

Röller berichtet von ständiger Temperaturmessung, von Handydaten, die ausgelesen werden, um lückenlose Bewegungsprofile zu erstellen. Selbst im Hotel. ZDF heute stellte dazu auf Facebook eigene Bilder online und fragte in der Bildunterschrift, was viele Zuschauer sich in diesem Moment ebenfalls fragten: Sieht so Deutschlands Zukunft aus?2

Das ist keine Frage aus einem Telegram-Kanal. Das ist die eigene Zeile des ZDF, veröffentlicht auf der eigenen Facebook-Seite, im April 2020.

Der Rand des Bildes

Um diesen Fernsehmoment kursiert bis heute ein Videoausschnitt in kritischen Online-Kreisen, ergänzt um einen zweiten Satz, der Röller zugeschrieben wird: Die meisten Menschen in China fänden das Ausmaß der Kontrolle gut, und die Angst vor einer neuen Infektionswelle werde auch staatlich gelenkt. Dieser zweite Teil lässt sich über verifizierbare Redaktionen nicht bestätigen — er taucht nur in Kanälen auf, die selbst keine Primärquelle sind. Wir übernehmen ihn deshalb nicht als Zitat. Was zählt, ist das, was zwei unabhängige Medien im April 2020 unabhängig voneinander dokumentiert haben: den ersten Satz, den ZDF heute selbst in die Welt setzte.12

Das ist der Kern journalistischer Sorgfalt: Nicht jeder Clip, der im Netz kursiert, ist deshalb falsch — aber er wird erst zitierfähig, wenn eine unabhängige Redaktion ihn bestätigt. Hier hat das ZDF selbst bestätigt, was zu bestätigen war. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Was aus der Warnung wurde

Vier Jahre später lohnt der Blick zurück auf die eigene Bilanz. Die Corona-Warn-App, gestartet im Juni 2020, wurde bis zu ihrer Ruhigstellung im Juni 2023 über 48 Millionen Mal heruntergeladen. Kostenpunkt laut Bundesregierung: rund 214 Millionen Euro.3 Sie sammelte keine Bewegungsprofile im chinesischen Sinne — die dezentrale Architektur war ein bewusstes Gegenmodell. Aber sie integrierte im Laufe ihrer Betriebszeit den digitalen Impfnachweis, eine Check-in-Funktion für Veranstaltungen und Restaurants, und wurde über die EU-Interoperabilitäts-Gateway mit den Apps von mehr als einem Dutzend weiterer europäischer Länder verknüpft.3

Das ist nicht China. Die Vergleichsgröße war nie identisch, und das zu behaupten wäre unredlich. Aber die Richtung der Frage, die das ZDF selbst 2020 stellte, war berechtigt: Welche Instrumente hält ein Gesundheitsnotstand für unser eigenes Land bereit? QR-Code-Pflichten in Restaurants, digitale Zertifikate als Zugangsvoraussetzung, Kontakttagebücher auf dem eigenen Smartphone — das alles war 2019 in Europa nicht vorstellbar. 2021 war es Alltag.

Das Muster

Was 2020 als fremdes Schreckensbild diente — eine Warnung aus einem Land, dessen politisches System sich fundamental von unserem unterscheidet — wurde binnen anderthalb Jahren zum eigenen, wenn auch anders konstruierten Instrumentarium. Der Unterschied lag nicht darin, ob digitale Kontrolle eingeführt wurde, sondern in ihrer rechtlichen Einhegung: Freiwilligkeit, Dezentralität, ein festes Enddatum. Diese Leitplanken existierten in Deutschland auch deshalb, weil Journalisten wie Röller 2020 die Frage überhaupt gestellt hatten — live, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, unter dem eigenen Sendungsnamen.

Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Nicht die Anklage, sondern die Erinnerung daran, dass die kritische Frage zuerst im Mainstream gestellt wurde, bevor sie zum Vorwurf gegen den Mainstream umgedeutet wurde.

Hoffnung

Die Corona-Warn-App wurde 2023 abgeschaltet, nicht verlängert, nicht in eine dauerhafte Infrastruktur überführt. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis von öffentlichem Druck, parlamentarischen Anfragen und einer wachen Zivilgesellschaft, die genau nachfragte, wann ein Ausnahmeinstrument wieder verschwindet. Diese Wachsamkeit ist keine Verschwörungstheorie — sie ist die Voraussetzung dafür, dass Ausnahmezustände Ausnahmen bleiben. Wer sich an Ulf Röllers Live-Frage von 2020 erinnert, hat ein gutes Werkzeug in der Hand, um auch die nächste Frage rechtzeitig zu stellen.

Fußnoten

  1. ZDF heute berichtete auf Facebook über die Rückkehr von China-Korrespondent Ulf Röller aus Wuhan und dokumentierte die "totale Überwachung unter dem Vorwand des Gesundheitsschutzes", die Röller zuvor bei "Lanz" (ZDF) am 21. April 2020 live geschildert hatte. Quelle: prisma.de, "Ständige Kontrolle: ZDF-Korrespondent zeigt den Corona-Alltag in China", 22.04.2020. 
  2. Unabhängige Zweitquelle mit identischer Zitierung und der Zusatzfrage "Sieht so Deutschlands Zukunft aus?": nordbuzz.de, "'Das wird hart': ZDF-Korrespondent zeigt Bilder vom Alltag in China", 22.04.2020. 
  3. Zahlen zu Downloads, Kosten und Funktionsumfang der Corona-Warn-App: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion CDU/CSU, Deutscher Bundestag, Drucksache 20/8108; sowie heise online, "Corona-Warn-App: Knapp 50 Millionen Downloads, 214 Millionen Euro Kosten", 31.08.2023. 
  4. Ulf Röller erhielt für seine Berichterstattung aus China während der Coronakrise den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2020. Quelle: Presseportal/ZDF, Pressemitteilung, November 2020.