München impft: Der Sponsor hält die Fortbildung, das Bier bleibt im Zelt

München impft: Der Sponsor hält die Fortbildung, das Bier bleibt im Zelt
Symbolbild KI-generiert

Reihe: Damals Schwurbelei — heute Akte

Damals

Wer während der Pandemie den Verdacht äußerte, Impfkampagnen könnten auch Marketing sein — dass Hersteller nicht nur Impfstoffe liefern, sondern deren öffentliche Vermittlung mitgestalten —, bekam dafür schnell ein Etikett verpasst. Der Vorwurf der „Schwurbelei" traf in diesen Jahren so ziemlich jeden, der die Trennlinie zwischen unabhängiger Wissenschaftskommunikation und Produktkommunikation für durchlässiger hielt, als offiziell zugegeben wurde. Die Frage, wer eigentlich am Mikrofon steht, wenn über „Evidenz" gesprochen wird, galt als Nebenkriegsschauplatz für Leute mit Hang zur Verschwörung.

Heute liegt die Antwort gedruckt auf Papier vor — als offizielles Veranstaltungsprogramm einer Landeshauptstadt.

Heute

„München impft" ist keine Erfindung von Kritikern, sondern eine reale, offiziell benannte Initiative: getragen vom Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München unter Schirmherrschaft von Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek, gemeinsam mit TUM Klinikum und LMU Klinikum ins Leben gerufen, um für Impfungen gegen Grippe, RSV und COVID-19 zu werben.1

Zur Kampagne gehört eine Fortbildungsveranstaltung für Ärztinnen, Ärzte und Apotheker: „Gemeinsam schützen vor Atemwegserkrankungen". Zertifiziert mit CME-Fortbildungspunkten der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) und der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), inklusive Abschlussprüfung und Lernerfolgskontrolle. Referentinnen und Referenten: Klinikärzte von TUM und LMU — und mittendrin, mit eigenem Programmpunkt, Wolfram Sandner von BioNTech SE sowie Dr. Marcel Stern von GlaxoSmithKline (GSK). Gold-Sponsoren der Veranstaltung: BioNTech und GSK. Bronze-Sponsoren: CSL Seqirus und Moderna. Als Kooperationspartner gelistet: unter anderem die Kommunikationsagentur merkurtz.media.2

Ein Vertreter des Impfstoffherstellers referiert im Rahmen einer staatlich anerkannten ärztlichen Pflichtfortbildung vor Kolleginnen und Kollegen, die dafür Punkte für ihre Zulassung sammeln — finanziert von genau den Unternehmen, deren Präparate am Ende verschrieben werden. Das ist kein Einzelfall und auch keine Untergrund-Recherche: Branchenportale wie die „Impfakademie" von GSK oder das CME-Portal medlearning.de listen offen, mit welchen Summen Hersteller einzelne Fortbildungen fördern, und der Kodex des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) verpflichtet Veranstalter explizit zur Offenlegung solcher Zuwendungen.3 Die Bundesärztekammer selbst mahnt seit Jahren mehr Transparenz bei genau dieser Praxis an.3 Das System kennt sein eigenes Spannungsfeld — und hat trotzdem keine Distanz dazu aufgebaut.

Und dann kommt die Wiesn dazu.

Am 20. September 2026 wurde erstmals in der Geschichte des Oktoberfests direkt auf dem Festgelände geimpft — vormittags, gegen Grippe und COVID-19, ausdrücklich auch für Besucherinnen und Besucher der „Mittagswiesn". Zurek dazu wörtlich: „Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind, und das ist jetzt eben die Wiesn."4 Christoph Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM Klinikum und Gesicht der Kampagne, ergänzte in einem Interview zur selben Aktion: „Ich liebe die Wiesn und ich schütze mich und meine Patientinnen und Patienten durch eine Impfung."5

Gegenüberstellung: Was gesagt wird — und was daneben steht

Behauptung der Kampagne: Die Impfung im Bierzelt schützt „mich und meine Patientinnen und Patienten" — klassische Fremdschutz-Rhetorik, formuliert vom eigenen Gesicht der Aktion.

Aktuelle STIKO-Position 2026: Erstmals seit Beginn der Pandemie gibt es keine Standardempfehlung mehr für Menschen unter 75 Jahren. Die Ständige Impfkommission begründet die COVID-Impfung nur noch mit Eigenschutz vor schwerem Verlauf bei Risikogruppen — nicht mit Schutz Dritter.6

Behauptung der Kampagne: Ein „kleiner Piks" schützt vor der „Wiesn-Grippe".

Aussage desselben Referenten, selbe Woche, anderes Interview: Die „Wiesn-Grippe" sei „in den allermeisten Fällen keine Influenza", sondern ein Sammelbegriff für Atemwegsinfekte, „die durch das Zusammentreffen vieler Menschen, Schlafmangel, Kälte und Alkoholkonsum begünstigt werden" — verursacht überwiegend durch Erreger, gegen die es gar keinen Impfstoff gibt (Rhino-, Adeno-, Enteroviren).7

Vertragen sich Impfungen und Bierzelt?

Die Datenlage zu Alkohol und Impfwirkung ist dünner, als es die Werbebotschaft vermuten lässt. Geringe Mengen gelten nach heutigem Wissensstand als unproblematisch. Für die Pneumokokken-Impfung ist dagegen belegt, dass starker Alkoholkonsum die Antikörperbildung messbar schwächt. Zur COVID-19-Impfung liegen laut Fachpresse „keine ausreichenden Daten" vor — weshalb Gesundheitsbehörden vorsorglich empfehlen, in den ersten Tagen nach der Impfung auf Alkohol zu verzichten.8

Entscheidender ist ein zweiter Punkt, den Spinner selbst beziffert: Der Impfschutz baut sich erst innerhalb von rund vierzehn Tagen auf.5 Wer sich vormittags am Impfstand piksen lässt und mittags zur Mass greift, ist während des gesamten Wiesn-Besuchs ungeschützt — geschützt wird bestenfalls der nächste Herbst.

Zur Einordnung, in welcher Größenordnung sich das „Bierzelt" bewegt, in dem geworben wird: 2025 kamen 6,5 Millionen Gäste auf die Theresienwiese, die Wiesnwirte schätzten den Bierabsatz auf 6,5 Millionen Maß.9 Auf dieser Fläche für ein Präparat zu werben, dessen Schutzwirkung erst zwei Wochen später einsetzt, ist weniger Prävention als Standortmarketing mit Kittel.

Das Muster

Nichts an dieser Recherche beruht auf geheimen Dokumenten. Der Sponsorenblock steht offen im Veranstaltungsflyer, die STIKO-Empfehlung steht offen im Epidemiologischen Bulletin, die Bierzahlen stehen offen im Pressebericht der Stadt. Das ist der eigentliche Befund: Man muss nichts aufdecken, was nicht längst offengelegt ist — man muss es nur nebeneinanderlegen.

Genau das war während der Pandemie der Vorwurf an sogenannte Schwurbler: sie würden öffentlich zugängliche Fakten „verdrehen", indem sie sie in einen Zusammenhang stellten, den Institutionen nicht vorgesehen hatten. Das Muster wiederholt sich: Eine Kampagne, getragen von öffentlichen Kliniken und einem Gesundheitsreferat, verleiht Herstellerkommunikation den Anschein staatlicher Neutralität — nicht durch Verschleierung, sondern durch schiere Normalität der Verflechtung. Die Sponsorenliste ist kein Leak. Sie ist eine Folie im offiziellen PDF.

Hoffnung

Nichts davon bedeutet, dass Impfen falsch wäre oder Ärzte käuflich sind. Es bedeutet, dass eine Stadtverwaltung, die für „Bewusstsein" wirbt, das eigene Bewusstsein dafür schärfen könnte, wie eine von Herstellern mitfinanzierte und mitgestaltete Fortbildung auf Bürgerinnen und Bürger wirkt, die sich auf die städtische Neutralität verlassen. Transparenz kostet nichts außer der Bereitschaft, sie auch dort anzuwenden, wo sie unbequem wird — und genau das fordert die Bundesärztekammer seit Jahren ohnehin schon von der eigenen Branche.

Zwischen dem, was ein Sponsoring-Vertrag erlaubt, und dem, was am Ende auf ein städtisches Kampagnenlogo gedruckt wird, liegt immer noch eine Entscheidung — und die trifft kein Kodex, sondern ein Mensch.

Fußnoten

  1. Landeshauptstadt München, Rathaus Umschau: „Gesundheitsreferat: Herbstzeit ist Impfzeit" — Gründung und Trägerschaft der Initiative „München impft" (Gesundheitsreferat, TUM Klinikum, LMU Klinikum), Zitat Beatrix Zurek. ru.muenchen.de
  2. Programmflyer der Veranstaltung „Gemeinsam schützen vor Atemwegserkrankungen — München impft", Registrierung über mri.tum.de/de/aktuelles/veranstaltungen — Referentenliste, CME-Zertifizierung durch BLÄK/BLAK, Sponsoren- und Partnerliste.
  3. Übersicht der CME-Sponsoring-Praxis und FSA-Transparenzpflicht (§20 Abs. 5 FSA-Kodex Fachkreise) anhand von forum-impfen.de und cme.medlearning.de — Offenlegungspflicht für Industrieförderung ärztlicher Fortbildungen, Forderung der Bundesärztekammer nach mehr Transparenz.
  4. Landeshauptstadt München, Rathaus Umschau: „Gemeinsam für den Infektionsschutz – Impfservice auf der Wiesn", Zitat Beatrix Zurek. ru.muenchen.de
  5. dpa/Sat.1 Bayern, Newstime: „Oktoberfest 2026: Kleiner Piks kann vor Wiesn-Grippe schützen" — Zitat Christoph Spinner zu Eigen-/Fremdschutz und 14-tägigem Wirkungsaufbau.
  6. PTAheute / aponet.de: Berichterstattung zur STIKO-Empfehlungsanpassung 2026 — keine Standardimpfung mehr unter 75 Jahren, Fokus auf Risikogruppen.
  7. dpa, apotheke-adhoc.de / tageskarte.io: „Oktoberfest: Piks soll vor Wiesn-Grippe schützen" — Zitat Christoph Spinner zu Ursachen der „Wiesn-Grippe" (u. a. Alkoholkonsum) und fehlendem Impfschutz gegen die häufigsten Erreger.
  8. Barmer Krankenkasse / aponet.de: Faktenlage zu Alkoholkonsum und Impfwirkung, inkl. Pneumokokken-Studienlage und Datenmangel zu COVID-19-Impfstoffen.
  9. Landeshauptstadt München / oktoberfest.de: Schlussbericht Oktoberfest 2025 — Gästezahl und geschätzter Bierabsatz.