Zweierlei Maß am Rasenrand: Ein Bekenntnis und zwei Regelwerke
Eine Regenbogenmaske, ein UEFA-Verbot, volle Stadien in Budapest und Amsterdam, ein warnender Gesundheitspolitiker und maskierte Einlaufkinder in Mainz: Was passiert, wenn man die Dokumente der EM-Sommer 2020 bis 2022 nebeneinanderlegt.
Zweierlei Maß am Rasenrand: Ein Bekenntnis und zwei Regelwerke
Ein Foto geht um, das eigentlich für sich sprechen sollte: ein Ministerpräsident, allein in einer menschenleeren Tribüne, die Maske in Regenbogenfarben. Dazu der Text: ein Bekenntnis gegen Ausgrenzung, für Freiheit und Toleranz.1 Das Bild ist echt, der Anlass ehrenwert – und hat sogar einen konkreten Auslöser, der im Foto selbst nicht zu sehen ist.
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Wenige Tage zuvor hatte der Münchner Oberbürgermeister bei der UEFA beantragt, die Allianz Arena zum Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben zu beleuchten – als Zeichen gegen ein neues ungarisches Gesetz, das Aufklärung über Homosexualität an Minderjährige einschränkt. Die UEFA lehnte ab und berief sich auf ihre selbst erklärte politische und religiöse Neutralität angesichts des politischen Kontexts der Anfrage.2 Frankfurt und Köln leuchteten trotzdem bunt. München durfte nicht – und der Ministerpräsident griff, so lässt sich das Foto lesen, zur persönlichen Geste, die dem Stadion selbst verwehrt blieb. Wer die Chronik der Monate davor und danach daneben legt, entdeckt aber noch eine zweite Geschichte – eine, die mit Toleranz nichts, mit Regelanwendung aber sehr viel zu tun hat.
Damals: Zurückhaltung als Prinzip
Wenige Wochen vor der Aufnahme, im April 2021, warnte derselbe Ministerpräsident noch eindringlich vor vollen Stadien. Die Pläne der UEFA, Spiele der Europameisterschaft mit größeren Zuschauermengen auszutragen, würden „auf erbitterten Widerstand stoßen“, sagte er dem Sender RTL/ntv. Er könne sich „im Moment nicht vorstellen, mit großartigen Zuschauerzahlen zu operieren“.3 Die Botschaft war eindeutig: Vorsicht vor Masse, Vorsicht vor Öffnung.
Ein Jahr zuvor, im September 2020, war die Linie noch strenger gewesen. Als Bayern-Fans zum Supercup-Finale nach Budapest reisen wollten, verschärfte das Kabinett kurzerhand die Einreise-Quarantäneverordnung und strich die bisherige Ausnahme für Kurzaufenthalte. Fans mussten nach der Rückkehr in Quarantäne oder zum Test. „Jeder soll sich das nochmal ganz genau überlegen, ob das sinnvoll ist“, appellierte der Ministerpräsident – und verglich das Risiko mit der Après-Ski-Hochburg Ischgl.4 Zwei unabhängige Redaktionen berichteten übereinstimmend: Die Regel traf gewöhnliche Fans, nicht die Mannschaft selbst, die ohnehin reiste.
Heute: Die Praxis vor Ort
Dann kam die EM tatsächlich – mit Zuschauern, auch in München. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel gegen Frankreich besichtigte der Ministerpräsident gemeinsam mit dem Oberbürgermeister die Allianz Arena und zeigte sich zufrieden: „Es ist an alles gedacht.“ Voraussetzung sei, dass Masken getragen und Abstand gehalten werde.5 Das Regelwerk selbst war streng: Maskenpflicht auch am Sitzplatz, feste Einlassfenster, eigens abgestellte Aufpasser, die die Einhaltung kontrollieren sollten.
Was beim Spiel dann tatsächlich zu sehen war, hielt eine Redaktion nüchtern fest: Nur ein „sehr geringer Prozentsatz“ der Zuschauer trug tatsächlich Maske, vor allem bei den französischen Gästen wurde die Abstandsregel „eher als höflicher Vorschlag“ behandelt.6 Sanktionen sind aus dieser Partie nicht dokumentiert.
Reaktion gab es trotzdem – und zwar eine deutliche. Bereits zur Halbzeit soll der Ministerpräsident über die mangelnde Disziplin verärgert gewesen sein und das Gespräch mit der UEFA gesucht haben.6 Nach dem Spiel zog sein Gesundheitsminister Konsequenzen: Für die Folgepartie gegen Portugal wurden dem DFB „verstärkte Kontrollen“ angekündigt, damit die Maske künftig auch am Sitzplatz durchgesetzt werde.6 Und die UEFA selbst hatte auf ihrer eigenen Regelseite für das Stadion längst festgehalten, was bei Verstößen droht: Zugang verweigert, Verweis aus dem Stadion, dazu weitere rechtliche Schritte nach Ermessen des Verbands.6 Belege dafür, dass eine dieser Konsequenzen tatsächlich gegen einen der vielen Regelverstöße verhängt wurde, gibt es bis heute keine.
Aus einem Regelwerk, das noch Wochen zuvor als Voraussetzung für ein gutes Gewissen beschrieben worden war, wurde damit im Ernstfall eine Drohkulisse ohne Vollzug – Ärger, Ankündigungen, ein Verweis auf Sanktionsmöglichkeiten, aber keine einzige dokumentierte Konsequenz für die Tausenden, die sich nicht daran hielten.
Anderswo: volle Ränge, offene Feste, keine Katastrophe
Während in München über einzelne Prozentpunkte Maskendisziplin gestritten wurde, liefen zur selben Zeit anderswo in Europa ganz andere Experimente. In den Niederlanden testete die Regierung selbst, im eigenen Auftrag, ob Großveranstaltungen ohne Maske und Abstand möglich seien. Bei den sogenannten Fieldlab-Partys in der Amsterdamer Ziggo Dome durften negativ getestete Besucher tanzen, ohne Maske, ohne Abstand. Der wissenschaftliche Leiter der Studie beobachtete, dass die Masken bei den Festival-Events schnell fielen und niemand eingriff.7 Eine Katastrophe blieb aus – die Zahl positiver Tests im Nachgang war überschaubar und ließ sich den Events nicht einmal eindeutig zuordnen.
Noch deutlicher war der Unterschied in Budapest. Die Puskás Aréna war das einzige EM-Stadion, das zu 100 Prozent ausgelastet werden durfte – bis zu 61.000 Zuschauer pro Partie, offiziell keine Maskenpflicht, nur eine Empfehlung.8 Gleicher Wettbewerb, gleiches Virus, gleicher Sommer – und eine Woche später in München eine Maskenpflicht am Sitzplatz bei deutlich geringerer Auslastung. Zwei Regelwerke für dasselbe Turnier, begründet von derselben UEFA.
Die Warner
Nicht jeder blieb bei diesem Kontrast stumm. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach positionierte sich während des gesamten Turniers als einer der lautesten Kritiker voller Stadien. Zum Finale in Wembley mit rund 60.000 Zuschauern warf er der UEFA öffentlich vor, für Todesfälle mitverantwortlich zu sein, und bezeichnete die Lage im Stadion als außer Kontrolle geraten.9 Sein Fazit zum Umgang der UEFA mit der Pandemie fiel deutlich aus: „Die Uefa hat in meinen Augen versagt.“9
Was aus diesen Warnungen folgte, ist allerdings weniger eindeutig dokumentiert als die Warnungen selbst. Für Budapest liegt keine öffentlich zugängliche Auswertung vor, die einen der von Lauterbach befürchteten Katastrophenverläufe explizit auf das dortige Stadion zurückführt. Für England wurde in den Wochen nach dem Turnier ein allgemeiner Fallzahlenanstieg verzeichnet, dessen genauer Anteil, der auf die Stadionbesuche selbst entfällt, öffentlich nicht sauber beziffert wurde. Die Frage, ob die Warnung oder die Praxis vor Ort näher an der Realität lag, bleibt damit offen – dokumentiert ist nur, dass beide nebeneinander standen, ohne dass eine Seite die andere widerlegt hätte.
Ein Jahr später: die Kinder tragen die Maske
Im August 2022, mitten im Sommer bei 30 Grad, lief ein weiteres Bild durchs Netz – diesmal aus Mainz. Beim Heimspiel gegen Union Berlin liefen die Profis beider Mannschaften ohne Maske ein. An ihrer Hand: Einlaufkinder, jedes mit medizinischer oder FFP2-Maske, wie es die Vereinsregel vorschrieb.10 Der Psychologe und Publizist Ahmad Mansour teilte das Foto mit einem Satz, der ohne Anklage auskommt und trotzdem sitzt: Man könne für so einen Umgang mit Kindern immer Rechtfertigungen finden – „jedoch symbolisiert dieses Bild auf eine erschreckende Weise, wie wir in den letzten zweieinhalb Jahren mit den Kindern umgegangen sind.“11
Der Verein erklärte die Regel technisch nachvollziehbar: Wer nicht zur Mannschafts-Bubble gehöre, müsse in der Mixed Zone Maske tragen – das betreffe auch Journalisten und Vereinsmitarbeiter.10 Nur: Auf dem Foto, das um die Welt ging, waren es die Kinder, deren Gesichter verdeckt waren, und die Erwachsenen, deren Gesichter frei blieben.
Das Muster
Fünf Momentaufnahmen, drei Länder, drei Jahre Pandemiepolitik: 2020 eine harte Regel für reisende Fans, während der Klub selbst unbehelligt blieb. 2021 eine strenge Vorschrift auf dem Papier, die im Stadion faktisch nicht durchgesetzt wurde – während zeitgleich in Budapest ein volles Stadion ohne Maskenpflicht und in Amsterdam eine staatlich organisierte Party ganz ohne Maske stattfand, jeweils ohne dokumentierte Katastrophe. Ein Gesundheitspolitiker warnte in genau dieser Phase am lautesten vor Todesfällen – ohne dass sich diese Warnung im Nachhinein sauber belegen ließ, aber auch ohne dass sie damit widerlegt wäre. 2022 schließlich eine Maskenpflicht, die sich technisch korrekt begründen ließ – und trotzdem ausgerechnet bei den Kindern ankam, während die Erwachsenen neben ihnen frei blieben.
Das ist kein Fall von Heuchelei einer einzelnen Person – dafür ist die Gemengelage zu vielschichtig, die Verantwortlichkeiten liegen bei Vereinen, Verbänden, Regierungen und Gesundheitspolitikern gleichermaßen. Aber es ist ein wiederkehrendes Muster: Regeln, die dort am strengsten durchgesetzt wurden, wo am wenigsten Widerstand zu erwarten war – bei Kindern, bei einfachen Fans, bei denen ohne Lobby. Und Regeln, die dort am ehesten aufweichten oder gar nicht erst galten, wo Öffentlichkeit, nationales Prestige oder wirtschaftliches Interesse im Spiel waren. Die Regenbogenmaske und das Bekenntnis zur Toleranz stehen dazu nicht im Widerspruch – sie zeigen nur, wie unabhängig Symbolik und Regelpraxis nebeneinander existieren konnten, und wie unterschiedlich dieselbe Pandemie von Stadion zu Stadion, von Land zu Land ausgelegt wurde.
Eine Frage darf dabei gestellt werden, auch wenn sie sich aus den vorliegenden Dokumenten nicht abschließend beantworten lässt: Was, wenn die Maske an manchen Orten weniger eine Schutzmaßnahme war als ein Signal – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gefahr bestehe, unabhängig davon, ob sie im konkreten Moment noch bestand? Budapest und Amsterdam liefen ohne dieses Signal und ohne dokumentierte Katastrophe. München und Mainz liefen mit ihm, teils dort am striktesten, wo am wenigsten Risiko und am wenigsten Gegenwehr zu erwarten war. Ob die Konsequenz daraus lautet, dass Sichtbarkeit wichtiger war als Wirkung, oder ob es dafür andere, ebenso plausible Erklärungen gibt, muss offen bleiben. Aber die Beobachtung selbst – dass das Signal dort am längsten durchgehalten wurde, wo am wenigsten dagegen aufbegehrt wurde – ist dokumentiert, nicht spekuliert.
Hoffnung
Genau darin liegt aber auch die gute Nachricht: Die Dokumente sind öffentlich, die Bilder sind erhalten, die Zeitungsarchive sind durchsuchbar. Nichts an dieser Geschichte musste rekonstruiert oder vermutet werden – jede Facette lässt sich an offiziellen Quellen aus drei Ländern nachvollziehen. Das bedeutet: Aufarbeitung ist möglich, ohne dass irgendjemand etwas Neues „aufdecken“ müsste. Es reicht, das bereits Dokumentierte nebeneinanderzulegen und genau hinzuschauen. Diese Fähigkeit – Muster erkennen, ohne zu unterstellen – ist der eigentliche Schutz gegen eine Wiederholung.
Fußnoten
- X (vormals Twitter), Beitrag des bayerischen Ministerpräsidenten vor dem EM-Spiel Deutschland/Ungarn, Juni 2021 – Aufnahme mit Regenbogenmaske und Bekenntnis zu Toleranz und Freiheit. ↩
- t-online, 22.06.2021 – Bericht über die Ablehnung der Regenbogenbeleuchtung der Allianz Arena durch die UEFA sowie die Reaktionen anderer Bundesliga-Standorte. ↩
- Sky Sport (SID), 07.04.2021 – Bericht über die Kritik des bayerischen Ministerpräsidenten an UEFA-Plänen für volle EM-Stadien. ↩
- sport.de sowie Der Tagesspiegel, September 2020 – übereinstimmende Berichte über die verschärfte Einreise-Quarantäneverordnung für Bayern-Fans nach der Supercup-Reise nach Budapest. ↩
- Offizielle Website der Allianz Arena, 14.06.2021 – Bericht über den Besichtigungstermin vor dem EM-Eröffnungsspiel und die Aussage „Es ist an alles gedacht“. ↩
- GMX.at, 18.06.2021 – Bericht über die mangelnde Einhaltung der Maskenpflicht beim Spiel Deutschland gegen Frankreich, die Verärgerung des Ministerpräsidenten, die angekündigten verstärkten Kontrollen für das Folgespiel sowie die auf der UEFA-Regelseite festgehaltenen Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen. ↩↩↩↩
- NZZ, 23.07.2021 – Bericht über die niederländischen Fieldlab-Testevents ohne Maskenpflicht und die Beobachtungen des wissenschaftlichen Studienleiters. ↩
- Sportschau sowie web.de, Juni 2021 – Berichte über die 100-prozentige Stadionauslastung der Puskás Aréna in Budapest ohne Maskenpflicht während der EM 2021. ↩
- t-online, 11.07.2021 – Bericht über die Kritik des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach an der UEFA im Zusammenhang mit dem Wembley-Finale. ↩↩
- Gmünder Tagespost (Ippen-Netzwerk) sowie Merkurist, August 2022 – Berichte über die Maskenpflicht für Einlaufkinder beim Bundesligaspiel Mainz 05 gegen Union Berlin und die Stellungnahme des Vereins dazu. ↩↩
- Ahmad Mansour, X-Beitrag, August 2022 – Kommentar zum Foto der maskierten Einlaufkinder beim Spiel Mainz 05 gegen Union Berlin. ↩