Vier Jahre bis zur Regel
Die STIKO sah das Myokarditis-Signal bei Spikevax schon im November 2021 in den eigenen Zahlen. Bis daraus eine feste Regel für Schwangere wurde, vergingen vier Jahre.
Was die STIKO im November 2021 in ihren eigenen Tabellen bereits sah – und was aus dieser Erkenntnis erst 2025 eine feste Regel wurde.
Es gibt Dokumente, die man zweimal lesen muss. Einmal, um zu verstehen, was drinsteht. Ein zweites Mal, um zu verstehen, wie lange es gedauert hat, bis daraus eine Regel wurde.
Die Ständige Impfkommission veröffentlichte am 18. November 2021 im Epidemiologischen Bulletin 46 eine "Wissenschaftliche Begründung" zu einer neuen Empfehlung: Menschen unter 30 Jahren sollten künftig ausschließlich mit Comirnaty (BioNTech/Pfizer) geimpft werden, nicht mehr mit Spikevax (Moderna). Der Grund stand in den eigenen Tabellen des Dokuments – und er war präziser, als es die Pressemitteilung vermuten ließ.
Damals: Die Zahlen, die schon da waren
Die STIKO stützte sich auf Daten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), aber auch auf internationale Quellen aus Kanada, Israel und den USA. Was diese Zahlen zeigten, war kein vages Bauchgefühl, sondern eine Größenordnung.
Für junge Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren berichtete die kanadische Gesundheitsbehörde Public Health Ontario nach der zweiten Spikevax-Dosis eine Melderate von 263,2 Myo- oder Perikarditis-Fällen pro einer Million Impfungen – umgerechnet etwa ein Fall auf 4.000 Zweitimpfungen. Zum Vergleich: Nach Comirnaty lag die Rate in derselben Altersgruppe bei rund einem Fall auf 30.000 Zweitimpfungen.¹
Auch die eigene deutsche Auswertung des PEI, die die STIKO in ihre Begründung übernahm, war eindeutig: Bei 12- bis 17-jährigen Jungen wurden nach der Impfung mit Comirnaty 74 Myokarditis-Fälle innerhalb von 21 Tagen gemeldet, während auf Basis der Hintergrundinzidenz in der Bevölkerung nur etwa 11 Fälle statistisch zu erwarten gewesen wären – ein rechnerisches Verhältnis von 6,8. Bei jungen Männern zwischen 18 und 29 Jahren, die Spikevax erhalten hatten, war der Unterschied noch größer: 90 gemeldete Fälle standen einem statistischen Erwartungswert von gut 20 gegenüber – ein mehr als vierfaches Risiko.²
Die STIKO selbst formulierte es so: Bei Jungen und jungen Männern sowie – schwächer ausgeprägt – bei Mädchen und jungen Frauen sei das Risiko nach Spikevax "deutlich höher" als nach Comirnaty.³
Diese Erkenntnis war zu diesem Zeitpunkt nicht neu. Norwegen, Finnland und Schweden hatten die Anwendung von Spikevax für jüngere Altersgruppen bereits am 7. Oktober 2021 – mehr als fünf Wochen vor der deutschen Entscheidung – vorsorglich ausgesetzt.⁴ Die deutschen Gesundheitsbehörden reagierten, nachdem die skandinavischen Länder bereits gehandelt hatten.
Die Lücke, die blieb: Schwangere
Im selben Dokument findet sich ein Satz, der bei der ersten Lektüre leicht übersehen wird. Für Schwangere, die zwei Monate zuvor – am 17. September 2021 – erstmals eine allgemeine STIKO-Impfempfehlung erhalten hatten, schrieb die Kommission im November 2021 wörtlich: Es lägen "keine vergleichenden Sicherheitsdaten für Comirnaty und Spikevax" für Schwangere vor. Man empfahl dennoch, ihnen "unabhängig vom Alter" Comirnaty anzubieten.⁵
Das ist bemerkenswert präzise formuliert: eine Empfehlung, kein Ausschluss. Schwangere, die im Herbst 2021 bereits eine erste Impfdosis Spikevax erhalten hatten, fielen nicht unter ein verbindliches Verbot – die Formulierung blieb eine Soll-Vorschrift für künftige Impfungen, keine rückwirkende Klarstellung, keine expliziten Daten zur eigenen Risikogruppe.
Heute: Aus der Beobachtung wurde die Regel
Die aktuelle STIKO-Empfehlung, Stand Dezember 2025, liest sich anders. Dort heißt es unmissverständlich: Bei Personen im Alter von 12 bis unter 30 Jahren sowie bei Schwangeren soll Spikevax aufgrund eines erhöhten Risikos für Myo- bzw. Perikarditis nicht eingesetzt werden.
Aus der vorsichtigen "Soll angeboten werden"-Formulierung von 2021 ist eine feste, alterspezifische Kontraindikation geworden – die nun ausdrücklich auch Schwangere als eigene Risikogruppe nennt, nicht nur als Adressatinnen einer Empfehlung für unter 30-Jährige.
Das Muster: Wissen und Regel fallen selten zusammen
Was zwischen November 2021 und heute liegt, ist kein Geheimnis und keine Verschwörung. Es ist eine Beobachtung, die sich in der Aufarbeitung dieser Pandemie immer wieder zeigt: Zwischen dem Moment, in dem eine Behörde ein Signal in ihren eigenen Daten sieht, und dem Moment, in dem daraus eine bindende, konkrete Regel für eine benannte Risikogruppe wird, liegen Jahre – nicht Tage.
Die Zahlen von 2021 waren keine Ahnung, sondern eine belastbare Größenordnung: ein Fall auf 4.000 bei jungen Männern nach der zweiten Spikevax-Dosis, ein mehr als sechsfaches Risiko bei männlichen Jugendlichen. Skandinavische Behörden zogen daraus fünf Wochen früher als Deutschland eine Konsequenz für ihre Bevölkerung. Für Schwangere blieb die Konsequenz 2021 eine Empfehlung – die feste Regel kam erst Jahre später, als die aktuellen FAQ-Formulierungen des RKI sie festschrieben.
Dazwischen lagen die Schwangeren und die 12- bis 29-Jährigen, die sich in diesem Zeitraum – im Vertrauen auf die jeweils gültige Empfehlung – für eine Impfung entschieden. Manche von ihnen mit Spikevax, weil zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung eben keine bindende Kontraindikation existierte, nur eine Beobachtung, die noch nicht in eine Regel übersetzt war.
Hoffnung: Die Daten sind da – und bleiben es
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist nicht, dass es ein Sicherheitssignal gab. Signale bei neuen Impfstoffen sind normal, und die Reaktion darauf – eine differenzierte Alters- und Produktempfehlung statt eines pauschalen Stopps – war im Kern eine vernünftige, evidenzbasierte Entscheidung.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass diese Zahlen von Anfang an öffentlich zugänglich waren – in einem frei einsehbaren Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts, mit Tabellen, Konfidenzintervallen und Quellenangaben bis nach Kanada und Israel. Niemand musste sie erfinden oder aus verdächtigen Quellen zusammensuchen. Sie standen da, unter dem Briefkopf der STIKO selbst.
Das ist die eigentliche Lehre: Eine Behörde, die ihre eigenen Unsicherheiten so genau dokumentiert wie im November 2021 geschehen, verdient nicht pauschales Misstrauen. Sie verdient die Nachfrage, warum zwischen der Dokumentation eines Signals und der verbindlichen Regel für die am stärksten betroffene Gruppe – Schwangere – vier Jahre vergingen. Diese Frage lässt sich stellen, ohne die Kommission zu verunglimpfen. Sie lässt sich sogar mit den eigenen Zahlen der Kommission beantworten.
Quellen:
- Public Health Ontario, "Myocarditis and pericarditis following vaccination with COVID-19 mRNA vaccines in Ontario", Datenstand 7. August 2021, zitiert in: Epidemiologisches Bulletin 46/2021, Tabelle 7.
- Epidemiologisches Bulletin 46/2021, "Wissenschaftliche Begründung der STIKO...", Tabelle 6 (Observed-versus-Expected-Analyse), RKI, 18. November 2021.
- Ebd., Kapitel 6, "Risiko-Nutzen-Bewertung zu Myo-/Perikarditiden".
- Norwegian Institute of Public Health, Pressemitteilung vom 6. Oktober 2021; Finnish Institute for Health and Welfare (THL), Mitteilung vom 11. Oktober 2021 – beide zitiert in Epid. Bull. 46/2021.
- Epidemiologisches Bulletin 46/2021, Kapitel 7, "Fazit und Impfempfehlung".
- RKI, "COVID-19 und Impfen: Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ)", Stand 12.12.2025.