Die Prognose-Bilanz: Was Lauterbach, Drosten & Co. ankündigten – und was wirklich kam

400.000 Neuinfektionen täglich, Killervarianten, kollabierte Intensivstationen – viele Prognosen der Pandemie-Jahre lagen weit daneben. Eine dokumentierte Bestandsaufnahme.

Die Prognose-Bilanz: Was Lauterbach, Drosten & Co. ankündigten – und was wirklich kam
Photo by NOAA / Unsplash

Prognosen in einer Pandemie sind schwierig. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Wer unter Unsicherheit handeln muss, muss auch unter Unsicherheit kommunizieren. Das Problem entsteht, wenn Worst-Case-Szenarien als Wahrscheinlichkeiten verkauft werden – und wenn Falschaussagen nicht korrigiert, sondern still vergessen werden.

Dieser Artikel dokumentiert eine Auswahl konkreter Fälle. Nicht um Schuldige zu benennen, sondern um eine Frage zu stellen, die für die Zukunft wichtig ist: Wie entsteht eine Kultur, in der falsche Prognosen keine Konsequenzen haben – und wie ändern wir das?

Karl Lauterbach: Eine Auswahl

Januar 2022, Omikron-Prognose: Lauterbach prognostizierte öffentlich „mindestens 400.000 Neuinfektionen täglich". Der tatsächliche Höchstwert, am 4. Februar 2022, lag bei 248.838 – also rund 40 Prozent unter der Prognose. Wenige Wochen später erklärte er, er habe „früh gesagt, dass Omikron milder verläuft als Delta."

Januar 2022, Omikron-Gefahr: Am 1. Januar 2022 schrieb Lauterbach, Omikron sei „für Ungeimpfte lebensgefährlich". Im Februar 2022 relativierte er: Omikron verlaufe milder. Beides wurde öffentlich gesagt – die Korrektur erhielt deutlich weniger Aufmerksamkeit als die ursprüngliche Warnung.

Sommer 2022, Killervariante: Im August 2022 warnte Lauterbach, es sei „durchaus möglich, dass wir eine hochansteckende Omikron-Variante bekommen, die so tödlich ist wie Delta. Das wäre eine absolute Killervariante." Hendrik Streeck, Stefan Kluge und andere Virologen widersprachen öffentlich. Die angekündigte Killervariante kam nicht.

Wiederholte Herbst-Warnungen: In mehreren aufeinanderfolgenden Jahren warnte Lauterbach vor einer „schlimmsten Welle bisher" im Herbst. Die tatsächlichen Verläufe blieben jeweils hinter diesen Prognosen zurück. Eine öffentliche Reflexion darüber, warum die Modelle wiederholt zu pessimistisch waren, fand nicht statt.

Killervirus - KI Symbolbild

Christian Drosten: Der Immunschuld-Komplex

Christian Drosten, Direktor der Virologie an der Charité Berlin, war eine der prägenden wissenschaftlichen Stimmen der Pandemie – und in vielen Punkten zu Recht. Sein Podcast erreichte Millionen. Seine Einschätzungen hatten direkten Einfluss auf die Politik.

Im Kontext der Schulschließungen und ihrer Folgen ist eine Aussage bemerkenswert: Als Kinderärzte 2022 eine Welle von RS-Viren und anderen Atemwegserkrankungen bei Kleinkindern beobachteten und das Konzept der „Immunschuld" diskutierten – also die These, dass fehlende Infektionskontakte das Immunsystem von Kindern geschwächt hätten –, reagierte Drosten ablehnend. „Wer glaubt, dass eine Infektion das Immunsystem trainiert, muss konsequenterweise auch glauben, dass ein Steak die Verdauung trainiert", sagte er Ende 2021.

Die Realität war differenzierter: Dass Kinder nach zwei Jahren reduzierter sozialer Kontakte anfälliger für Atemwegsinfektionen waren, beobachteten Pädiater flächendeckend. Das Konzept der „Immunschuld" ist wissenschaftlich umstritten – aber die pauschale Ablehnung des Gedankens, dass Isolierung immunologische Folgen haben könnte, war ebenfalls nicht durch Evidenz gedeckt.

Das strukturelle Problem dahinter

Es wäre unfair, nur auf Personen zu zeigen. Das eigentliche Problem ist struktureller Natur. In der Pandemiepolitik entstand eine Asymmetrie: Zu viel Warnung war risikolos, zu wenig Warnung war riskant. Wer zu pessimistisch lag, wurde nicht kritisiert – wer zu optimistisch lag, stand am Pranger.

Das führte zu einer systematischen Verzerrung. Prognosen wurden im Zweifel nach oben gerundet. Unsicherheiten wurden nicht kommuniziert. Und eine Kultur, in der Fehlprognosen öffentlich reflektiert werden, entstand nicht.

Die Enquete-Kommission hat die Frage nach Risikokommunikation und wissenschaftlicher Beratung ausdrücklich auf ihre Agenda gesetzt. Das ist der richtige Ort, um diese Fragen zu stellen – ohne Tribunal, aber auch ohne Amnesie.

Was eine gute Prognose-Kultur aussehen würde

Andere Länder machen es vor: In Großbritannien wurden SAGE-Protokolle (Scientific Advisory Group for Emergencies) veröffentlicht. Dissens innerhalb des Beratungsgremiums wurde dokumentiert. Szenarien wurden als Szenarien bezeichnet, nicht als Prognosen.

Transparenz über Unsicherheit ist keine Schwäche – sie ist der Grundstein für Vertrauen. Eine Bevölkerung, die weiß, dass Experten auch irren können und das offen kommunizieren, vertraut diesen Experten mehr, nicht weniger. Das ist die Lehre, die aus dieser Bilanz gezogen werden sollte.


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