Wie liest man einen Faktencheck?
Ein Faktenchecker-Blog, ein geschwärztes Dokument und ein Satz, der vier Monate später alles veränderte. Eine Werkzeugkunde für kritische Leserinnen und Leser.
Ein Dokument. Zwei Lesarten. Und eine Frage, die niemand stellt.
Es gibt einen Text, den im Frühjahr 2024 Hunderttausende geteilt haben. Er stammt von einem der bekanntesten deutschen Faktenchecker-Blogs, ist sorgfältig formuliert und hat einen klaren Befund: Die sogenannten RKI-Files enthalten keinen Skandal. Wer das Gegenteil behauptet, so der Tenor, reißt Sätze aus dem Kontext und inszeniert Empörung, wo keine angebracht ist.
Der Text war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung — März 2024 — in weiten Teilen vertretbar. Vier Monate später war er in einem zentralen Punkt durch ein Primärdokument widerlegt. Nicht durch Querdenker. Nicht durch alternative Medien. Durch das RKI selbst.
Diese Geschichte ist kein Angriff auf Faktenchecker. Es ist eine Einladung, das Lesen zu lernen.
Was ist ein Faktencheck?
Ein Faktencheck ist ein journalistisches Format. Jemand überprüft eine Behauptung anhand von Quellen und teilt das Ergebnis mit. Das ist eine nützliche Sache — wenn man weiß, was man dabei bekommt und was nicht.
Was ein guter Faktencheck leistet: - Er benennt, welche Behauptung geprüft wird - Er nennt seine Quellen - Er unterscheidet zwischen dem, was belegt ist, und dem, was interpretiert wird
Was kein Faktencheck leisten kann: - Er kann nicht mehr wissen als seine Quellen hergeben - Er kann nicht in die Zukunft schauen — Dokumente, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geschwärzt waren, konnte niemand auswerten - Er bildet immer einen Standpunkt ab — auch dann, wenn er das nicht explizit sagt
Ein Faktencheck ist kein Urteil. Er ist ein Zwischenstand.
Der Text
Im März 2024 veröffentlichte Volksverpetzer, ein bekannter Blog gegen Desinformation mit hunderttausenden Lesern, einen umfangreichen Artikel zu den RKI-Protokollen. Titel: „RKI-Files: Wie Medien auf die Querdenker-Inszenierung hereinfielen."
Die Kernthese: Das RKI habe in der Pandemie „sorgfältig und evidenzbasiert" gearbeitet. Die Protokolle belegten keinen Skandal. Wer trotzdem einen sehe, reißt Sätze aus dem Kontext oder sei von Verschwörungsideologie geleitet.
Das Netzwerk hinter dem Blog ist dabei nicht unwichtig für das Verständnis seiner Position. Volksverpetzer arbeitet regelmäßig mit dem Würzburger IT- und Medienrechtler Chan-jo Jun zusammen. Jun ist eine ernsthafte juristische Persönlichkeit: Er hat Facebook und Twitter vor deutschen Gerichten mehrfach erfolgreich verklagt, sich als Pionier gegen Hasskriminalität im Netz einen Namen gemacht — und wurde dafür 2024 von Landtagspräsidentin Ilse Aigner mit dem Bayerischen Verfassungsorden ausgezeichnet. Seit November 2022 ist er auf Vorschlag der Grünen-Fraktion stellvertretendes Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs.
Diese Würdigung hat er sich verdient. Und sie macht ihn zu einer umso relevanteren Figur für die Frage, wo die Grenzen des Sagbaren gezogen werden sollten.
Im September 2025 trat Jun bei Hart aber Fair auf — und bezeichnete die Meinungsfreiheit als „Strohmann, der immer wieder aufgestellt wird." Er argumentierte für die Entfernung von Inhalten, die unterhalb der strafrechtlichen Schwelle liegen, aber gleichwohl als rechtswidrig eingestuft werden könnten. CDU-Politikerin Kristina Schröder hielt dagegen: „Wollen Sie eine neue Kategorie aufmachen — nicht rechtswidrig, aber trotzdem verboten?" Eine Frage, die bis heute unbeantwortet blieb.
Wer mit wem in welchem Netzwerk denkt, ist eine der Fragen, die man beim Lesen eines Faktenchecks stellen sollte. Nicht als Angriff — als Handwerk.
Der Volksverpetzer-Artikel erschien am 28. März 2024. Zu diesem Zeitpunkt waren die RKI-Protokolle in weiten Teilen noch geschwärzt.
Die Akte
Am 23. Juli 2024 veröffentlichte eine Whistleblowerin den vollständigen, ungeschwärzten Datensatz aller Krisenstabsprotokolle des Robert-Koch-Instituts — rund 4.000 Seiten, ergänzt durch zehn Gigabyte Zusatzmaterial.
Darin findet sich eine Notiz vom 5. November 2021. An diesem Tag lag Deutschland laut Protokoll weltweit auf Platz sechs der Corona-Infektionen, bei steigenden Fallzahlen. 66,9 Prozent der Bevölkerung waren vollständig geimpft.
Unter dem Punkt „Wissenschaftskommunikation" steht:
„In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen. Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei. [...] Sagt Minister bei jeder Pressekonferenz, vermutlich bewusst, kann eher nicht korrigiert werden."
Der Satz stammt nicht aus einem Querdenker-Telegram-Kanal. Er steht in einem internen Protokoll des Robert-Koch-Instituts. Veröffentlicht und bestätigt unter anderem von der Berliner Zeitung, der NZZ und dem Deutschen Ärzteblatt.
Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte den Begriff „Pandemie der Ungeimpften" öffentlich geprägt und auf zahlreichen Pressekonferenzen verwendet. Das eigene Fachgremium der Bundesregierung hatte diesen Begriff intern als fachlich falsch eingestuft — und gleichzeitig festgestellt, dass er „vermutlich bewusst" eingesetzt wird und „eher nicht korrigiert werden" kann.
Auch der Virologe Christian Drosten hatte den Begriff damals öffentlich kritisiert. Im November 2021 sagte er gegenüber der Zeit: „Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie."
Dieser Befund war also nicht neu. Er war intern bekannt. Er wurde nicht kommuniziert. Und der Faktencheck vom März 2024 schrieb: kein Skandal.
Was das bedeutet — und was nicht
Dieser Artikel behauptet nicht, dass Volksverpetzer gelogen hat. Er behauptet auch nicht, dass alle Corona-Maßnahmen falsch waren oder dass die Skeptiker recht hatten.
Er stellt fest: Ein Faktencheck, der im März 2024 mit geschwärzten Dokumenten arbeitete, hatte schlicht nicht die Grundlage, die er behauptete zu haben. Als die vollständigen Dokumente im Juli 2024 vorlagen, enthielten sie eine Passage, die genau jene Fragen als berechtigt auswies, die der Faktencheck als Querdenker-Inszenierung abgetan hatte.
Wurde der Volksverpetzer-Artikel danach aktualisiert? Stand des Recherchezeitpunkts für diesen Text: nein.
Das ist keine Schande. Aber es ist ein Lehrstück.
Das Werkzeug: Fünf Fragen für jeden Faktencheck
Wer einen Faktencheck liest — egal von wem — kann sich fünf Fragen stellen:
1. Welche Behauptung wird geprüft? Oft ist das, was geprüft wird, nicht das, was die ursprüngliche Debatte meinte. Ein Faktencheck, der eine vereinfachte Version einer Behauptung widerlegt, kann trotzdem korrekt sein — ohne die eigentliche Frage zu beantworten.
2. Was sind die Quellen — und wie aktuell sind sie? Quellen haben Entstehungsdaten. Geschwärzte Dokumente liefern andere Befunde als ungeschwärzte. Ein Faktencheck ist immer ein Schnappschuss.
3. Wer schreibt — und in welchem Netzwerk? Das ist kein Angriff. Es ist eine normale journalistische Frage. Wer mit wem zusammenarbeitet, wer wen zitiert, wer wen als Experten einlädt — das formt Perspektiven. Volksverpetzer arbeitet mit Chan-jo Jun zusammen. Der ARD-Faktenfinder hat andere Partner. Das Multipolar-Magazin wieder andere. Alle haben Netzwerke. Alle haben blinde Flecken.
4. Was wird nicht geprüft? Der vielleicht wichtigste Punkt. Faktenchecks wählen aus. Was nicht in der Liste steht, wird nicht widerlegt — aber auch nicht bestätigt. Die Abwesenheit eines Befundes ist kein Befund.
5. Wurde der Text nach neuen Erkenntnissen aktualisiert? Seriöser Journalismus korrigiert sich. Ein Datum am Anfang reicht nicht, wenn das Dokument, auf das sich der Text stützt, vier Monate später vollständig anders aussieht.
Was bleibt
Die „Pandemie der Ungeimpften" war ein politisches Kommunikationsinstrument. Das sagen die Protokolle des RKI selbst. Das sagte damals auch Deutschlands bekanntester Virologe. Es war keine Verschwörungstheorie — es war eine Fachfrage, die intern bereits beantwortet war, aber extern nicht kommuniziert wurde.
Ob das ein Skandal ist, muss jede Leserin und jeder Leser selbst entscheiden.
Was kein Ermessen mehr erfordert: Wer einen Faktencheck als letztes Wort behandelt, hat nicht verstanden, was ein Faktencheck ist.
Dokumente altern nicht. Schwärzungen schon.
Quellen: RKI-Krisenstabsprotokolle (vollständig entschwärzt, Juli 2024), veröffentlicht und bestätigt durch Berliner Zeitung (23.07.2024), NZZ (24.07.2024), Deutsches Ärzteblatt (24.07.2024). Drosten-Zitat: Zeit-Interview, November 2021. Volksverpetzer-Artikel: „RKI-Files: Wie Medien auf die Querdenker-Inszenierung hereinfielen", 28.03.2024.