Diese Woche vor 3 Jahren: Der Hitzeschutzplan und die Zahl 4.000
Am 28. Juli 2023 stellte Karl Lauterbach einen Hitzeschutzplan vor, der die Zahl der Hitzetoten halbieren sollte. Die Kritik kam prompt — und sie kam nicht von Zweiflern, sondern von Kliniken und Patientenschützern.
Der Juli 2023 war heiß. Die ersten drei Wochen des Monats waren nach Auswertungen von Klimaforschern die wärmste je gemessene globale Dreiwochenperiode. In Deutschland waren im Sommer 2023 etwa doppelt so viele Menschen Temperaturen von 35 Grad und mehr ausgesetzt wie im Durchschnitt der Jahre 1980 bis 1999.
Am 28. Juli 2023 stellte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in diesem Zusammenhang einen Hitzeschutzplan des Bundesgesundheitsministeriums vor. Das erklärte Ziel: Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle sollte halbiert werden — von rund 8.000 im Jahr 2022 auf unter 4.000 im Jahr 2023.
Was in dem Plan stand
Die zentralen Elemente waren:
- wöchentliche Auswertungen des Robert Koch-Instituts zur hitzebedingten Übersterblichkeit — erstmals in diesem Sommer
- eine Weiterentwicklung der Hitzewarnstufen des Deutschen Wetterdienstes
- Informations- und Aufklärungskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
- Empfehlungen an Kommunen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen zur Erstellung eigener Hitzepläne
Alle diese Maßnahmen sind für sich genommen sinnvoll. Hitze ist ein reales Gesundheitsrisiko, besonders für ältere und pflegebedürftige Menschen. Dass eine Gesundheitsverwaltung sich damit befasst, ist keine Übertreibung, sondern Aufgabe.
Woher die Kritik kam
Bemerkenswert an dieser Woche im Juli 2023 ist, wer widersprach. Es waren nicht die üblichen Kritiker der Corona-Politik. Es waren die Institutionen, die den Plan hätten umsetzen sollen.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wies darauf hin, dass die Kühlung von Patientenzimmern Investitionsprogramme erfordere — nicht Gespräche und Absichtserklärungen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz formulierte schärfer: Das Auflisten von Selbstverständlichkeiten sei kein Hitzeschutzplan; Apps, Plakate und Warnungen senkten keine Raumtemperaturen.
Das ist ein handfester Einwand, und er trifft einen wunden Punkt: Der Plan bestand ganz überwiegend aus Kommunikation. Die baulichen und personellen Maßnahmen, die tatsächlich Temperaturen senken oder Pflege in der Hitze ermöglichen, lagen außerhalb seiner Reichweite.
Die Zahl und ihr Problem
Am schwierigsten war die Zielmarke selbst. Die Zahl hitzebedingter Todesfälle wird nicht gezählt, sondern statistisch geschätzt — über Abweichungen der Sterbefälle von einem Erwartungswert während Hitzeperioden. Sie schwankt daher stark, vor allem mit der Zahl und Länge der Hitzetage eines Sommers.
Für 2023 wurden am Ende rund 3.100 hitzebedingte Todesfälle geschätzt. Das Ziel wäre damit erreicht. Nur: Der Sommer 2023 hatte in Deutschland deutlich weniger extreme Hitzetage als 2022. Ein wesentlicher Teil des Rückgangs ist damit erklärbar — ohne jeden Beitrag des Plans.
Die Bundesregierung selbst verwies später auf die jährlichen Schwankungen. Damit war implizit eingeräumt, was Kritiker von Anfang an gesagt hatten: Eine Wirksamkeit des Plans ließ sich nicht belegen. Sie ließ sich mit diesem Zielindikator auch gar nicht belegen.
Was daraus zu lernen ist
Hier liegt die eigentliche Parallele zu den Corona-Jahren, und sie hat nichts mit dem Thema Hitze zu tun.
Es ist das Muster, eine Maßnahme mit einer eingängigen Zahl zu verknüpfen, deren Zustandekommen die Öffentlichkeit nicht überprüfen kann — und die von Faktoren abhängt, die mit der Maßnahme nichts zu tun haben. Geht die Zahl zurück, wirkt es wie Erfolg. Steigt sie, wirkt es wie zu wenig Maßnahme. In beiden Fällen lernt man nichts.
Wer Vertrauen möchte, müsste es umgekehrt machen: Ziele benennen, die man selbst beeinflusst. Wie viele Kliniken haben einen Hitzeplan? Wie viele Pflegeeinrichtungen wurden baulich nachgerüstet? Solche Zahlen sind unspektakulär — aber überprüfbar.
Der 28. Juli 2023 war kein Skandal. Er war eine gut gemeinte Ankündigung mit einem schlecht gewählten Maßstab. Genau diese Sorte Vorgang verdient Aufarbeitung: nicht weil dahinter Absicht steckte, sondern weil das Muster sich wiederholt, solange es niemand benennt.