Das Versprechen und die Akte (5): Die Zeitlinie aller vier
Vier Hersteller, vier Zulassungsdokumente - in einer Zeitlinie und Vergleichstabelle: Wer wusste wann was, wann wurde es bestätigt, und wann folgten Konsequenzen. Der Abschluss der Serie 'Das Versprechen und die Akte'.
Das Versprechen und die Akte (5): Die Zeitlinie aller vier
Vier Hersteller, vier Zulassungsdokumente, vier Geschichten — in den ersten vier Teilen dieser Serie einzeln gelesen. Dieser fünfte und letzte Teil legt sie nebeneinander. Keine neue Recherche, sondern eine Ordnung: Wer wusste wann was, wann wurde es bestätigt, und wann folgten Konsequenzen.
Die vier Zulassungen im Vergleich
Alle vier Dokumente entstanden innerhalb von nicht einmal drei Monaten — zwischen dem 10. Dezember 2020 und dem 26. Februar 2021. Alle vier folgten demselben Grundmuster: eine hohe, präzise berechnete Wirksamkeitszahl, ein im Dokument selbst benannter kurzer Beobachtungszeitraum, eine Liste ausgeschlossener Risikogruppen.
| Hersteller | VRBPAC-Termin | FDA-EUA | Wirksamkeit (primärer Endpunkt) | Beobachtungszeitraum | Todesfälle im Studienzeitraum |
|---|---|---|---|---|---|
| Pfizer/BioNTech | 10.12.2020 | 11.12.2020 | 95,0 % | median 2 Monate nach Dosis 2 | 6 (2 Impfstoff / 4 Placebo) |
| Moderna | 17.12.2020 | 18.12.2020 | 94,1 % | median 8 Wochen | 13 (6 Impfstoff / 7 Placebo) |
| Johnson & Johnson | 26.02.2021 | 27.02.2021 | 66,9 % (85,4 % gg. schwere Verläufe) | median 58 Tage | 19 (3 Impfstoff / 16 Placebo) |
| AstraZeneca | — (keine US-EUA) | EU-Zulassung 29.01.2021 | ca. 70 % (gepoolt, EU-Zulassungsstudien) | — | — |
Die Tabelle zeigt bereits das erste Muster: Je später die Zulassung, desto kürzer die Zeit, die den Herstellern für die eigene Datensammlung blieb — und desto niedriger fielen bei den Einzeldosis- und Vektorimpfstoffen (J&J, AstraZeneca) die reinen Wirksamkeitszahlen gegenüber den beiden mRNA-Präparaten aus, bei vergleichbar hohem Schutz gegen schwere Verläufe.
Die Zeitlinie danach
10.–18. Dezember 2020: Pfizer und Moderna erhalten binnen einer Woche die US-Notfallzulassung. Beide Sponsor-Dokumente benennen im Kleingedruckten bereits Beobachtungskategorien für seltene neurologische und autoimmune Ereignisse (u. a. Fazialisparese/Bell's Palsy bei Pfizer als vorab gelistete Kategorie).
29. Januar 2021: Die EU erteilt AstraZeneca die bedingte Zulassung — ohne Altersbeschränkung.
26.–27. Februar 2021: Johnson & Johnson erhält die US-Notfallzulassung. Das Sponsor-Dokument enthält bereits eine eigene "AE of interest"-Kategorie für Thrombosen und Guillain-Barré-Syndrom — Wochen bevor diese Begriffe öffentlich bekannt werden.
7. April 2021: Die EMA bestätigt einen wahrscheinlichen Kausalzusammenhang zwischen AstraZeneca/Vaxzevria und TTS (Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom). Datenbasis: 269 gemeldete Fälle, 45 Todesfälle.
13.–23. April 2021: CDC und FDA setzen die J&J-Impfungen in den USA nach 6 gemeldeten TTS-Fällen (1 Todesfall) für zehn Tage aus.
20. April 2021: Die EMA bestätigt einen möglichen Zusammenhang auch zwischen J&J und TTS — dasselbe Muster wie bei AstraZeneca, deutlich kleinere Fallzahl, deutlich weniger öffentliche Aufmerksamkeit.
23. April 2021: Die EMA quantifiziert das AstraZeneca-Risiko: etwa 1 TTS-Fall pro 100.000 geimpfte Personen. Der Nutzen wird für alle Altersgruppen weiterhin als überwiegend eingestuft.
31. Oktober 2022: Die EU wandelt die bedingte AstraZeneca-Zulassung in eine reguläre, fünf Jahre gültige Zulassung um — in voller Kenntnis des TTS-Risikos.
Februar 2024: AstraZeneca räumt in einem Dokument vor dem UK High Court erstmals schriftlich ein, der Impfstoff könne "in sehr seltenen Fällen TTS verursachen".
27. März 2024: Die EU-Kommission widerruft die Vaxzevria-Zulassung auf Antrag von AstraZeneca — offiziell aus rein kommerziellen Gründen, wirksam ab 7. Mai 2024.
Was die vier eint
Über alle vier Dokumente hinweg wiederholt sich dieselbe Grundstruktur, die diese Serie von Teil zu Teil sichtbarer gemacht hat: Erstens war die öffentlich kommunizierte Kernbotschaft ("sicher und wirksam") in jedem Fall durch die zum Zulassungszeitpunkt vorliegenden Daten gedeckt — für den untersuchten Zeitraum, in der untersuchten Population. Zweitens benannten alle vier Dokumente die Grenzen dieser Aussage bereits selbst: kurze Beobachtungszeiträume, ausgeschlossene Risikogruppen, vorab definierte Kategorien für seltene, aber ernste Nebenwirkungen. Drittens wurde die Klärung der offenen Fragen in allen vier Fällen explizit in die Zeit nach der Zulassung verlagert.
Der entscheidende Unterschied zeigt sich erst im Rückblick, in der Zeitlinie: Bei Pfizer, Moderna und — nach der kurzen US-Pause im April 2021 — auch bei Johnson & Johnson blieb es bei genau dieser Struktur: Beobachtungskategorie, gelegentlicher Einzelfall, keine grundlegende Neubewertung. Bei AstraZeneca dagegen mündete derselbe Ausgangspunkt in eine mehrjährige, öffentlich nachvollziehbare Kette: bestätigtes Risiko, quantifiziertes Risiko, volle Zulassung trotz bekannten Risikos, gerichtliches Eingeständnis, Rückzug. Ob diese Kette ursächlich zusammenhängt oder eine Verkettung unabhängiger Ereignisse ist, lässt sich aus den öffentlichen Dokumenten — wie in Teil 4 dieser Serie beschrieben — nicht abschließend beweisen. Dass sie überhaupt so lückenlos aus offiziellen, frei zugänglichen Quellen rekonstruierbar ist, ist der eigentliche Befund dieser Serie.
Hoffnung
Fünf Teile, vier Hersteller, ein wiederkehrendes Muster — und in keinem einzigen Fall eine geheime Quelle, ein Leak oder eine anonyme Behauptung. Jedes Dokument in dieser Serie ist seit Jahren öffentlich, kostenlos und vollständig einsehbar: bei der FDA, bei der EMA, in Gerichtsakten. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Aufarbeitung: Die Fragen, die heute gestellt werden, waren nie geheim. Sie standen die ganze Zeit in Dokumenten, die jeder hätte lesen können. Aufarbeitung bedeutet nicht, verborgene Wahrheiten aufzudecken — sie bedeutet, öffentliche Dokumente endlich so genau zu lesen, wie sie es von Anfang an verdient hätten.
Quellen
Diese Zusammenfassung beruht vollständig auf den in den Teilen 1–4 dieser Serie einzeln zitierten Primärquellen: den VRBPAC-Sponsor-Briefing-Dokumenten von Pfizer/BioNTech (10.12.2020), Moderna (17.12.2020) und Johnson & Johnson (26.02.2021), sowie den EMA-Dokumenten und Pressemitteilungen zu Vaxzevria (29.01.2021, 07.04.2021, 23.04.2021, 31.10.2022, 27.03.2024). Vollständige Einzelnachweise siehe die jeweiligen Teile der Serie.