Die Presse als Verstärker: Apokalyptische Schlagzeilen und was sie angerichtet haben

"Killervariante", "Todeswelle", "Horror-Mutation" – die Medienberichterstattung über Corona-Varianten folgte einer eigenen Dramaturgie. Was das mit dem Vertrauen der Bevölkerung gemacht hat.

Die Presse als Verstärker: Apokalyptische Schlagzeilen und was sie angerichtet haben
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Es gibt einen Unterschied zwischen einer Warnung und einer Drohung. Eine Warnung sagt: „Hier ist ein Risiko, hier sind die Fakten, hier ist, was du tun kannst." Eine Drohung sagt: „Das Schlimmste kommt. Du bist ausgeliefert." Die Medienberichterstattung über Corona-Varianten bewegte sich über weite Strecken näher an der zweiten Kategorie.

Das ist keine pauschale Kritik an Journalismus. Guter Journalismus hat während der Pandemie wichtige Arbeit geleistet – Fakten-Checks, Recherchen über Missstände, kritische Begleitung der Politik. Aber im Umgang mit neuen Virusvarianten entstand ein Muster, das es lohnt zu beleuchten.

Die Schlagzeilen-Spirale

Als Omikron Ende November 2021 in Südafrika entdeckt wurde, gab es noch kaum klinische Daten. Südafrikanische Ärzte berichteten von milden Verläufen. Die WHO sprach von einer „besorgniserregenden Variante" – was eine Klassifikationsstufe ist, keine Katastrophenprognose.

Die deutschen Schlagzeilen lasen sich anders. „Horror-Mutation auf dem Weg nach Europa", „Neue Variante könnte alle Impfungen umgehen", „Experten warnen: Das könnte alles verändern". Die Unsicherheit, die in wissenschaftlichen Aussagen steckte, verschwand in der Übersetzung für die Masse. Was blieb, war Alarm.

Das wiederholte sich bei jeder neuen Subvariante. BA.2, BA.4, BA.5, BQ.1 – jede bekam ihre Schlagzeilen-Saison. Die tatsächliche Gefährlichkeit jeder Variante war zum Zeitpunkt der Berichterstattung meist noch gar nicht bekannt. Das hinderte niemanden daran, das Schlimmste anzukündigen.

Warum Medien so berichten

Auch hier gilt: Das ist kein Verschwörung, sondern Struktur. Medien leben von Aufmerksamkeit. Alarm erzeugt Aufmerksamkeit. „Neue Variante – Verlauf unklar, Experten uneins" ist eine ehrliche Schlagzeile. Sie klickt weniger als „Horror-Mutation bedroht Impfschutz".

Dazu kommt der Mechanismus der gegenseitigen Verstärkung: Politiker zitierten Medienberichte, um Maßnahmen zu rechtfertigen. Medien zitierten Politiker, um Berichte zu belegen. Wissenschaftler, die differenzierter urteilten, kamen seltener zu Wort – oder ihre Aussagen wurden durch selektives Zitieren vereinfacht.

Der Virologe Hendrik Streeck etwa warnte wiederholt vor Übertreibungen und betonte den breiten Immunschutz der Bevölkerung. Seine Einschätzungen erwiesen sich oft als treffender als die apokalyptischeren Prognosen. Er wurde dafür gelegentlich als verharmlosend dargestellt – nicht weil seine Fakten falsch waren, sondern weil seine Tonlage nicht zur dominanten Erzählung passte.

Die Wirkung auf das Vertrauen

Vertrauen funktioniert kumulativ. Wer einmal übertrieben hat, dem glaubt man beim nächsten Mal weniger. Wer dreimal übertrieben hat, dem glaubt man beim vierten Mal kaum noch. Das ist keine irrationale Reaktion der Bevölkerung – das ist ein rationales Lernen aus Erfahrung.

Studien zeigen, dass das Vertrauen in Medien und öffentliche Institutionen während der Pandemie in Deutschland gesunken ist. Das hat mehrere Ursachen – aber die Diskrepanz zwischen angekündigten Worst-Case-Szenarien und tatsächlichen Entwicklungen gehört dazu.

Der langfristige Schaden ist gravierend: Wenn bei einer echten, schweren Gefahr gewarnt wird, ist die Bereitschaft zum Zuhören geringer. Eine Medienlandschaft, die ihren Alarm-Kredit verbraucht hat, kann im Ernstfall nicht mehr mobilisieren.

Was guter Krisenjournalismus aussehen würde

Es gibt Vorbilder. Science-Journalisten, die Unsicherheiten benennen, Szenarien als Szenarien kennzeichnen und verschiedene Expertenmeinungen abbilden – nicht nur die alarmierendste. Redaktionen, die zwischen „das RKI warnt" und „das RKI weiß" unterscheiden. Schlagzeilen, die Komplexität zumuten statt Angst verkaufen.

Das ist anspruchsvoller als apokalyptische Vereinfachung. Es kostet mehr Zeit, mehr Recherche, mehr redaktionellen Mut. Aber es ist die einzige Art von Journalismus, die langfristig das Vertrauen erhält, das eine Demokratie in Krisenzeiten braucht.

Die Aufarbeitung der Corona-Berichterstattung ist keine Abrechnung mit dem Journalismus. Sie ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was Qualität in der Krisenkommunikation bedeutet – und warum sie wichtiger ist als jede einzelne Schlagzeile.

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