Das Versprechen und die Akte (2): Moderna, 17. Dezember 2020
Eine Woche nach Pfizer stand Moderna vor der FDA: 94,1% Wirksamkeit, 13 Todesfälle, acht Wochen Beobachtungszeit - und eine Hautreaktion, die erst später als 'Moderna Arm' bekannt wurde, obwohl sie im Dokument längst stand.
Das Versprechen und die Akte (2): Moderna, 17. Dezember 2020
Eine Woche nach Pfizer stand der nächste mRNA-Impfstoff vor demselben Gremium. Das Sponsor-Dokument von Moderna liest sich in weiten Teilen wie ein Echo des ersten — mit einer eigenen Auffälligkeit, die 2020 noch keinen Namen hatte und erst Monate später als "Moderna Arm" durch die Medien ging.
Damals: Der zweite Kandidat, dieselbe Erwartungshaltung
Am 17. Dezember 2020 beriet das VRBPAC-Gremium über die zweite mRNA-Notfallzulassung binnen zehn Tagen. Die zentrale Zahl im Sponsor-Dokument: eine Wirksamkeit von 94,1 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall: 89,3 bis 96,8 Prozent), ermittelt an 196 bestätigten COVID-19-Fällen unter mehr als 30.000 Teilnehmern der Phase-3-Studie — elf Fälle in der Impfgruppe, 185 in der Placebogruppe.¹ Die Zusammenfassung auf Seite 8 des Dokuments war unmissverständlich formuliert: Nutzen und potenzielle Risiken sprächen eindeutig für den Impfstoff.
Im abschließenden Kapitel "Benefit-Risk Conclusions" zog Moderna eine klare Bilanz: 94,1 Prozent Wirksamkeit gegen symptomatisches COVID-19, 100 Prozent gegen schwere Verläufe, ein Sicherheitsprofil ohne "emergent safety concerns" bei über 15.000 geimpften Erwachsenen aus drei klinischen Studien.² Die Botschaft war eindeutig: sicher, wirksam, bereit für den breiten Einsatz.
Die Akte: Was zwischen den Zeilen stand
Dreizehn Todesfälle, eine Tabelle. Im Studienverlauf starben 13 Teilnehmer: sechs in der Impfgruppe, sieben in der Placebogruppe — darunter ein COVID-19-Todesfall unter Placebo. Die Liste der Todesursachen in der Impfgruppe liest sich nüchtern-klinisch: Herz-Kreislauf-Stillstand, vollendeter Suizid, Kopfverletzung, Herzinfarkt, Multiorganversagen, ein als "Death NOS" (nicht näher spezifiziert) kodierter Fall.³ Keiner wurde vom Prüfarzt als impfstoffbezogen eingestuft — bei dieser Fallzahl und Streuung der Ursachen eine nachvollziehbare Einschätzung. Bemerkenswert ist trotzdem, wie unterschiedlich die Todesursachen sind: von Suizid bis Multiorganversagen. Das Dokument selbst kommentiert diese Bandbreite mit einem einzigen Satz: Die Todesursachen seien angesichts der eingeschlossenen Population "not unexpected" gewesen.⁴
Die Hautreaktion, die noch keinen Namen hatte. Im Kapitel zu lokalen Nebenwirkungen beschreibt Moderna ein Phänomen, das später bekannt werden sollte: verzögerte Hautreaktionen an der Einstichstelle, die erst mehr als sieben Tage nach der Impfung auftraten — mit Rötung, Verhärtung und Juckreiz. Ein hinzugezogener Dermatopathologe stufte diese Reaktionen als "dermal hypersensitivity reactions" ein und hielt sie für kein Langzeitsicherheitsproblem.⁵ Erst Wochen nach Zulassungsbeginn, als die ersten großflächig geimpften Menschen genau diese Symptome zeigten, bekam das Phänomen in der US-Berichterstattung den Spitznamen "COVID Arm" beziehungsweise "Moderna Arm". Im Zulassungsdokument selbst steht es bereits vollständig beschrieben — nur eben ohne den Namen, der es später populär machte.
Schwangerschaften außerhalb der Studie. Wie bei Pfizer waren Schwangere und Stillende von der Studie ausgeschlossen.⁶ Dreizehn Schwangerschaften wurden dennoch in der Sicherheitsdatenbank erfasst — sechs in der Impf-, sieben in der Placebogruppe —, meist weil der Schwangerschaftstest bei Studienbeginn negativ war und die Schwangerschaft erst danach eintrat. Eine Teilnehmerin der Placebogruppe erlitt eine Fehlgeburt.⁷ Auch hier: eine Population, für die belastbare Daten erst nach der Zulassung entstehen sollten.
Acht Wochen, nicht mehr. Im Risikokapitel benennt Moderna die Grenze der eigenen Datenbasis unumwunden: Das Sicherheitsprofil stütze sich "largely" auf einen medianen Beobachtungszeitraum von acht Wochen nach der Impfung.⁸ Das ist noch kürzer als der bei Pfizer dokumentierte Zeitraum von zwei Monaten nach der zweiten Dosis — und wird im selben Absatz offen benannt, nicht verschwiegen.
Heute: Zwei Wochen Unterschied, dieselbe Struktur
Zwischen den Zulassungsdokumenten von Pfizer und Moderna liegen genau sieben Tage. Und tatsächlich gleicht sich die Struktur bis in Details: ein hoher, präzise berechneter Wirksamkeitswert; eine kurze, im Dokument selbst benannte Beobachtungsdauer; eine Todesfallliste mit gemischten, teils überraschenden Einzelfällen, die kollektiv als "nicht auffällig" bewertet wird; eine explizit ausgeschlossene Gruppe (Schwangere), deren Daten erst im Feldeinsatz entstehen.
Der "Moderna Arm" ist dabei ein informatives Detail: Er zeigt, dass auch harmlose, nicht schwerwiegende Nebenwirkungen bereits in den Zulassungsunterlagen sauber dokumentiert waren — die Öffentlichkeit lernte sie trotzdem erst kennen, als Journalisten Monate später nach einer Erklärung für ein reales, sichtbares Phänomen suchten. Das ist kein Beleg für Verschleierung. Es ist ein Beleg dafür, wie selten Zulassungsdokumente vor der Zulassung tatsächlich gelesen werden — von Fachleuten abgesehen.
Das Muster
Teil 1 dieser Serie beschrieb ein Muster: öffentliche Kernbotschaft korrekt, aber zeitlich begrenzt; Einschränkungen im selben Dokument benannt; offene Fragen in die Zukunft verlagert. Das Moderna-Dokument bestätigt dieses Muster nicht nur — es fügt eine vierte Beobachtung hinzu: Auch vergleichsweise harmlose, im Dokument bereits vollständig beschriebene Nebenwirkungen können nachträglich wie neue Entdeckungen wirken, wenn niemand das Ausgangsdokument gelesen hat. Die Lücke liegt hier nicht zwischen Datenlage und Dokument, sondern zwischen Dokument und öffentlicher Wahrnehmung.
Ausblick
Teil 3 dieser Serie widmet sich Johnson & Johnson — dem einzigen Einzeldosis-Impfstoff der vier großen Kandidaten und dem Dokument, in dem Guillain-Barré-Syndrom und Bell's Palsy bereits Monate vor der bekannten öffentlichen TTS-Debatte als eigene Beobachtungskategorie mit konkreten, als "related" eingestuften Fällen auftauchen.
Hoffnung
Dass sich dieses Muster über zwei unabhängige Hersteller, zwei unabhängige Studienprogramme und zwei um eine Woche versetzte Zulassungstermine hinweg wiederholt, ist eher beruhigend als beunruhigend: Es spricht für ein Verfahren mit konsistenten Standards und nicht für Zufall oder Einzelfall-Vertuschung. Die eigentliche Aufgabe liegt nicht darin, ein verstecktes Geheimnis zu suchen, sondern darin, die längst öffentlichen Dokumente zur gewohnten Lektüre zu machen — bevor, nicht erst nachdem, aus einem Fachbegriff eine Medienschlagzeile wird.
Quellen
- Moderna COVID-19 Vaccine, VRBPAC Briefing Document (Sponsor), 17. Dezember 2020, Zusammenfassung S. 8. Primärergebnis zur Impfstoffwirksamkeit (94,1 %, 11 vs. 185 Fälle).
- Ebd., Abschnitt 9 "Benefit-Risk Conclusions", S. 76.
- Ebd., Abschnitt 7.2.4.3 "Deaths", Tabelle 26, S. 67–68.
- Ebd., Abschnitt 9.2 "Risks", S. 76.
- Ebd., Abschnitt 7.2.3.1 "Solicited Local Adverse Reactions", S. 59.
- Ebd., Ein-/Ausschlusskriterien der Studie 301.
- Ebd., Abschnitt 7.2.7 "Pregnancies" und Tabelle 28, S. 70.
- Ebd., Abschnitt 9.2 "Risks", S. 76 ("largely based on data from the pivotal Phase 3 study" mit medianer Nachbeobachtung von 8 Wochen).
Das vollständige Originaldokument ist öffentlich abrufbar über die FDA (VRBPAC Meeting Materials, 17. Dezember 2020).