Verbrannt

672 Millionen Dosen. 13 Milliarden Euro. Verimpft wurde ein Drittel. Der Rest läuft ab — oder ist bereits vernichtet. Eine Bilanz in Zahlen aus dem Deutschen Bundestag.

Verbrannt
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672 Millionen Dosen. Für 83 Millionen Menschen. Das sind acht Dosen pro Einwohner — bestellt, bezahlt, eingelagert.

Verimpft wurden bis Ende 2023 rund 195 Millionen Dosen. Das Verhältnis von Bestellung zu Verbrauch: etwa drei zu eins. Der Rest steht in Lagern, läuft ab — oder ist bereits vernichtet.

Das sind keine Schätzungen von Kritikern. Das sind Antworten der Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen.

Was bestellt wurde

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bestellte zwischen 2020 und 2021 insgesamt 557 Millionen Dosen Corona-Impfstoff. Sein Nachfolger Karl Lauterbach (SPD) bestellte weitere 115 Millionen Dosen. Gesamtbestellung: 672 Millionen Dosen.

Gesamtkosten laut Bundesregierung: über 13 Milliarden Euro.

Der Tagesspiegel berichtete im Januar 2023, Deutschland habe Abnahmeverpflichtungen für das Jahr 2023 im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro — obwohl der Sieben-Tage-Mittelwert der täglich verabreichten Dosen laut RKI zu diesem Zeitpunkt bei 2.937 lag. Hochgerechnet: eine Million Dosen im Jahr. Bei 224 Millionen Dosen, die 2023 eingelagert werden mussten.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Helge Braun sagte dazu: „Das ist absehbar viel zu viel, so dass mit der Vernichtung eines Großteils der Lieferung gerechnet werden müsste."

Er hatte recht.

Was vernichtet wurde

2022: 54 Millionen Dosen entsorgt.

2023: 132 Millionen Dosen entsorgt — bestätigt durch Antwort der Bundesregierung (Drucksache 20/9945) auf eine Kleine Anfrage des Deutschen Bundestages. Begründung: Die Dosen waren nicht auf die seit Mai 2023 dominierende Subvariante XBB.1.5 angepasst. Darunter: Millionen Dosen Comirnaty von BioNTech/Pfizer.

2024: 64,1 Millionen weitere Dosen vernichtet — bestätigt durch das Zentrum für Pandemie-Impfstoffe und Therapeutika beim Paul-Ehrlich-Institut gegenüber Business Insider.

Zwischensumme: rund 250 Millionen Dosen vernichtet. Bei Beschaffungskosten von durchschnittlich 2,30 Euro pro Dose — der vom Bund selbst genannte Wert für Januar 2023 — ergibt das allein für die vernichteten Dosen einen Beschaffungswert von rund 575 Millionen Euro.

Die offiziellen Kosten für die Vernichtung selbst: 145.000 Euro. Das ist die Rechnung für die Entsorgung. Nicht für den Einkauf. Nicht für die Lagerung.

Was gleichzeitig diskutiert wurde

Im November und Dezember 2021, während die ersten Chargen bereits auf ihre Ablaufdaten zuliefen, diskutierte Deutschland eine allgemeine Impfpflicht. Der Ethikrat empfahl sie. Der Bundestag debattierte sie. Karl Lauterbach warb öffentlich dafür.

Im April 2022 stimmte der Bundestag ab. Die allgemeine Impfpflicht scheiterte — knapp.

Im selben Jahr liefen die ersten 54 Millionen Dosen ab.

Was noch kommt

Anfang Dezember 2023 verfügte der Bund laut Bundestagsantwort noch über 52,3 Millionen Dosen, die nicht auf die aktuelle Variante angepasst waren: 50,7 Millionen Dosen Comirnaty (BioNTech/Pfizer), 1,6 Millionen Dosen Spikevax (Moderna).

Im August 2024 bestellte Gesundheitsminister Lauterbach weitere 15 Millionen Dosen für Auffrischungsimpfungen.

Zeitgleich wurden auch 420.000 Packungen des Covid-Medikaments Paxlovid vernichtet.

Was das kostet

13 Milliarden Euro für Impfstoffe insgesamt. Dazu: Lagerkosten über mehrere Jahre, Logistik, Entsorgung. Eine vollständige Aufstellung der Gesamtkosten hat die Bundesregierung nicht veröffentlicht.

Eine Meldepflicht für verfallene Dosen gibt es nicht. Der Bund liefert an den pharmazeutischen Großhandel — was dort abläuft, muss nicht zurückgemeldet werden.

Die genaue Zahl der vernichteten Dosen ist damit nach unten begrenzt, nicht nach oben.

Was das bedeutet

Wer im Frühjahr 2021 „Ich lasse mich impfen, um andere zu schützen" dachte, tat das in gutem Glauben. Er folgte dem, was Ärzte, Politiker und Nachrichten sagten.

Dass zur selben Zeit Verträge liefen, die mehr Dosen vorsahen als sich physisch verimpfen ließen — das war keine Information, die öffentlich kommuniziert wurde. Dass die Abnahmeverpflichtungen auch dann weitergelten würden, wenn die Nachfrage versiegte — auch das nicht.

Das Ergebnis: Milliarden für Dosen, die niemand brauchte. Verbrannt — im buchstäblichen Sinne. Die Rechnung dafür heißt Steuergelder. Die zahlen alle.

Quellen: Bundesregierung, Antwort auf Kleine Anfrage, Drucksache 20/9945, Januar 2024 (bundestag.de) · Bundestag, Pressemitteilung hib, 08.01.2024 (bundestag.de) · Tagesspiegel, 27.01.2023: Bestellung 13 Milliarden Euro · Rheinpfalz, 05.04.2023: 116 Millionen eingelagerter Dosen · Deutsches Ärzteblatt, 2024: 132 Millionen Dosen entsorgt · Business Insider, Dezember 2024: 64 Millionen Dosen 2024 vernichtet · Paul-Ehrlich-Institut / Zentrum für Pandemie-Impfstoffe und Therapeutika, Auskunft Dezember 2024 · RKI, Impfdaten-Dashboard