Kinder zuerst vergessen: Was die Pandemie-Maßnahmen mit unserer Jugend machten
Studien zeigen: Der Anteil psychisch belasteter Kinder verdreifachte sich in der Pandemie. Was die Daten sagen – und welche Fragen die Aufarbeitung stellen muss.
Was wir wissen – und was wir hätten wissen müssen
Als die Schulen schlossen, die Spielplätze gesperrt wurden und Kinder wochenlang zu Hause blieben, war der Leitgedanke klar: Schutz. Der Schutz vulnerabler Erwachsener stand im Mittelpunkt. Was das für Kinder bedeutete – kurzfristig und langfristig – geriet dabei zunächst in den Hintergrund.
Heute, einige Jahre später, liegen Daten vor. Sie sind ernüchternd – und sie sollten Teil jeder ehrlichen Corona-Aufarbeitung sein.
Die Zahlen sprechen deutlich
Verschiedene Studien und Daten der Krankenkassen zeigen übereinstimmend: Die Coronajahre haben bei Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren hinterlassen. Der Anteil der Kinder, die unter einer geminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität litten, stieg von präpandemischen 15 Prozent auf 48 Prozent im ersten Pandemiejahr. Selbst 2022, nach Ende der akutesten Einschränkungen, lag der Wert noch bei 27 Prozent – deutlich über dem Ausgangsniveau.
Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) dokumentiert einen massiven Anstieg psychischer Belastungen: Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen und Adipositas stiegen statistisch signifikant an. Die Corona-KiTA-Studie zeigt erhebliche Förderbedarfe bei Kleinkindern in den Bereichen Sprache, Motorik und sozial-emotionaler Entwicklung – Folgen einer Zeit, in der Kitas geschlossen und soziale Kontakte radikal eingeschränkt waren.
Die Frage, die sich stellen muss
War es falsch, Kinder zu schützen? Nein. Aber: Wurden die Schutzmaßnahmen für Kinder gegen die Schäden durch die Maßnahmen abgewogen? Wurden pädiatrische Expertise und Kinderschutzperspektiven früh genug einbezogen?
Das sind keine politischen Fragen. Das sind wissenschaftliche und ethische Fragen. Und sie verlangen ehrliche Antworten – keine parteipolitischen.
Eine interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung hat in ihrem Abschlussbericht festgehalten, dass die gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche nicht ausreichend in die Entscheidungsprozesse einbezogen wurden. Das ist ein bedeutsames Eingeständnis.
Was Aufarbeitung hier leisten muss
Ehrliche Aufarbeitung bedeutet nicht, rückblickend alles zu verdammen. Es gab eine echte Unsicherheitssituation. Wissen entwickelt sich. Entscheidungen mussten unter Druck getroffen werden.
Aber Aufarbeitung bedeutet auch: Die Stimmen jener hören, die am wenigsten laut sein konnten – die Kinder selbst. Ihre Erfahrungen dokumentieren. Die strukturellen Fehler benennen, damit sie sich nicht wiederholen. Und die Konsequenzen für betroffene Familien anerkennen.
Die Enquete-Kommission des Bundestags hat die Gesundheit von Kindern explizit auf ihre Agenda gesetzt. Das ist richtig. Ob die Ergebnisse den Erwartungen standhalten werden, bleibt abzuwarten.
Differenzierung ist keine Verharmlosung
Wer auf die Schäden für Kinder hinweist, verharmloste nicht das Virus. Wer fragt, ob Kitas und Schulen früher hätten öffnen sollen, leugnet nicht die Gefährlichkeit von COVID-19 für ältere Menschen. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Das ist der Kern sachlicher Aufarbeitung: die Komplexität aushalten, statt in einfache Lager zu zerfallen. Und aus dieser Komplexität lernen – für künftige Krisen, für künftige Kinder.
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