Wie aus 17 Probanden eine Gewissheit wird

Eine Impfung von 1921 soll vor Alzheimer schützen. Die Studie dahinter hatte 23 Teilnehmer, 17 blieben übrig, eine Kontrollgruppe gab es nicht. Trotzdem heißt es: „Immer klarer zeigt sich …“ Vier Fragen genügen, um solche Meldungen selbst zu prüfen — und sie funktionieren in beide Richtungen.

Wie aus 17 Probanden eine Gewissheit wird
Photo by National Cancer Institute / Unsplash

Teil 1 von 2

Im Juli 2026 schrieb Karl Lauterbach auf X:

„Die Harvard Universität hat in einer aufwändigen Studie gezeigt, dass die BCG-Tuberkulose Impfung das Risiko für eine Alzheimer Demenz reduzieren könnte. Immer klarer zeigt sich, dass wir in Zukunft mit Impfungen Alzheimer Risiko deutlich reduzieren werden."

Der erste Satz ist vertretbar. Der zweite ist der interessante.

Die Studie ist real. Sie erschien im Juli 2026 in Communications Medicine, einem Journal des Nature-Portfolios, durchgeführt am Massachusetts General Hospital — einem Lehrkrankenhaus von Harvard, daher „Harvard". Und „aufwändig" stimmt sogar. Die Teilnehmer bekamen über ein Jahr hinweg mehrfach Lumbalpunktionen, damit die Forscher nicht nur Blut, sondern Nervenwasser untersuchen konnten. Einzelzell-Sequenzierung, Zytokinprofile, Signalweganalysen. Methodisch anspruchsvoll und teuer.

Nur: Es waren 23 Teilnehmer. 17 haben das Jahr abgeschlossen. Keine Kontrollgruppe, kein Placebo, keine Verblindung, ein einziges Studienzentrum. Und niemand in dieser Studie hat Alzheimer bekommen oder nicht bekommen — gemessen wurden Biomarker.

Der Erstautor Steven Arnold sagt selbst, der nächste Schritt sei, das „rigoros in größeren, kontrollierten Studien zu prüfen, insbesondere zur Prävention". In der Pressemitteilung des Krankenhauses steht ausdrücklich, es brauche placebokontrollierte Studien.

Zwischen diesem Satz und „Immer klarer zeigt sich, dass wir …" liegen diese beiden Artikel.

Denn das ist kein Einzelfall und keine Boshaftigkeit. Es ist ein Muster mit einer erkennbaren Mechanik. Wer sie einmal verstanden hat, braucht dafür weder Medizinstudium noch Statistikkenntnisse — sondern vier Fragen.

Frage 1: Gab es eine Vergleichsgruppe, die sich nicht selbst ausgesucht hat?

Das ist die wichtigste Frage, und sie hat einen Namen: Healthy Vaccinee Effect — der Gesunde-Geimpften-Effekt.

Menschen, die sich impfen lassen, unterscheiden sich systematisch von Menschen, die es nicht tun. Sie sind im Schnitt mobiler, gehen häufiger zum Arzt, haben ein stabileres Umfeld, sind seltener bettlägerig, seltener in der letzten Lebensphase. Wer nächste Woche stirbt, geht diese Woche nicht zur Impfung. Wer die Impfung holt, ist allein dadurch schon eine gesündere Auswahl.

Wie groß dieser Effekt ist, hat eine nationale Kohortenstudie aus Katar quantifiziert, erschienen in eLife: Geimpfte hatten in den ersten sechs Monaten nach der Impfung ein 65 Prozent geringeres Risiko, an etwas zu sterben, das nichts mit Corona zu tun hatte (Hazard Ratio 0,35 nach zwei Dosen; 0,31 nach drei).

Kein Impfstoff der Welt schützt vor Autounfällen, Stürzen und Darmkrebs. Diese 65 Prozent sind Messfehler in Reinform. Und entscheidend: Der Effekt blieb bestehen, obwohl nach Alter, Geschlecht, Herkunft und Vorerkrankungen gematcht worden war. Selbst methodisch sorgfältige Beobachtungsstudien bekommen ihn nicht heraus.

Man wusste das von Anfang an. Am 22. Oktober 2021 veröffentlichte die US-Gesundheitsbehörde CDC im MMWR eine Untersuchung an 6,4 Millionen Geimpften und 4,6 Millionen Ungeimpften. Die Nicht-COVID-Sterblichkeit der Geimpften lag bei einem relativen Risiko von 0,34 (BioNTech), 0,31 (Moderna), 0,54 (Janssen). Die CDC-Autoren schrieben dazu wörtlich:

„The lower mortality risk after COVID-19 vaccination suggests substantial healthy vaccinee effects (i.e., vaccinated persons tend to be healthier than unvaccinated persons)."

Die Behörde ordnete den Befund also als das ein, was er war: ein Beleg dafür, dass die Vergleichsgruppen nicht vergleichbar sind. Ein Kalibrierungswert, kein Nutzen.

Einen Tag später, am 23. Oktober 2021, titelte das Portal Volksverpetzer: „Geimpfte haben geringeres Sterberisiko von ALLEN Todesursachen, nicht nur Corona – Studie".

Fairerweise: Im Fließtext dieses Artikels steht, dass Geimpfte „allgemein einen gesünderen Lebensstil haben". Die Einordnung fehlt nicht. Sie steht nur an der Stelle, die kaum jemand liest — während die Überschrift den Messfehler als Befund verkauft.

Und die Gegenseite machte denselben Fehler spiegelverkehrt: Wenn Geimpfte angeblich seltener an allem sterben, seien sämtliche Wirksamkeitszahlen frisiert. Beide Lager haben denselben Messfehler zu ihrem jeweiligen Beweis erklärt.

Was diese Frage rettet: eine Vergleichsgruppe, die nicht selbst entschieden hat. Also eine randomisierte Studie — oder ein natürliches Experiment, in dem eine Verwaltungsregel und nicht der Mensch bestimmt, wer geimpft wird.

Frage 2: Wurde die Krankheit gemessen — oder nur ein Stellvertreter?

Ein Surrogatendpunkt ist eine Messgröße, von der man annimmt, dass sie mit der Krankheit zusammenhängt: Blutdruck statt Schlaganfall, Cholesterin statt Herzinfarkt, Amyloid statt Demenz.

Surrogate sind praktisch, weil sie schnell messbar sind. Und gefährlich, weil sie regelmäßig in die Irre führen.

In der Alzheimerforschung ist das kein theoretisches Problem, sondern die Geschichte des Fachgebiets. Über zwei Jahrzehnte senkten Wirkstoffe das Amyloid im Gehirn, ohne dass sich der kognitive Verlauf messbar besserte. Erst Lecanemab und Donanemab zeigten überhaupt einen klinischen Effekt — klein und in seiner Alltagsrelevanz umstritten. Amyloid zu bewegen und Demenz zu verhindern sind offensichtlich nicht dasselbe.

Die BCG-Studie misst genau so ein Surrogat, mit einer Zusatzschwierigkeit: Bei den Teilnehmern ohne Alzheimer-Pathologie sank Aβ42 im Nervenwasser und stieg im Blut. Sinkendes Aβ42 im Liquor gilt konventionell als Hinweis auf mehr Ablagerung im Gehirn — das Eiweiß verschwindet aus der Flüssigkeit, weil es sich in Plaques festsetzt. Die Autoren lesen ihren Befund anders, als Abtransport ins Blut. Plausibel, weil der Blutwert gleichzeitig steigt. Bewiesen ist es nicht. Bei den Teilnehmern mit Alzheimer-Pathologie zeigte sich gar kein Effekt.

Ein Surrogat kann halten. Der HPV-Impfstoff wurde ursprünglich auf Krebsvorstufen zugelassen; Jahre später bestätigten Registerdaten, dass tatsächlich auch invasiver Gebärmutterhalskrebs zurückgeht. Eine berechtigte Nutzenerweiterung — aber sie war nicht garantiert, sondern musste nachgewiesen werden.

Frage 3: Ist der Effekt zu groß?

Das klingt paradox und ist die nützlichste Faustregel überhaupt: Ein sehr großer Effekt aus Beobachtungsdaten ist ein Warnsignal, kein Beleg.

Demenz hat viele Ursachen — Genetik, Blutdruck, Bildung, Hörverlust, Diabetes, soziale Einbindung. Ein einzelner Piks, der davon 40 oder 60 Prozent wegnimmt, wäre eine der größten Entdeckungen der Medizingeschichte. Das kommt vor. Aber selten. Und praktisch nie zuerst in Krankenkassendaten.

Rot ist definitiv Messfehler — kein Impfstoff schützt vor Stürzen oder Darmkrebs. Gelb wird als Nutzen berichtet und liegt in derselben Größenordnung. Erst Grün stammt aus Studiendesigns, in denen die Selbstauswahl ausgeschlossen ist.

Legen Sie die Zahlen nebeneinander. Oben: Was definitiv Messfehler ist — die Nicht-COVID-Sterblichkeit, 46 bis 69 Prozent. In der Mitte: Was als Zusatznutzen gemeldet wird — 24 bis 58 Prozent. Die berichteten Nutzen liegen exakt in der Größenordnung, die der Bias allein erzeugt.

Das beweist nicht, dass sie falsch sind. Es heißt: Aus diesen Daten lässt sich das eine vom anderen nicht trennen.

Und dann gibt es noch das Signal, das die Sache eigentlich entscheidet. Der Bristoler Epidemiologe George Davey Smith hat im Juni 2026 in einem Vortrag an der Universität Oxford die Beobachtungsstudien zusammengetragen, die einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Demenz finden. Die Gürtelrose-Impfung steht dort mit einem Risikoverhältnis von 0,76 — 24 Prozent weniger Demenz.

Direkt darunter: Grippeimpfung. Pneumokokken. Hepatitis A. Hepatitis B. Typhus. Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten.

Und ganz oben, mit dem stärksten Effekt von allen: die Tollwutimpfung.

Davey Smiths trockener Kommentar: Wer lässt sich gegen Tollwut impfen? Menschen, die für Projekte und Programme in bestimmte Weltgegenden reisen. „Das ist definitiv eine sehr bestimmte soziodemografische Gruppe, bei der man ein niedrigeres Risiko erwarten würde."

Sein Fazit: Was die Assoziationen angeht, sticht die Gürtelrose-Impfung aus dieser Liste nicht heraus. Und „einfach irgendeine Impfung" zeigt ebenfalls einen statistisch sehr starken Zusammenhang.

Wenn jede Impfung vor Demenz zu schützen scheint, dann misst man keine Impfungen. Dann misst man Menschen.

Frage 4: Schrumpft der Effekt, wenn die Methode besser wird?

Das ist die verlässlichste Einzeldiagnose, die ein Laie stellen kann, und sie funktioniert ohne jede Statistikkenntnis. Man legt die Studien in zeitlicher Reihenfolge nebeneinander.

Die BCG-Alzheimer-Hypothese stammt nicht aus der Impfforschung, sondern aus der Urologie. BCG wird seit Jahrzehnten in die Blase gespült, um oberflächlichen Blasenkrebs zu behandeln. Als man in solchen Patientenakten nach Demenzdiagnosen suchte, kamen beeindruckende Zahlen heraus: Risikoreduktionen von 27 bis 60 Prozent.

Dann kam eine schwedische Registerstudie über den Zeitraum 1997 bis 2019: 38.934 Blasenkrebspatienten, davon 6.496 mit BCG — und, entscheidend, 211.045 Kontrollpersonen aus der Allgemeinbevölkerung statt nur aus dem Kreis anderer Krebspatienten.

Ergebnis: Demenz insgesamt Hazard Ratio 0,88 (KI 0,78–0,99). Für Alzheimer speziell 0,89 mit einem Konfidenzintervall von 0,70 bis 1,12 — das schließt die 1 ein, also kein statistisch belastbarer Effekt. Die Autoren schreiben wörtlich, die geringe Risikominderung sei „unlikely to hold significant clinical value", und als bevölkerungsweite Maßnahme gegen Demenz fehle der BCG-Instillation „substantial efficacy".

Von 27–60 Prozent auf „vermutlich klinisch bedeutungslos", sobald die Vergleichsgruppe stimmt. Ein Effekt, der schrumpft, wenn man genauer hinsieht, war meistens nie da. Ein echter Effekt wird stabiler.

Und die Gegenrichtung: Nicht alles ist hinzugedichtet

Wer daraus schließt, Impfstoffe hätten grundsätzlich keine Wirkungen über ihren Zweck hinaus, macht denselben Fehler in die andere Richtung.

Das klarste Gegenbeispiel sind die Masern. Eine Maserninfektion löscht einen erheblichen Teil des bereits vorhandenen Antikörper-Repertoires — je nach Patient zwischen 11 und 73 Prozent. Das Immunsystem vergisst, was es gegen andere Erreger gelernt hatte. „Immune Amnesia" heißt das, nachgewiesen 2019 in Science und Science Immunology, nicht durch Registerkorrelation, sondern durch direkte Messung der Antikörper bei denselben Kindern vor und nach der Infektion. Die Impfung verhindert das, weil sie die Infektion verhindert.

Ein echter Zusatznutzen weit jenseits von „keine Masern" — mechanistisch belegt, nicht statistisch erschlossen. Der Unterschied zur BCG-Meldung ist nicht das Thema. Es ist die Beweisführung.

Warum „Marketing" die schwächste Erklärung ist

Der naheliegende Verdacht lautet: Das ist Werbung, um den Absatz anzukurbeln.

Diese Erklärung trägt nicht weit. BCG stammt von 1921, ist ein Generikum und kostet ein paar Euro pro Dosis. Daran verdient niemand nennenswert. Beim Masernimpfstoff dasselbe. Wäre Umsatz der Treiber, müsste das Muster bei patentgeschützten Präparaten dramatisch stärker sein als bei Uralt-Generika. Ist es nicht.

Die tatsächlichen Treiber sind struktureller — und deshalb unangenehmer:

Pressestellen. Die 17-Personen-Studie kam mit eigener Pressemitteilung des Krankenhauses. Universitäten brauchen Sichtbarkeit für Folgeanträge; eine Pressestelle wird nicht daran gemessen, wie zurückhaltend sie formuliert.

Journals. Neuheit verkauft sich, Vorsicht nicht. Ein Nature-Portfolio-Titel adelt auch eine Pilotstudie.

Beobachtungsdaten sind billig. Eine Registerauswertung kostet einen Bruchteil einer randomisierten Studie und liefert fast immer irgendeinen Effekt. Das Verhältnis von schwacher zu starker Evidenz verschiebt sich allein aus Kostengründen.

Kommunikatoren. In der Pandemie hat sich gezeigt, dass positive, eindeutige Impfbotschaften funktionieren. Dieses Register wird weiterbespielt — auch dort, wo die Datenlage es nicht hergibt.

Medien. „Wunderimpfung gegen Alzheimer" wird geklickt. „Konfidenzintervall überlappt die 1" nicht.

Für keinen dieser Schritte braucht es Vorsatz. Das ist keine Entwarnung, sondern das Gegenteil: Eine Verschwörung kann man auffliegen lassen. Eine Anreizstruktur nicht.


Der Werkzeugkasten

Zum Teilen gedacht.
  1. Gab es eine Vergleichsgruppe, die sich nicht selbst ausgesucht hat? Randomisierung oder ein natürliches Experiment. Sonst misst man Menschen, nicht Medikamente.
  2. Wurde die Krankheit gemessen oder nur ein Stellvertreter? Biomarker sind Hinweise, keine Ergebnisse.
  3. Ist der Effekt zu groß? Über 40 bis 50 Prozent Reduktion einer chronischen Krankheit aus Beobachtungsdaten: Verdachtsfall.
  4. Schrumpft der Effekt, wenn die Methode besser wird? Wenn ja, war er meistens nie da.

Die BCG-Studie fällt bei allen vieren durch.

Und jetzt kommt der eigentliche Test. Denn es gibt in genau diesem Feld einen Fall, der als Musterbeispiel gilt: die Gürtelrose-Impfung. Ein natürliches Experiment, ein echter Endpunkt, publiziert in Nature, repliziert in mehreren Ländern. „Klar belegter Demenzschutz", schrieb Karl Lauterbach im Juni 2026. „Der ökonomische und medizinische Nutzen ist gewaltig!!!"

Dieser Fall besteht die Fragen 1 bis 3 mühelos.

Was bei Frage 4 passierte, steht in Teil 2.


Quellen

  • BCG immunotherapy reprograms CNS immunity and alters Alzheimer's biomarkers. Communications Medicine, Juli 2026. https://www.nature.com/articles/s43856-026-01691-7
  • Pressemitteilung Mass General Brigham, Juli 2026. https://www.massgeneralbrigham.org/en/about/newsroom/press-releases/bcg-vaccine-brain-immune-environment-alzheimers-biomarkers
  • Assessing healthy vaccinee effect in COVID-19 vaccine effectiveness studies: a national cohort study in Qatar. eLife. https://elifesciences.org/articles/103690
  • COVID-19 Vaccination and Non-COVID-19 Mortality Risk. MMWR 2021;70(43):1520–1524. https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/70/wr/mm7043e2.htm
  • Volksverpetzer, 23.10.2021. https://www.volksverpetzer.de/analyse/studie-geimpfte-geringeres-sterberisiko/
  • The association between BCG treatment in patients with bladder cancer and subsequent risk of developing Alzheimer and other dementia. PLOS One. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0292174
  • Bacillus Calmette-Guérin (BCG) therapy lowers the incidence of Alzheimer's disease in bladder cancer patients. PLOS One 2019. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0224433
  • Bukhbinder A. S. et al., Journal of Alzheimer's Disease 2022. https://www.sciencedaily.com/releases/2022/06/220624123814.htm
  • Lower risk of dementia with AS01-adjuvanted vaccination against shingles and RSV. npj Vaccines. https://www.nature.com/articles/s41541-025-01172-3
  • Measles virus infection diminishes preexisting antibodies. Science 2019. https://www.science.org/doi/10.1126/science.aay6485
  • Incomplete genetic reconstitution of B cell pools after measles. Science Immunology 2019. https://www.science.org/doi/10.1126/sciimmunol.aay6125
  • George Davey Smith: „Does the shingles vaccine prevent dementia? Evidence from 6.3 million people in England." Gastvortrag, University of Oxford, 17.06.2026. https://www.youtube.com/watch?v=qlTnnQytOJ0