Der wachsende Verdächtigenkreis: Alles außer die Nadel
Seit 2021 wächst die Liste der medial präsentierten Herzinfarkt-Ursachen beständig - während das einzige konkrete Gesetz gegen steigende Herztode seit einem Jahr in der Schublade liegt.
Damals
- August 2021, Ärzte Zeitung. Kein Randblatt, keine "alternative" Quelle, sondern die auflagenstärkste deutsche Fachzeitung für Mediziner. Kommentator Denis Nößler fordert unverblümt den Rücktritt der STIKO-Mitglieder: Politiker in Bund und Ländern hätten Ansehen und Unabhängigkeit der Ständigen Impfkommission ruiniert, "vermutlich irreversibel".1 Der Anlass: Die Kinderimpfempfehlung war zum politischen Spielball geworden, bevor die Kommission ihre eigene fachliche Bewertung abgeschlossen hatte.
Der Vorwurf damals: Eine Fachbehörde wird unter öffentlichen Druck gesetzt, bis sie liefert, was die Politik hören will – nicht, was die Datenlage hergibt.
Heute
Fünf Jahre später zeigt sich ein anderes, aber verwandtes Muster – diesmal nicht bei einer einzelnen Behörde, sondern in der Erklärungssuche für einen echten Trend: die steigende Zahl kardialer Ereignisse seit 2021.
Die Liste der medial verbreiteten Auslöser wächst beständig:
- Grippe und andere Infekte. Eine dänische Studie mit 700.000 Patienten zeigt ein bis zu verdreifachtes Infarktrisiko in den ersten 30 Tagen nach schweren Infektionen – Physiologie, die seit Jahrzehnten bekannt ist.2
- Kälte und Schneeschippen. Die Deutsche Herzstiftung warnt seit Jahren, zuletzt wieder im Januar 2026, vor dem Herzinfarktrisiko beim Schneeräumen – Puls bei 154 Schlägen pro Minute nach zwei Minuten Schaufeln.3
- Eine besonders große US-Studie zu Grippe und Herzinfarkt, die im Herbst 2025 durch Schweizer Radionachrichten lief. Die Wissenschaftsjournalistin Martina Frei (Infosperber) prüfte nach: Von über 52.000 gesichteten Studien flossen nur 155 in die Auswertung ein – die meisten davon zu HIV, nicht zu Influenza.4
Frei ist dabei keine Impfskeptikerin, sondern das Gegenteil: Sie fordert in einer eigenen Artikelserie seit 2024 wiederholt handfeste Wirksamkeitsbeweise für Grippe- und Covid-Impfungen ein – zuletzt gestützt auf einen Fachartikel von Vinay Prasad, dem heutigen Leiter der Impfstoffabteilung der US-Arzneimittelbehörde FDA.5 Cochrane-Auswertungen kommen zum selben Schluss: Für klare Impfempfehlungen bei Senioren reicht die Datenlage nicht aus.6
Parallel dazu ein anderer Handlungsstrang: Im August 2024 beschließt das Bundeskabinett Karl Lauterbachs "Gesundes-Herz-Gesetz" – Vorsorge-Check-ups, Cholesterin-Screening schon bei Fünfjährigen, erweiterte Statin-Verordnung.7 Krankenkassen kritisieren das Vorhaben scharf als "teuren Aktionismus" mit "mangelhafter Evidenzbasis" – ausgerechnet der Vorwurf, der sonst Kritikern der Impfpolitik gemacht wird.8 Am 6. November 2024, dem Tag der ersten Bundestagslesung, zerbricht die Ampel-Koalition. Fünf Tage später erklärt Lauterbach, das Gesetz könne "zu seinem Bedauern" nicht mehr verabschiedet werden.9
Seitdem: Stille. Die neue Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erwähnt das Herzgesetz in ihrer Antrittsrede im Mai 2025 mit keinem Wort.10 Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie mahnt öffentlich, das Thema nicht versanden zu lassen – bislang ohne sichtbare Wirkung.11
Das Muster
Zwei Dinge lassen sich sauber belegen, ohne dass man sie gegeneinander ausspielen müsste – und genau das macht die Beobachtung stark:
Erstens: Der Kreis der öffentlich diskutierten Herzinfarkt-Auslöser wird seit 2021 beständig weiter gezogen. Jede einzelne Ursache ist für sich genommen wissenschaftlich plausibel, teils jahrzehntealt dokumentiert. Aber die schiere Regelmäßigkeit, mit der neue Kandidaten präsentiert werden – Grippe, Kälte, Hitze, Schneeschippen, Stress –, sticht ins Auge, gerade weil sie mit dem Beginn der Impfkampagnen zusammenfällt.
Zweitens: Das einzige konkrete Gesetzesvorhaben, das die steigende kardiovaskuläre Sterblichkeit strukturell hätte angehen sollen, ist an einer Regierungskrise gestorben und wurde seither nicht wieder aufgegriffen – trotz der immer wieder betonten Dringlichkeit des Themas.
Die offene Frage, die sich daraus ergibt und die dieser Text bewusst nicht beantwortet: Warum findet die mediale Energie für immer neue Erklärungsmodelle so viel Raum, während die eine strukturelle Antwort auf steigende Herztode – ein Gesetz, ein Monitoring, eine echte Ursachenforschung – seit über einem Jahr in der Schublade liegt?
Hoffnung
Die gute Nachricht steht in denselben Quellen, die das Muster sichtbar machen: Evidenzbasierte Medizin korrigiert sich selbst, auch wenn es dauert. Cochrane widerspricht offiziellen Impfempfehlungen, wenn die Datenlage es verlangt. Der künftige FDA-Impfstoffchef verlangt in einer Fachzeitschrift genau die Placebo-kontrollierten Studien, die 2021 als "Verschwörungserzählung" abgetan wurden. Und eine unabhängige Schweizer Journalistin zerlegt öffentlich eine reißerische Studienauswertung, bevor sie sich festsetzen kann.
Das System, offene Fragen zu stellen und Antworten einzufordern, funktioniert – nur langsamer, als es der Gesundheit vieler Menschen gutgetan hätte. Wer das erkennt, muss nicht resignieren. Er kann genau diesen Maßstab – Beleg vor Behauptung – an jede Schlagzeile anlegen, die morgen die nächste Ursache für Herzinfarkte präsentiert.
Fußnoten
- Ärzte Zeitung, Kommentar "Die STIKO-Mitglieder sollten zurücktreten!", Denis Nößler, 17.08.2021 – Forderung nach Rücktritt der Impfkommission wegen politischer Einflussnahme. ↩
- Herzstiftung, "Erkältungen und Grippe: Was dabei dem Herzen droht" – dänische Kohortenstudie zu Infektionen und Infarktrisiko. ↩
- Deutsche Herzstiftung, Pressemitteilungen zu Kälte- und Schneeschippen-Risiko, u. a. Januar 2026 – Herzfrequenzanstieg beim Schneeräumen. ↩
- Infosperber, Martina Frei, "Radio SRF betreibt Angstmacherei zugunsten der Grippe-Impfung", 03.11.2025 – Kritik an medialer Überzeichnung einer JAHA-Studie. ↩
- Infosperber, Martina Frei, "Pharma-freundliche US-Arzneibehörde: Kennedy gibt Gegensteuer", 09.06.2025 – Vinay Prasad fordert Wirksamkeitsbeweise im European Journal of Clinical Investigation. ↩
- Infosperber, Martina Frei, "Grippe- und Covid-Impfung: Wirksamkeitsbeweis gefordert", 04.11.2024 – Cochrane-Auswertung zu unzureichender Datenlage bei Senioren. ↩
- Bundesgesundheitsministerium, Pressemitteilung "Bundeskabinett beschließt Gesundes-Herz-Gesetz", 28.08.2024. ↩
- AOK-Bundesverband, Pressestatement Dr. Carola Reimann, 28.08.2024 – "Ampel komplett auf dem Holzweg". ↩
- Deutsches Ärzteblatt / BVMed, Meldungen November 2024 – Erste Lesung und Aus des Gesundes-Herz-Gesetzes nach Ampel-Bruch. ↩
- Deutscher Bundestag, Textarchiv, Rede Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, 15.05.2025. ↩
- BVMed / Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Pressemitteilung, 18.11.2024 – Aufruf, die Ziele des GHG nicht versanden zu lassen. ↩