Übersterblichkeit im Weltvergleich: Warum wirkten die Maßnahmen 2020 – und 2022 nicht mehr?

Deutschland hatte 2020 eine der niedrigsten Übersterblichkeitsraten Europas – und 2022 eine der höchsten. Ein Blick auf Eurostat, RKI und internationale Vergleichsstudien zeigt: Die einfache Erzählung 'Maßnahmen wirken' hält der eigenen Zeitachse nicht stand.

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Foto: Leandro Barreto / Unsplash

Damals: Ein Erfolg, den man zeigen konnte

Frühjahr 2020. Deutschland fährt das öffentliche Leben herunter, und die Kurve bleibt flach. International wird das als Beleg gewertet: Lockdown wirkt. Im ersten Halbjahr 2020 zählt Destatis für Deutschland kaum Übersterblichkeit – während Italien, Spanien und Frankreich im April 2020 zweistellige Exzess-Raten von teils über 40 Prozent verzeichnen1. Die Botschaft ist eindeutig: Wer schnell und hart eingreift, rettet Leben. Genau das lässt sich mit Zahlen belegen, sauber, unstrittig.

Heute: Die Kurve, die niemand erklären will

Zwei Jahre später kippt das Bild. Ausgerechnet Deutschland – mit einer der längsten und striktesten Maßnahmenketten Europas – liegt im Herbst und Winter 2022 wiederholt an der Spitze der EU-Übersterblichkeitsstatistik. Eurostat verzeichnet für Dezember 2022 eine deutsche Rate von +37 Prozent – den höchsten Einzelwert aller 27 Mitgliedsstaaten in diesem Monat, deutlich vor Österreich (+27%) und Frankreich (+25%)2. Im Oktober 2022 steht Deutschland mit +23 Prozent erneut an der Spitze3, im November mit +16 Prozent4 – während Schweden im selben Zeitraum bei +1 bis +2 Prozent verharrt4.

Über den Gesamtzeitraum 2020–2023 zählt eine im Fachjournal Lancet Regional Health Europe veröffentlichte Studie für Deutschland 218.111 Exzess-Todesfälle (+5,6%) – nach Italien und Polen die dritthöchste absolute Zahl unter 29 untersuchten Ländern5. Schweden weist über denselben Zeitraum die niedrigste altersstandardisierte Sterberate aller Länder auf: 1,8 pro 10.000 Einwohner, gegenüber 24,7 in Bulgarien5.

Das Muster: Wirkung ja – aber wann genau?

Das ist die Kernspannung, die "die 80%" zurecht stutzig macht: Wenn Maßnahmen kausal für niedrige Sterblichkeit sorgen, warum verkehrt sich das Bild, sobald die Maßnahmen greifen – und bleibt bestehen, während gleichzeitig eine Impfquote von über 75 Prozent erreicht wird? Die offiziellen Erklärungsversuche wirken auffällig vorsichtig. Das Statistische Bundesamt selbst räumt für den Sommer 2022 ein, es lasse sich "derzeit nicht einschätzen", in welchem Ausmaß Corona-Todesfälle, Hitze und andere Gründe zu den erhöhten Sterbezahlen beigetragen hätten6. Das Robert Koch-Institut schätzt für 2022 rund 4.500 hitzebedingte Todesfälle7 – das erklärt einen Teil, aber bei Weitem nicht die gesamte Differenz zur Erwartung.

Auch der internationale Vergleich zeigt: Wirkung von Maßnahmen ist offenbar keine Einbahnstraße. Die USA – mit einem föderalen Flickenteppich aus harten Lockdowns in manchen und "business as usual" in anderen Bundesstaaten – verzeichneten 2020–2021 eine altersstandardisierte Exzess-Sterblichkeit von 154,5 pro 100.000 Personenjahre, gegenüber 110,4 in 25 verglichenen europäischen Ländern8. Wäre die US-Rate auf europäisches Niveau gefallen, hätte es rund 391.000 weniger Tote gegeben8. Allerdings: Diese Lücke ist kein reines Pandemie-Phänomen. Schon 2017 – drei Jahre vor Corona – lag die jährliche US-Übersterblichkeit gegenüber den fünf großen westeuropäischen Ländern bei 400.732 Fällen, ein struktureller Abstand, der seit dem Jahr 2000 kontinuierlich gewachsen war9. Die Pandemie verschärfte eine bereits bestehende Lücke, sie schuf sie nicht.

Was auffällt, wenn man alle Zahlen nebeneinanderlegt: Weder das Narrativ "strikte Maßnahmen retten zuverlässig Leben" noch das Gegenteil "Maßnahmen sind wirkungslos" lässt sich sauber mit den Daten halten. 2020 stützt die erste These, 2022 widerspricht ihr empirisch. Wer das eine ohne das andere erzählt, betreibt Rosinenpickerei – ganz gleich, aus welcher Richtung.

Die unbequeme Leerstelle

Bemerkenswert ist, was fehlt: eine systematische, öffentlich kommunizierte Ursachenanalyse, warum sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Schweden zwischen 2020 und 2022 exakt umkehrt. Destatis benennt das Problem selbst, ohne es aufzulösen. Genau diese Lücke – nicht eine fertige Gegen-Erzählung – ist die eigentliche Geschichte: Eine Institution, die einräumt, sie könne die Ursachen nicht auseinanderhalten, hat noch keine Untersuchung veröffentlicht, die das nachträglich leistet.

Hoffnung

Die gute Nachricht: Diese Datenlücke ist keine geschlossene Tür, sondern eine offene Forschungsfrage – und Eurostat, RKI und Destatis liefern selbst die Werkzeuge, um sie zu bearbeiten. Wissenschaftliche Aufarbeitung braucht Zeit, aber sie findet statt, wie die Lancet-Studie zeigt. Wer die Zahlen ernst nimmt, statt sie zur Bestätigung einer vorgefassten Meinung zu benutzen, kann heute schon mehr Klarheit gewinnen als noch vor zwei Jahren. Das ist der Unterschied zwischen Schwurbelei und Aufarbeitung: nicht das schnelle Urteil, sondern die Bereitschaft, unbequeme Widersprüche auszuhalten, bis echte Antworten vorliegen.

Quellen

  1. Eurostat, Deaths during the COVID-19 pandemic, Statistics Explained, 2025. 
  2. Eurostat, "Excess mortality rose sharply to 19% in December 2022", Pressemitteilung, 17.02.2023. 
  3. Eurostat, "Excess mortality increased slightly in October 2022", Pressemitteilung, 16.12.2022. 
  4. Eurostat, "Excess mortality dropped to 6.7% in November 2022", Pressemitteilung, 17.01.2023. 
  5. Studie zu Übersterblichkeit und regionalen Unterschieden in Europa 2020–2023, Lancet Regional Health Europe, 2024. 
  6. Statistisches Bundesamt (Destatis), Mitteilung zu Sterbefallzahlen Sommer 2022, zitiert in JournalMed, 10.11.2022. 
  7. Robert Koch-Institut, Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, RKI edoc, 2022. 
  8. Rossen/Nørgaard/Sutton, "Excess all-cause mortality in the USA and Europe during the COVID-19 pandemic, 2020 and 2021", Scientific Reports, 03.11.2022. 
  9. Heuveline, "Another doubling of excess mortality in the United States relative to its European peers between 2017 and 2021", PLOS ONE, 29.03.2023.