Was die Enquete-Kommission bisher herausgefunden hat — und was noch fehlt

Seit September 2025 arbeitet die Bundestags-Enquete-Kommission an der Corona-Aufarbeitung. Ein Zwischenstand — was klar ist, was noch aussteht, und welche Fragen kaum gestellt werden.

Was die Enquete-Kommission bisher herausgefunden hat — und was noch fehlt
Foto: Maheshkumar Painam / Unsplash

Seit dem 8. September 2025 tagt die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse". Unter Vorsitz von Franziska Hoppermann (CDU/CSU) soll bis Juni 2027 ein umfassender Abschlussbericht vorliegen.

Was hat sie bisher herausgefunden? Und was sucht sie noch nicht?

Was auf dem Tisch liegt

Die Kommission hat in mehreren öffentlichen Anhörungen zentrale Themen bearbeitet: die Balance zwischen Exekutive und Parlament während der Notstandsgesetzgebung, die Leistungsfähigkeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, die Impfstrategie — und im Mai 2026 die nicht-pharmazeutischen Interventionen (NPIs): Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen.

Dabei wurden unbequeme Befunde öffentlich vorgetragen.

Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Doreen Reifegerste erklärte vor der Kommission: Abwertende Beurteilungen abweichender Meinungen hätten eher Widerstand provoziert als Vertrauen gestärkt. Das steht jetzt im Protokoll des Deutschen Bundestages.

RKI-Präsident Prof. Dr. Lars Schaade bezifferte die COVID-19-assoziierten Todesfälle in Deutschland auf rund 172.000 — und ergänzte, dass diese Zahl methodisch von „mit COVID verstorben" und „an COVID verstorben" abhänge. Eine Differenzierung, die in der öffentlichen Pandemiekommunikation selten so klar getroffen wurde.

Der neue Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Rechtsprofessor Helmut Frister, äußerte sich im Frühjahr 2025 — noch vor seiner Anhörung — gegenüber der Rheinischen Post: Die Abschottung der Alten- und Pflegeheime sei „zum Teil zu radikal" gewesen, die Schulschließungen „jedenfalls in ihrer Dauer übertrieben."

Was noch nicht gesucht wird

Trotz des breiten Themenspektrums fallen Lücken auf.

Verhältnismäßigkeit einzelner Maßnahmen wird bisher nur am Rand gestellt — nicht als zentrale Untersuchungsfrage. Welche Maßnahme hat wie viel gebracht? Welche hat nachweislich geschadet? Das erfordert einen epidemiologischen Vergleich, den die Kommission bisher nicht in Auftrag gegeben hat.

Der Umgang mit Kritikern — Ärzten, Wissenschaftlern, Juristen, die abweichende Positionen vertraten und dafür berufliche Konsequenzen erlitten — ist kein expliziter Untersuchungsgegenstand. Die Frage, ob hier Einschüchterung systematisch wirkte, bleibt offen.

Konkrete Verantwortlichkeit für Fehlentscheidungen wird nicht benannt. Das ist strukturell erklärbar: Eine Enquete-Kommission ist kein Gericht. Aber ohne Benennung bleibt Aufarbeitung abstrakt.

Was das bedeutet

Die Enquete-Kommission ist das wichtigste parlamentarische Instrument zur Corona-Aufarbeitung, das Deutschland hat. Sie ist keine Gerichtsinstanz und wird keine Urteile fällen. Aber sie hat die Möglichkeit — und die demokratische Pflicht — einen gemeinsamen Faktenstand zu schaffen, auf dem zukünftige Entscheidungen aufbauen können.

Dafür braucht es Mut: nicht nur zu unbequemen Befunden, sondern zu unbequemen Fragen. Fragen, die politisch belasten. Fragen, die zeigen, dass Fehler nicht Schicksal waren — sondern Entscheidungen.

Die Kommission hat bis Juni 2027 Zeit. Das ist eine Chance, die nur einmal kommt.

Quellen: Bundestag, Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie", Einsetzungsbeschluss September 2025; Protokoll Anhörung Reifegerste, Mai 2026; RKI-Präsident Schaade, Aussage vor der Kommission, 2026; Helmut Frister, Rheinische Post, April 2025.