Unsere Experten meinten es nur gut
September 2021: Die STIKO empfiehlt die COVID-Impfung für Schwangere — nach monatelangem Drängen der Fachverbände. Vier Jahre später veröffentlicht Pfizer Daten, die Fragen aufwerfen. Eine Chronologie des guten Willens.
Unsere Experten meinten es nur gut
Eine Chronologie des guten Willens — und offener Fragen.
Es gibt Sätze, die man nicht vergisst. Einer davon stand im September 2021 auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe — und auf dem Briefpapier fast aller gynäkologischen Fachverbände Deutschlands:
„Es ist ein wichtiger Moment für alle Frauen in Deutschland, die ein Kind erwarten."
Der Moment war die STIKO-Empfehlung vom 17. September 2021: Die Ständige Impfkommission sprach sich nun für die COVID-19-Impfung aller noch ungeimpften Schwangeren ab dem zweiten Trimester aus. Zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs. BioNTech oder Moderna.
Was in dieser Pressemitteilung der Fachverbände auch stand, verdient einen zweiten Blick — nicht weil die Absicht böse war, sondern weil der Kontext heute anders wirkt als damals.
Damals: „Nach monatelangem Drängen"
Die gynäkologischen Fachverbände hatten die STIKO seit Frühjahr 2021 öffentlich bedrängt, die Impfempfehlung auf Schwangere auszuweiten. Die STIKO hatte sich im April 2021 noch ausdrücklich dagegen ausgesprochen — Begründung: fehlende Studiendaten. Schwangere wurden in den Zulassungsstudien zu den COVID-19-Impfstoffen routinemäßig ausgeschlossen.
Die gynäkologischen Verbände sahen das anders. Im Mai 2021 forderten elf Fachgesellschaften gemeinsam ein Umdenken, im August begrüßten sie die erweiterte US-Empfehlung der CDC und hofften, dass die STIKO nachziehen werde. Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Leiter der Autorengruppe für die Impfempfehlungen der Gynäkologischen Fachverbände, fasste die Stimmung zusammen, als es schließlich so weit war:
„Die Empfehlung ist komplett in unserem Sinne — die wissenschaftliche Begründung sehr faktengesättigt."
Die STIKO bescheinigte ihrerseits: Vorliegende Daten zeigten „kein gehäuftes Auftreten von schweren unerwünschten Arzneimittelwirkungen während der Schwangerschaft" — insbesondere keine erhöhten Raten von Fehlgeburten, Frühgeburten, Totgeburten oder Missbildungen.
Das war der Stand im Herbst 2021.
Heute: Pfizers eigene Zahlen
Im September 2025 veröffentlichte Pfizer Daten aus einer kontrollierten klinischen Studie zu COVID-19-Impfungen in der Schwangerschaft — auf ausdrückliche Aufforderung der Trump-Administration hin, die mehr Transparenz bei Impfstoffdaten eingefordert hatte.
Der Befund, der seither diskutiert wird, steht schwarz auf weiß auf der Pfizer-Webseite:
In der randomisierten Studie wurden 8 von 156 geimpften Schwangeren Geburtsfehler (Congenital Anomalies) als „Adverse Events of Special Interest" gemeldet — gegenüber 2 von 159 ungeimpften Frauen in der Placebogruppe.
Das relative Risiko liegt damit bei etwa dem Vierfachen (RR ≈ 4,1). Der p-Wert: 0,049 — knapp, aber statistisch signifikant.
Pfizer selbst bewertet diesen Befund so: „Diese Inzidenz liegt innerhalb der Spannbreite der Allgemeinbevölkerung, und die Ereignisse wurden nicht als impfstoffbedingt eingestuft."
Die Frage, die beim ACIP-Meeting nicht beantwortet wurde
Beim Treffen des US-amerikanischen Impfberatungskomitees (ACIP) im September 2025 wollte der Epidemiologe Prof. Martin Kulldorff — ehemals Harvard — von der anwesenden Pfizer-Vertreterin wissen, wie das Unternehmen diesen Unterschied erkläre. Die Pfizer-Wissenschaftlerin konnte die Zahlen aus dem Stehgreif nicht bestätigen. Kulldorff schrieb anschließend auf X: Die Studie „fand Geburtsfehler bei 8 Babys von 156 geimpften Schwangeren und bei 2 Babys von 159 ungeimpften Müttern."
Pfizer teilte später mit, die Vertreterin habe „nicht die richtigen Tabellen vor sich gehabt" — es handele sich um ein Missverständnis gewesen. Alle Daten seien den Behörden vollständig übermittelt worden.
Was man dazu wissen muss — und was offen bleibt
Zur fairen Einordnung: Die Studie ist klein (315 Teilnehmerinnen), und bei kleinen Fallzahlen können Zufallseffekte deutliche Unterschiede erzeugen. Mehrere große Beobachtungsstudien — darunter eine schottische Kohortenstudie mit über 26.000 Schwangerschaften — fanden keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen COVID-19-Impfung und Geburtsfehlern.
Gleichzeitig: Eine randomisierte kontrollierte Studie gilt in der Wissenschaft als das stärkste Studiendesign überhaupt — weil sie Störvariablen wie Alter, Vorerkrankungen oder Lebensumstände durch Zufall ausbalanciert. Große Beobachtungsstudien können das nicht vollständig leisten.
Ob der Befund ein Zufallsergebnis ist, eine biologische Signalwirkung hat, oder durch die Studiengröße verzerrt wurde — das ist eine legitime wissenschaftliche Frage. Sie wurde beim ACIP-Meeting nicht beantwortet.
Das Versprechen, das nicht hielt: mRNA und Muttermilch
Im Herbst 2021 beruhigte die STIKO explizit: Kein erhöhtes Risiko für Stillende, keine schwerwiegenden Nebenwirkungen für Mutter und Kind. Die gynäkologischen Fachverbände bestätigten: Stillpause nach der Impfung sei nicht nötig.
Grundlage dieser Aussage war unter anderem eine Harvard-Studie mit sieben Probandinnen, die keinen mRNA-Übertritt in die Muttermilch fand.
Im Dezember 2022 erschien in JAMA Pediatrics eine neue Kohortenstudie der NYU Langone — peer-reviewed, im selben Journal. Ergebnis: Bei einem Teil der gestillten Mütter wurde Impfstoff-mRNA in der Muttermilch nachgewiesen, verpackt in sogenannten Extrazellulären Vesikeln. Die Autoren schrieben, dies sei „das erste Mal nach unserem Wissen", dass eine Biodistribution von Impfstoff-mRNA in Brustdrüsenzellen dokumentiert wurde.
Der Befund widersprach dem, was Behörden bis dahin für ausgeschlossen erklärt hatten.
Ob der Nachweis klinisch relevant ist — ob die mRNA-Menge im Säugling eine biologische Wirkung entfaltet — ist wissenschaftlich noch nicht abschließend beantwortet. Was beantwortet ist: Die Ausschluss-Aussage von 2021 war zu früh.
Eine Stimme aus dem Parlament: 26. Juni 2026
Am 26. Juni 2026 tagte die Enquete-Kommission des Brandenburgischen Landtags — „Lehren aus der Coronapandemie" — zum Thema Impfkampagne. Geladen waren unter anderem Fachärzte, Virologen und Epidemiologen.
Dr. Albrecht Jahn, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin im Ruhestand, sagte vor der Kommission — mit hörbarer Erschütterung — folgendes:
„Insbesondere die Impfung von Schwangeren war meines Erachtens eine der folgeschwersten und folgenreichsten Fehlentscheidungen in der neueren Medizingeschichte und hat die meisten Todesopfer gefordert — in Form von Kindern, die nicht geboren wurden."
Es ist eine persönliche Einschätzung eines erfahrenen Mediziners. Kein Beweis. Aber eine Aussage, die vor einem offiziellen parlamentarischen Gremium gemacht wurde — protokolliert, öffentlich, unter eigenen Namen.
Die Fachverbände, die 2021 auf die STIKO-Empfehlung drängten, waren zu dieser Sitzung nicht eingeladen. Ob sie sich hätten äußern wollen — unbekannt.
Das Muster, das sich zeigt
Was die Timeline des Jahres 2021 zeigt, ist kein Verbrechen. Es ist etwas subtileres: Fachverbände, die aus nachvollziehbaren Gründen — schwere COVID-19-Verläufe bei Schwangeren waren real dokumentiert — Druck auf eine Behörde ausübten, die sich auf fehlende Daten berief.
Die STIKO gab nach. Die Empfehlung kam. Die Daten kamen später.
Das ist nicht per se falsch. Das ist, wie Krisenmedizin funktioniert: unter Zeitdruck, mit unvollständiger Information, im guten Glauben.
Die Frage, die bleibt: Hätte die STIKO — die sich im April 2021 noch explizit auf fehlende Sicherheitsdaten berufen hatte — im September 2021 warten sollen, bis mehr Daten vorlagen? Oder wäre das Zögern das eigentliche Risiko gewesen?
Diese Frage lässt sich nicht rückwirkend eindeutig beantworten. Aber sie darf gestellt werden.
Und jetzt?
Die gynäkologischen Fachverbände, die damals auf einen „Durchbruch" drängten, haben sich zu den Pfizer-Daten von 2025 öffentlich bisher nicht geäußert. Die STIKO ebenfalls nicht.
Vielleicht liegt das daran, dass eine kleine Studie keine abschließende Antwort gibt. Vielleicht auch daran, dass die Frage unbequem ist.
Für die Frauen, die damals schwanger waren und sich — im Vertrauen auf den Rat ihrer Frauenärztinnen und Frauenärzte — impfen ließen, ist es keine abstrakte Frage mehr.
Sie haben einen Anspruch auf Antworten. Nicht auf Empörung. Auf Antworten.
Was hat diese Empfehlung getrieben?
Es gibt zwei naheliegende Erklärungen. Sie schließen sich nicht aus.
Die erste: Panikmodus. Schwangere auf Intensivstationen, Delta im Anmarsch, Druck aus der eigenen Fachgemeinschaft. Ärztinnen und Ärzte, die das Beste wollten — und unter Zeitdruck entschieden, was sie für richtig hielten. Mit den Daten, die sie hatten. Dass diese Daten dünn waren, wussten sie. Die STIKO hatte es im April 2021 selbst dokumentiert.
Die zweite Erklärung ist keine Verschwörung. Sie ist strukturell: Die pharmazeutische Industrie finanziert seit Jahrzehnten Kongresse, Fortbildungen, Studienreisen und Forschungsgelder der medizinischen Fachverbände. In Deutschland ist das — teilweise — öffentlich einsehbar. Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) und einzelne Hersteller veröffentlichen jährlich ihre Zahlungen an Ärzte und Organisationen (EU Transparency Register, FSA-Kodex-Datenbank).
Wer wissen möchte, welche gynäkologischen Fachverbände in den Jahren 2019 bis 2022 Zahlungen von BioNTech, Pfizer oder Moderna erhalten haben, kann dort nachschauen.
Wir haben das nicht getan. Das ist ein eigener Artikel — und er sollte geschrieben werden, wenn die Daten vollständig vorliegen.
Was wir sagen können: Eine Empfehlung, die auf sieben Frauen basierte, auf Daten, die die eigene Kommission vier Monate zuvor für unzureichend erklärt hatte, und die heute in einem parlamentarischen Hearing von einem Facharzt als „eine der folgenreichsten Fehlentscheidungen" bezeichnet wird — eine solche Empfehlung verdient mehr als Schweigen.
Ob es Inkompetenz war, Panikmodus, strukturelle Nähe zur Industrie — oder alles davon gleichzeitig: Das ist die Frage, die eine Aufarbeitung beantworten muss.
Nicht wir. Die Institutionen, die damals entschieden haben.
Quellen: STIKO-Empfehlung vom 17. September 2021 (Epidemiologisches Bulletin 38/21); Pressemitteilung DGGG/BVF vom 21. September 2021; Deutsches Ärzteblatt, 3. Mai 2021; Pfizer Inc., „Pfizer Upholds Commitment to Transparency", 9. September 2025 (pfizer.com); FactCheck.org, „Vaccine Advisory Committee Members Mislead About COVID-19 Vaccination During Pregnancy", Oktober 2025; Magnus et al., COVID-19 vaccination and congenital anomalies, Scotland cohort study, Nature Medicine 2023; Hanna et al., „Detection of Messenger RNA COVID-19 Vaccines in Human Breast Milk", JAMA Pediatrics, Dezember 2022; Landtag Brandenburg, Enquete-Kommission 8/1, öffentliche Sitzung vom 26. Juni 2026 (Mediathek Landtag Brandenburg).