Wessen Stimme? Die Charité und die 160.000-Dollar-Frage

Zwei Gates-Foundation-Zahlungen an die Charité, ein unbeantworteter Ethikrat, eine offene IFG-Anfrage: Was sich sauber belegen lässt.

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Foto: LEDC / Unsplash

Wessen Stimme? Die Charité und die 160.000-Dollar-Frage

Teil einer fortlaufenden Dokumentation zu Förderstrukturen in der deutschen Pandemiepolitik.

Siehe auch die Serie Der stille Taktgeber und Teil 1: Sechs Jahre, drei Minister, ein Gast zu vergleichbaren Förderstrukturen auf internationaler Ebene.

Damals

Die Erzählung war einfach, und sie funktionierte: Auf der einen Seite die Wissenschaft, nüchtern und unabhängig. Auf der anderen die Politik, die sich beraten lässt. Die Berliner Charité und ihr prominentester Virologe, Christian Drosten, galten als Verkörperung dieser Trennung. Forschung hier, Entscheidung dort. Kein Geld, keine Agenda, nur Daten.

Diese Erzählung war nie ganz falsch. Aber sie war auch nie vollständig.

Heute

Was heute öffentlich dokumentiert ist, lässt sich in drei Schritten nachvollziehen – ohne eine einzige unbelegte Behauptung.

Erstens: Die Bill & Melinda Gates Foundation listet in ihrer eigenen, öffentlich einsehbaren Grants-Datenbank eine Zahlung von rund 249.550 US-Dollar an die Charité, bewilligt im März 2020, mit dem erklärten Zweck der Entwicklung diagnostischer und virologischer Werkzeuge zur schnellen Reaktion auf das neuartige Coronavirus.1 Das ist keine Spekulation. Das ist eine Selbstauskunft der Stiftung.

Zweitens: Dieselbe Stiftung bewilligte der Charité im Oktober 2024 eine weitere Zahlung – 159.840 US-Dollar, laufend über 16 Monate. Der erklärte Zweck laut Charité-eigener Presseauskunft: die Verbesserung der Kommunikationskompetenz eines 19-köpfigen Lenkungsgremiums gegenüber politischen Entscheidungsträgern.2 Das Geld floss über das an der Charité koordinierte Netzwerk GLOHRA, das unter anderem ein Positionspapier an deutsche Parteien verschickte – mit der Aufforderung, sich im Bundestagswahlkampf 2025 klar zu einer gestärkten Rolle der WHO und zur „globalen Gesundheit" zu bekennen.3

Drittens: Auf die Frage, ob die Ethikkommission der Charité – wie bei der Annahme von Drittmitteln durch eine Körperschaft öffentlichen Rechts eigentlich vorgesehen – zu dieser Förderung angehört wurde, blieb die Charité bislang eine klare Antwort schuldig.4 Eine parallel laufende Informationsfreiheitsanfrage zu sämtlichen Gates-Zahlungen an die Charité ist seit 2020 anhängig.5

Das Muster

Es geht hier nicht um den Vorwurf persönlicher Bereicherung – niemand behauptet, Drosten habe sich privat bereichert. Es geht um etwas Subtileres und deshalb Hartnäckigeres: eine öffentlich-rechtliche Institution, die sich wiederholt von derselben privaten Stiftung dafür bezahlen lässt, ihre eigene Kommunikation gegenüber der Politik zu „professionalisieren" – während genau diese Institution gleichzeitig als neutrale wissenschaftliche Instanz in eben jener Politik auftritt.

Das Muster ist nicht neu. Es zeigt sich immer dort, wo Wissenschaftsfinanzierung und Politikberatung denselben Geldgeber haben, ohne dass diese Doppelrolle transparent gemacht wird. Die Frage ist nicht: Wurde hier jemand gekauft? Die Frage ist: Warum musste eine öffentlich finanzierte Institution überhaupt private Mittel annehmen, um mit der eigenen Regierung zu kommunizieren – und warum blieb die dafür zuständige Kontrollinstanz stumm?

Hoffnung

Die gute Nachricht: Diese Vorgänge sind nicht geheim. Sie stehen in öffentlich zugänglichen Datenbanken, in Presseauskünften, in IFG-Anfragen, die jeder stellen kann. Das ist der Unterschied zwischen einem Skandal und einer Lücke – und Lücken lassen sich schließen. Ein verpflichtendes, durchsuchbares Transparenzregister für Drittmittel an öffentliche Wissenschaftseinrichtungen, das auch den Verwendungszweck einzelner Zahlungen erfasst, wäre technisch trivial und politisch überfällig. Die Werkzeuge dafür – von FragDenStaat bis zu den Offenlegungspflichten der Stiftungen selbst – existieren bereits. Sie müssen nur konsequent genutzt werden.

Quellen

  1. Bill & Melinda Gates Foundation, Committed Grants Database, Eintrag zur Charité-Förderung „Diagnostic and virology tools", bewilligt März 2020. 
  2. Presseauskunft der Charité Berlin auf schriftliche Anfrage, Mai 2025, zur Gates-Foundation-Förderung des GLOHRA-Lenkungsausschusses. 
  3. GLOHRA-Positionspapier „Globale Gesundheit betrifft alle: Parteiliche Positionierung im Wahlkampf 2025", koordiniert an der Charité. 
  4. Offene Anfrage zur Beteiligung der Charité-Ethikkommission an der Prüfung der Gates-Förderung, Stand: unbeantwortet. 
  5. FragDenStaat, IFG-Anfrage „Spenden/Fördermittel durch die Bill and Melinda Gates Foundation an die Charité, Berlin", gestellt 2020, seither mehrfach nachgefasst.