Der Goldstandard

Das RKI untersuchte gemeinsam mit der WHO die wissenschaftliche Basis von Impfempfehlungen. Ergebnis: Mehr als 9 von 10 systematischen Reviews sind methodisch nicht vertrauenswürdig. Kaum jemand hat es bemerkt.

Der Goldstandard
Foto: Faustina Okeke / Unsplash

Was eine randomisierte kontrollierte Studie ist — und warum sie manchmal nicht die Frage beantwortet, die gestellt wurde

„Die Studien sind eindeutig." „Das ist der Goldstandard der Wissenschaft." „Eine randomisierte kontrollierte Studie — was willst du mehr?"

Diese Sätze wurden in den letzten Jahren oft gehört. Und sie klingen überzeugend — weil der Goldstandard tatsächlich existiert und tatsächlich wertvoll ist.

Aber was bedeutet er genau? Und wo sind seine Grenzen?

Was eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) ist

Eine RCT teilt Teilnehmer zufällig in zwei Gruppen:

  • Interventionsgruppe: Bekommt das Medikament oder den Impfstoff
  • Kontrollgruppe: Bekommt ein Placebo oder eine Vergleichsbehandlung

Die Zufälligkeit (Randomisierung) sorgt dafür, dass bekannte und unbekannte Störfaktoren gleichmäßig verteilt sind. Idealerweise wissen weder Teilnehmer noch Forscher, wer was bekommt (Doppelblindung).

Das macht RCTs so wertvoll: Sie können Kausalität zeigen, nicht nur Korrelation.

Wo die Grenzen sind

Jede Studie ist so gut wie die Frage, die sie stellt.

Endpunkte: Was genau wird gemessen? Relative Risikoreduktion? Absolute Risikoreduktion? Mortalität? Hospitalisierung? Symptomatische Erkrankung?

Der Unterschied ist erheblich. Eine Impfung, die das relative Risiko einer symptomatischen Erkrankung um 95% reduziert, klingt beeindruckend. Das absolute Risiko hängt aber davon ab, wie hoch das Ausgangsrisiko war.

Bei der BioNTech-Studie: Das absolute Risiko, symptomatisches COVID-19 zu bekommen, betrug in der Placebo-Gruppe etwa 0,88% — in der Impfgruppe 0,04%. Die absolute Risikoreduktion: 0,84 Prozentpunkte. Die relative: 95%.

Beide Zahlen stimmen. Aber sie klingen sehr unterschiedlich.

Was Surrogatendpunkte sind

Manchmal ist der „echte" Endpunkt schwer zu messen (zum Beispiel Tod nach 20 Jahren). Dann verwendet man Surrogatendpunkte — Messgrößen, von denen man annimmt, dass sie mit dem echten Endpunkt zusammenhängen.

Problematisch wird es, wenn Surrogatendpunkte als direkte Belege für den eigentlichen Nutzen behandelt werden — ohne dass dieser Zusammenhang selbst gut belegt ist.

Was Cochrane sagt

Die Cochrane Collaboration ist eine unabhängige Organisation, die Studien systematisch auswertet und zusammenfasst. Sie gilt als besonders seriös, weil sie keine Industrie-Finanzierung annimmt.

Eine Cochrane-Metaanalyse aus dem Jahr 2023 zu Masken beim Schutz vor respiratorischen Erkrankungen stellte fest: Die Evidenz für einen Nutzen von Masken in der Bevölkerung ist schwächer als weithin angenommen. Das Medienecho war minimal.

Das zeigt: Selbst wenn der Goldstandard angewendet wird, werden Ergebnisse selektiv wahrgenommen.

Was du beim Lesen fragen kannst

1. Welcher Endpunkt wurde gemessen? Absolutes oder relatives Risiko? Mortalität oder Symptome?

2. Wie lange wurde beobachtet? Ein paar Monate oder mehrere Jahre?

3. Wer hat die Studie finanziert? Und haben unabhängige Gruppen zu ähnlichen Ergebnissen geführt?

4. Was sagen Metaanalysen? Einzelstudien können täuschen — das Gesamtbild zählt.

Nächstes Mal: Wer entscheidet, welche Fragen überhaupt gestellt werden — und welche Rolle Fördergelder dabei spielen.

Werkzeugkunde ist eine Serie auf richtig-erinnern.de. Keine Theorien, keine Namen, keine Panik — nur Methoden, mit denen man Quellen liest.