Was gesegnet wurde — und was nicht
Über Kirche, Kontrolle und eine Rede, die gezittert hat.
Es war vor vielen Jahren. Ein enger Freund hielt eine Rede in einer Kirche.
Kein Gottesdienst, keine Taufe, keine Trauung. Zwei Menschen feierten ihren zehnten Jahrestag. Zwei Männer, die sich liebten — in einer Zeit, in der das Wort „schwul“ in Kirchenräumen nicht vorkam. Nicht offiziell, nicht inoffiziell. Einfach nicht.
Mein Freund sprach. Er sprach von Treue, von Verlässlichkeit, von dem, was zwei Menschen füreinander bedeuten können über ein Jahrzehnt. Er sprach ausschließlich von „zwei Menschen“. Nie von Männern. Nie von Partnerschaft. Nur: zwei Menschen.
Wir saßen dabei und warteten. Wann fällt das Wort? Wann kippt die Stimmung? Wann schaut jemand zur Tür?
Es fiel nicht. Die Rede war fertig. Die anderen Besucher applaudierten und lobten den „Pastor“. Sie hatten eine wunderbare Rede gehört — über zwei Menschen, die sich lieben.
Mein Freund war kein Pastor. Aber er war klug genug, in einem Gotteshaus eine Sprache zu sprechen, die niemanden bedrohte — während er genau das tat, wozu die Institution um ihn herum nicht fähig war: zwei liebende Menschen würdigen.
Warum ich schon früher gegangen war
Ich war da bereits ausgetreten. Lange vorher. Nicht im Streit, nicht aus Wut. Aus einer wachsenden, ruhigen Unvereinbarkeit zwischen dem, was die Kirche segnete — und dem, was sie verweigerte.
Autos wurden gesegnet. Jagdwaffen wurden gesegnet. Schiffe, die Fracht transportierten. Uniformen, die in Kriege zogen. All das: mit Weihwasser, mit Worten, mit der Autorität einer Institution, die sich als Stimme Gottes verstand.
Zwei Menschen, die sich liebten und gemeinsam durchs Leben gehen wollten? Sünde. Nicht segnungswürdig. Gefährlich für die Seele. Das war keine Frage der Theologie. Das war eine Frage der Menschlichkeit. Und ich hatte meine Antwort.
Das Kondom als Todesurteil
Während ich über persönliche Unvereinbarkeit nachdachte, starben in Afrika Millionen Menschen.
AIDS zerstörte Kontinente. Die Kirche war in vielen betroffenen Regionen die stärkste Institution im Bereich Gesundheit und Bildung — und sie predigte, dass Kondome das Problem verschlimmerten. Papst Johannes Paul II. nannte eheliche Treue das einzige Mittel. Benedikt XVI. wiederholte das auf dem Weg nach Kamerun, mitten in die Epidemie hinein. Frankreichs Gesundheitsminister sprach von „iner Botschaft wider alle wissenschaftliche Erkenntnis“.
Nächstenliebe, so die offizielle Doktrin, bedeutete: kein Kondom. Auch wenn der Nächste daran starb.
2021: Nächstenliebe neu definiert
Im August 2021 erschien eine Videobotschaft. Papst Franziskus, auf Spanisch, Teil einer 60-Millionen-Dollar-Kampagne einer US-amerikanischen Werbeorganisation.
„Sich impfen zu lassen ist ein Akt der Liebe“, sagte er. „Für sich selbst, die Familie, Freunde sowie alle Völker.“ Die Deutsche Bischofskonferenz schloss sich an: Impfen sei „eine Verpflichtung aus Gerechtigkeit, Solidarität und Nächstenliebe“.
Welches Prinzip leitet eine Institution, die Schutz vor einer Sexualkrankheit als Sünde benennt — und Schutz vor einer Atemwegserkrankung als Liebesakt?
Was heute auf Kirchentagen passiert
Ich verfolge, was heute auf Kirchentagen geschieht. Die Regenbogenfahnen, die queere Pastoral als bezahlte Planstelle, das Gendern Gottes, die politischen Statements — all das ist dort, wo einmal Seelsorge war.
Ich sage das ohne Häme. Denn die Menschen, die damals für ein einfaches „zwei Menschen“ zitterten — für die wäre das Einleitung einer Erlösung.
Aber irgendetwas stimmt nicht mit dem Timing. Mit der Geschwindigkeit. Mit der Vollständigkeit. Institutionen, die sich über Jahrhunderte gegen gesellschaftlichen Druck gewehrt hatten, drehten sich innerhalb weniger Jahre um 180 Grad — genau in dem Moment, in dem ihre Legitimation durch Missbrauchsskandale historisch erschüttert war.
Rund 216.000 Opfer in Frankreich. Über 2.000 in Deutschland allein in der evangelischen Kirche. Rekordaustritte. Hausdurchsuchungen in Erzbistümern.
Ob das Kalkül war oder Überzeugung — das kann ich nicht wissen. Aber ich weiß: Eine Institution, die aus innerer Überzeugung handelt, braucht keine 60-Millionen-Dollar-Kampagne einer US-Werbeagentur, um ihre Botschaft zu verbreiten.
Was ich erinnere
Ich erinnere meinen Freund, der in einem Kirchenraum stand und die Sprache so wählte, dass keine Türen zuschlugen — und trotzdem die Wahrheit sagte.
Ich erinnere das Zittern. Nicht aus Angst vor Gott, sondern aus Angst vor der Institution, die in seinem Namen sprach.
Und ich erinnere, warum ich gegangen bin: nicht weil ich aufgehört habe zu glauben, dass Liebe heilig ist — sondern weil eine Institution, die Waffen segnet und Liebende verurteilt, mein Verständnis von Heiligkeit nicht teilt.
Was danach kam, hat mich nicht zurückgebracht. Es hat nur mehr Fragen gestellt.
Alle in diesem Essay genannten offiziellen Positionen und Dokumente sind öffentlich nachprüfbar. Die persönlichen Erinnerungen sind abstrahiert.