Zwei Lager, ein Muster: Wie Angst die Mitte verdrängte
Beide Seiten der Corona-Debatte handelten aus Angst – nur das Objekt der Angst unterschied sich. Eine Gegenüberstellung zeigt das gemeinsame Muster, und warum die Mitte dabei verstummte.
Zwei Lager, ein Muster: Wie Angst die Mitte verdrängte
Zwei Symbole aus den Jahren 2020 bis 2022 stehen sich bis heute unversöhnlich gegenüber: der Tweet eines Gesundheitsministers, der von einer "Pandemie der Ungeimpften" sprach – und der gelbe Stern mit der Aufschrift "ungeimpft", den Demonstrierende auf Kundgebungen trugen. Beide Bilder gelten als Beleg für die Verirrung der jeweils anderen Seite. Betrachtet man sie nebeneinander, zeigt sich etwas anderes: Beide sind Ausdruck derselben psychologischen Reaktion – nur mit vertauschtem Objekt der Angst.
Damals
Am 3. November 2021 sagte der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf einer Pressekonferenz: "Wir erleben aktuell vor allem eine Pandemie der Ungeimpften – und die ist massiv."¹ Die Formulierung wurde zur Leitlinie der öffentlichen Kommunikation. Zwei Tage später, am 5. November 2021, hielt eine Mitarbeiterin im internen RKI-Krisenstab fest, dass die Formulierung "aus fachlicher Sicht nicht korrekt" sei – die gesamte Bevölkerung trage zum Infektionsgeschehen bei. Die interne Einschätzung wurde nicht korrigiert, sondern als kommunikativ wirksamer "Appell" beibehalten, wie aus den 2024 veröffentlichten RKI-Protokollen hervorgeht.² Die Konsequenz war real: 2G-Regeln schlossen Ungeimpfte von Gastronomie, Kultur und Teilen des öffentlichen Lebens aus.
Auf der anderen Seite griffen Demonstrierende zum Symbol der Verfolgten schlechthin: dem gelben Stern der NS-Zeit, umbeschriftet mit "ungeimpft". Gerichte urteilten seither uneinheitlich darüber, ob darin eine Verharmlosung des Holocaust liegt oder eine – wie ein Gericht es nannte – "geschmacklose Überdramatisierung des eigenen Leids".³ Auch hier: ein Angst-Bild, keine Analyse. Die eigene Ausgrenzungserfahrung wurde in die größtmögliche historische Kategorie übersetzt, die zur Verfügung stand.
Heute
Aus der Distanz wirken beide Bilder gleich befremdlich. Nicht weil eine Seite harmloser gewesen wäre als die andere, sondern weil beide zeigen, wie Angst Verhältnismäßigkeit auflöst, sobald sie zum Leitmotiv der Kommunikation wird – bei einem Minister ebenso wie auf einer Kundgebung.
Gegenüberstellung: Zwei Ängste, ein Mechanismus
| Dimension | Schutz-Lager (Angst vor dem Virus) | Freiheits-Lager (Angst vor Kontrollverlust) |
|---|---|---|
| Angst-Objekt | Ansteckung, Tod, Überlastung der Kliniken | Grundrechtsverlust, Ausgrenzung, Dauerzustand der Maßnahmen |
| Feindbild | "Die Ungeimpften" als Verlängerer der Krise | "Der Staat" / "die Mitläufer" als Vollstrecker der Kontrolle |
| Ausgrenzungsmechanismus | 2G/3G-Regeln, Zugangsbeschränkungen | Selbstisolation in Parallel-Öffentlichkeiten (Telegram, eigene Medien) |
| Symbolik | "Pandemie der Ungeimpften" (Ministerzitat) | Gelber Stern "ungeimpft" (Selbstzuschreibung) |
| Reaktion auf Widerspruch | Verweis auf Expertenkonsens, Abwertung als "Schwurbler" | Verweis auf Zensurverdacht, Abwertung als "Schlafschaf" |
| Funktion der Angst (nach Terror-Management-Theorie) | Konkrete Risikoabwehr (proximale Verteidigung) | Weltbild- und Identitätsverteidigung (distale Verteidigung) |
Das Muster
Die Terror-Management-Theorie der Psychologen Tom Pyszczynski, Jeff Greenberg und Sheldon Solomon beschreibt, wie Menschen auf die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit reagieren: kurzfristig mit konkreten Schutzmaßnahmen, mittelfristig mit einer verstärkten Verteidigung des eigenen Weltbilds und der eigenen Gruppe – auf Kosten der Toleranz gegenüber Andersdenkenden. In einer 2020 im Journal of Humanistic Psychology erschienenen Anwendung dieser Theorie auf die Pandemie argumentieren die Autoren, dass beide Reaktionsmuster – verstärkte Vorsicht wie auch verstärkte Verharmlosung – auf dieselbe Angst vor dem Tod zurückgehen, nur mit unterschiedlicher Bewältigungsstrategie.⁴ Wer das Virus fürchtet, verteidigt sein Weltbild über Vorsicht und Regelbefolgung. Wer die Maßnahmen fürchtet, verteidigt sein Weltbild über Widerstand und Symbolik. Beide grenzen dabei die jeweils andere Gruppe aus – nicht weil ihr Anliegen falsch wäre, sondern weil Angst strukturell in Freund-Feind-Kategorien denkt.
Die Berliner Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser kommen in ihrer 2023 erschienenen Studie "Triggerpunkte" zu einem ergänzenden Befund: Die deutsche Gesellschaft ist nicht, wie oft behauptet, in zwei etwa gleich große, verhärtete Lager gespalten – eher gleicht sie einem Dromedar mit einem großen, weich geformten Höcker in der Mitte als einem Kamel mit zwei scharf getrennten Höckern. Die breite Mitte ist kaum ideologisch fixiert und schwach an Parteien gebunden – was sie zugleich mobilisierungs- und artikulationsschwach macht.⁵ Corona war einer jener "Triggerpunkte", an denen sich Emotionen entluden, die sich nicht mehr entlang gewohnter politischer Lager sortieren ließen. Das Ergebnis: Zwei laute, angstgetriebene Ränder bestimmten das Bild, während die eigentliche Mehrheit – unsicher, uneins mit sich selbst, aber grundsätzlich gesprächsbereit – in der öffentlichen Debatte kaum vorkam. Nicht weil sie nicht existierte, sondern weil Angst lauter ist als Abwägung.
Hoffnung
Der Befund ist auf seine Weise entlastend: Es waren nicht zwei grundverschiedene Menschenschläge, die einander unversöhnlich gegenüberstanden, sondern ein einziger psychologischer Mechanismus, der auf beiden Seiten dieselbe Wirkung entfaltete. Wer das erkennt, kann aufhören, in der Wortwahl "Schwurbler" oder "Schlafschaf" nach der besseren Diagnose zu suchen, und anfangen, nach der gemeinsamen Angst zu fragen, die beide antrieb. Genau dort – nicht an den Rändern, sondern in der Mitte, die bislang am wenigsten zu Wort kam – liegt der Ausgangspunkt für eine Aufarbeitung, die nicht neue Fronten zieht, sondern alte auflöst.
Quellen
- Deutsches Ärzteblatt: "Spahn tritt Kritik an Formulierung zu Ungeimpften entgegen" – Bericht über die Aussage vom 3. November 2021 und die anschließende öffentliche Debatte.
- ZDFheute: "Corona-Protokolle: Die 'Pandemie der Ungeimpften' und das RKI" – Auswertung der 2024 veröffentlichten, ungeschwärzten RKI-Krisenstab-Protokolle, Eintrag vom 5. November 2021.
- Tagesspiegel: "'Ungeimpft'-Sterne und KZ-Sprüche bei Coronademos: Wie strafbar wird, was unerträglich ist" – Übersicht über gerichtliche Bewertungen des "Ungeimpft"-Sterns nach § 130 StGB.
- Pyszczynski, T., Lockett, M., Greenberg, J., Solomon, S. (2020): "Terror Management Theory and the COVID-19 Pandemic", Journal of Humanistic Psychology, DOI 10.1177/0022167820959488.
- Mau, S., Lux, T., Westheuser, L. (2023): "Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft", Suhrkamp Verlag.