Die unsichtbare Zählgrenze
Wer nach der Impfung starb, galt zwei Wochen lang noch als ungeimpft. Wer Hilfe brauchte, tauchte in keiner Statistik auf. Drei Messentscheidungen — alle dokumentiert, alle in dieselbe Richtung.
Damals Schwurbelei — heute Akte
Drei Messentscheidungen. Alle dokumentiert. Alle in dieselbe Richtung.
Wer in den Jahren 2021 und 2022 die offiziellen Nebenwirkungsstatistiken verfolgte, sah Promille-Werte. Schwerwiegende Ereignisse: selten. Todesfälle nach Impfung: äußerst selten. Die Botschaft war eindeutig.
Die Methode dahinter war es nicht.
Drei Entscheidungen — alle amtlich dokumentiert, keine davon geheim — haben die Datenlage systematisch in eine Richtung verschoben. Keine davon wurde in Pressekonferenzen erklärt.
Entscheidung Eins: Die 14-Tage-Grenze
Das Robert Koch-Institut definierte präzise, wann jemand als „vollständig geimpft" gilt. Die Definition stand in den Methodik-Anhängen der Wochenberichte: geimpft ist, wer zwei Dosen erhalten hat und dessen letzte Injektion mindestens 14 Tage zurückliegt.
Medizinisch ist das nicht willkürlich — der Impfschutz baut sich in diesen Wochen erst auf. Die statistische Konsequenz jedoch ist erheblich.
Wer in diesen 14 Tagen starb: zählte als ungeimpft. Wer in diesen 14 Tagen ins Krankenhaus kam: zählte als ungeimpft. Wer in diesen 14 Tagen einen Herzinfarkt erlitt: zählte als ungeimpft.
Die Phase direkt nach der Injektion ist immunologisch die aktivste. Gleichzeitig ist sie die Phase, in der Ereignisse der falschen Kategorie zugewiesen wurden.
Das RKI hat diese Definition nicht versteckt. Sie wurde nur selten öffentlich erklärt.
Entscheidung Zwei: Das eigene Instrument — und sein Schweigen
Das Bundesgesundheitsministerium beauftragte 2021 das Paul-Ehrlich-Institut mit einer eigenen Smartphone-App: SafeVac 2.0. Finanziert mit 1,6 Millionen Euro Steuergeldern. Ziel: aktiv erfassen, wie Geimpfte ihre Impfung vertragen.
Knapp 740.000 Menschen meldeten sich an — ein Vielfaches mehr als erwartet.
Was das PEI aus diesen Daten machte: Bis Mitte 2025 keine vollständige, eigenständige Auswertung. Auf Presseanfragen hieß es noch im Juni 2025, eine Veröffentlichung erfolge „wenn die Auswertung abgeschlossen ist. Hierfür kann kein genauer Zeitpunkt angegeben werden."
Was intern vorlag, wurde durch parlamentarische Anfragen bekannt. Die Antwort der Bundesregierung auf Bundestagsdrucksache 21/747 (3. Juli 2025) nannte: 3.506 SafeVac-Studienteilnehmer mit schwerwiegenden Ereignissen — gemeldet an die europäische Arzneimitteldatenbank EudraVigilance.
Das entspricht 0,48 Prozent der rund 740.000 Teilnehmer — jeder 210. Nutzer.
Was zur selben Zeit offiziell kommuniziert wurde:
Karl Lauterbach (SPD), 2023: schwere Nebenwirkungen lägen bei 0,01 Prozent. Robert Koch-Institut: 0,00027 Prozent.
Noch eine Zahl aus Drucksache 21/4645 (März 2026): Im Oktober 2024 veröffentlichte das PEI im Rahmen einer internationalen Fachkonferenz eine Quote von 1,28 Prozent schwerwiegender unerwünschter Ereignisse aus den SafeVac-Daten — ohne die absoluten Zahlen offenzulegen.
Die frühere Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (Drucksache 20/7508, Antwort 20/7756, Juli 2023) hatte bereits ergeben: die Quote schwerwiegender Impfreaktionen lag laut PEI-Sicherheitsbericht bei 0,39 Prozent — zu einem Zeitpunkt, als noch nicht alle Daten ausgewertet waren.
Was die USA zeigten — und wie es herauskam
Parallel existierte in den USA ein vergleichbares System: V-Safe, betrieben von der CDC. Aktive Smartphone-Befragung von Geimpften — dasselbe Prinzip wie SafeVac.
Die CDC veröffentlichte diese Daten nicht proaktiv. Erst nach zwei Klagen und einem Gerichtsbeschluss gab die Behörde die Rohdaten heraus — Oktober 2022.
Das Ergebnis der eigenen aktiven CDC-Befragung, laut Pressemitteilung von Siri & Glimstad / ICAN vom 3. Oktober 2022:
Von 10,1 Millionen V-Safe-Nutzern suchten 782.913 Personen — über 7,7 Prozent — medizinische Behandlung, Notaufnahme-Intervention oder Krankenhausaufnahme nach der Impfung.
Eine methodische Einschränkung gehört dazu: V-Safe erfasste Ereignisse bis zu einem Jahr nach der Impfung. Ein Arztbesuch aus völlig anderem Anlass wäre ebenfalls enthalten. Das System kann nicht unterscheiden, ob ein Ereignis kausal mit der Impfung zusammenhängt.
Diese Einschränkung macht die Zahl kleiner als sie auf den ersten Blick wirkt. Die Frage, die bleibt: Warum hat eine Bundesbehörde zwei Klagen geführt, um Daten aus dem eigenen Sicherheitsprogramm nicht herauszugeben?
Entscheidung Drei: Welche Wissenschaft Gehör findet
Im Mai 2023 erschien im Peer-Review-Journal Cureus eine Analyse von Professor Christoph Kuhbandner und Dr. Matthias Reitzner, Universität Regensburg. Methode: Vergleich der tatsächlichen deutschen Sterbestatistik mit altersbereinigten Erwartungswerten.
Befund:
- 2021: rund +34.000 Todesfälle über dem Erwartungswert
- 2022: rund +66.000 Todesfälle über dem Erwartungswert
Die Autoren haben keine Ursache behauptet. Sie haben einen statistischen Befund beschrieben. Und sie haben dokumentiert, was damit passierte: Eine Fachzeitschrift lehnte die Einreichung zuvor mit dem Hinweis auf die „sensible Natur" des Themas ab.
Peer-Review bedeutet: unabhängige Wissenschaftler haben Methodik und Daten geprüft und für korrekt befunden. Eine politische Einschätzung des Themas ist kein wissenschaftliches Gegenargument.
Das Muster
| Messinstrument | Land | Methode | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| PEI Spontanmeldungen | Deutschland | Passiv | Promille |
| SafeVac-App (PEI-eigen) | Deutschland | Aktiv | 0,39–1,28 % schwer |
| V-Safe (CDC-eigen) | USA | Aktiv | 7,7 % med. Behandlung |
| Kuhbandner / Reitzner | Deutschland | Sterbestatistik, peer-reviewed | +34.000 / +66.000 |
Vier Instrumente. Zwei Länder. Drei Methoden.
Das passive System zeigt Promille — weil es nur sieht, was aktiv gemeldet wird. Die aktiven Systeme zeigen deutlich mehr — weil sie fragen. Die Sterbestatistik zeigt eine Übersterblichkeit, die ab 2021 beginnt und 2022 wächst.
Keine dieser Zahlen beweist eine Kausalität. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, Fragen zu stellen — Fragen, die ein funktionierendes Pharmakovigilanz-System von sich aus stellen müsste.
Ob es sie gestellt hat, ist Gegenstand laufender parlamentarischer Aufarbeitung.
Was das bedeutet
Für Menschen, die geimpft wurden und sich heute Fragen stellen: Diese Zahlen sind kein Urteil über eine Entscheidung, die unter damaligem Informationsdruck getroffen wurde. Sie sind ein Hinweis darauf, dass die Informationsgrundlage lückenhafter war, als kommuniziert wurde.
Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Systemfrage.
Post-Vac-Ambulanzen bestehen inzwischen an mehreren deutschen Universitätskliniken. Wer Symptome hat, die er sich nicht erklären kann, sollte sie aufsuchen — und auf Dokumentation bestehen. Jede dokumentierte Geschichte zählt für die Aufarbeitung.
Bei psychischer Belastung: Telefonseelsorge, kostenlos, 24 Stunden: 0800 111 0 111
Primärquellen: RKI Wochenbericht, Methodik-Anhang Meldewochen 32–47/2021 (rki.de) · PEI SafeVac 2.0, Abschlussmeldung 27.09.2022 (pei.de) · Bundestagsdrucksache 20/7508 (Kleine Anfrage) und 20/7756 (Antwort), Juli 2023 · Bundestagsdrucksache 21/747, S. 112, Frage 154, 3. Juli 2025 (dserver.bundestag.de) · Bundestagsdrucksache 21/4645, März 2026 (dserver.bundestag.de) · CDC/ICAN V-Safe Pressemitteilung, 3. Oktober 2022 (prnewswire.com) · ICAN V-Safe Dashboard (icandecide.org/v-safe-data) · Kuhbandner & Reitzner, „Estimation of Excess Mortality in Germany During 2020–2022", Cureus, Mai 2023