Vor dem ersten Fall

Über zwanzig Jahre lang wurden in westlichen Ländern Pandemie-Szenarien geprobt — immer dieselben Akteure, immer ähnliche Maßnahmen. Was das SPARS-Dokument von 2017 vorwegnahm, was Event 201 im Oktober 2019 übte, und was Paul Schreyer in einer minutiösen Recherche dokumentiert hat.

Vor dem ersten Fall
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Bevor der erste Fall gemeldet wurde

Es gibt eine Frage, die selten gestellt wird, weil ihre Antwort unbequem ist: Woher wussten westliche Gesundheitsbehörden im Frühjahr 2020 so schnell, was zu tun war?

Lockdown. Kontaktnachverfolgung. Massenimpfung. Kommunikationskampagnen gegen "Fehlinformation". Koordination zwischen Regierungen und Medienplattformen. Das alles geschah nicht improvisiert. Es geschah in einer Geschwindigkeit, die nur durch vorherige Vorbereitung erklärbar ist.

Der Journalist und Buchautor Paul Schreyer hat diese Vorbereitung in einem Vortrag für die Initiative WIR — Wissen ist relevant — minutiös dokumentiert. Seine Recherche, auf der auch sein Buch Chronik einer angekündigten Krise basiert, zeigt: Über mehr als zwanzig Jahre wurden in westlichen Ländern Pandemie-Szenarien geprobt — mit immer denselben Akteuren, immer ähnlichen Szenarien, und einem Maßnahmenkatalog, der sich später in der realen Pandemiepolitik fast wörtlich wiederfand.

Die Übungsreihe — öffentlich zugänglich, kaum beachtet

Alle folgenden Dokumente sind entweder auf Behördenwebsites abrufbar oder durch Schreyers Recherche belegt. Nichts davon ist Verschwörungstheorie — es sind öffentliche Regierungsübungen.

Dark Winter (2001) — USA. Szenario: Bioterror-Pockenangriff auf amerikanische Städte. Bereits damals tauchte in den Drehbüchern die Frage auf, die Schreyer zitiert: "Der Anblick von bewaffneter Militärpräsenz in amerikanischen Städten provoziert Proteste gegen die Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten. Die Frage ist, wie und in welchem Maße wir diese Dinge durchsetzen. Wie viel Gewalt wendet man an, um die Menschen in ihren Häusern zu halten?"

Das war 2001.

Atlantic Storm (2003 und 2005) — USA und Europa. Erstmals internationale Koordination. Szenario: Influenza-Pandemie. Beteiligt: hochrangige Regierungsvertreter, bekannte Journalisten.

Clade X (2018) — Johns Hopkins Center for Health Security. Szenario: Coronavirus-ähnlicher Erreger, keine Impfstoffe verfügbar. Fazit der Übung: Westliche Gesellschaften sind nicht vorbereitet.

Crimson Contagion (Januar bis August 2019) — US-Gesundheitsministerium (HHS). Monatelange Übung. Szenario: Influenza-Pandemie aus China, zwölf US-Bundesstaaten betroffen. Ergebnis laut internem Bericht: Das US-Gesundheitssystem ist strukturell unzureichend für eine Pandemie. Zuständig für die Übungsauswertung: Robert Kadlec, der später in der frühen Covid-Response eine zentrale Rolle spielte.

Das SPARS-Dokument: Was 2017 geprobt wurde

Weniger bekannt als Event 201, aber in seiner Präzision noch bemerkenswerter: Das SPARS Pandemic Scenario 2025–2028, veröffentlicht im Oktober 2017 vom Johns Hopkins Center for Health Security.

Das Dokument ist kein Geheimnis. Es liegt als PDF auf der Website des Centers. Es trägt den offiziellen Untertitel: "A Futuristic Scenario for Public Health Risk Communicators" — ein Szenario für Risikokommunikatoren im öffentlichen Gesundheitswesen.

Was darin geprobt wurde:

Ein neuartiges Coronavirus bricht aus. Impfstoffe werden im Eilverfahren entwickelt. In der Bevölkerung entsteht Widerstand gegen die Impfung. Auf sozialen Netzwerken — im Szenario "ZapQ" genannt, mit auffälliger Ähnlichkeit zu späteren Telegram-Kanälen — vernetzen sich Kritiker. Behörden simulieren, wie sie mit dieser Kritik kommunizieren, wie sie Vertrauen aufbauen und wie sie auf Nebenwirkungsberichte reagieren sollen.

Das Szenario endet damit, dass Politiker zurücktreten und sich öffentlich entschuldigen — weil der Impfstoff Langzeitschäden verursachte, die nicht vorhergesehen wurden. Es ist explizit als Übung für den Umgang mit Kommunikationsdilemmas konzipiert: Wie erklärt man der Öffentlichkeit, dass ein schnell entwickelter Impfstoff Risiken hatte, die man kannte, aber minimierte?

Die Jewish Voice schrieb 2021, die Ähnlichkeiten mit der COVID-19-Pandemie seien "interessant und unheimlich". Das Dokument existierte seit 2017. Es war öffentlich. Niemand hat es prominent berichtet.

Event 201: Der 18. Oktober 2019

Sieben Wochen vor den ersten gemeldeten Covid-Fällen in Wuhan fand in New York City eine Übung statt, die heute als die bekannteste der ganzen Reihe gilt: Event 201.

Veranstalter: Johns Hopkins Center for Health Security, World Economic Forum, Bill & Melinda Gates Foundation.

Szenario: Ein neuartiges Coronavirus breitet sich aus China aus. Die Wirtschaft bricht ein. Regierungen und Medienunternehmen koordinieren ihre Kommunikation, um "Fehlinformationen" zu bekämpfen. Soziale Medien werden in die Pandemiestrategie einbezogen.

Alles ist dokumentiert — die Übung ist auf der Website des Johns Hopkins Centers archiviert, inklusive Video-Mitschnitt.

Die Teilnehmer von Event 201 umfassten neben Regierungsvertretern und WHO-Funktionären auch Vorstandsmitglieder von Johnson & Johnson, einem der späteren Impfstoffhersteller, sowie leitende Personen aus dem Medien- und Bankensektor.

Die Gates Foundation finanzierte CEPI, die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, bereits seit deren Gründung 2017 in Davos — jene Organisation, die später Moderna und AstraZeneca förderte.

Die EU-Übung, die durch eine parlamentarische Anfrage ans Licht kam

In Deutschland und Österreich kaum bekannt: Im Februar 2019 führte die EU-Kommission gemeinsam mit dem ECDC (Europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten) eine Pandemieübung namens "Blue Orchid" durch. Das Ziel laut offizieller Antwort der EU-Kommission auf eine parlamentarische Anfrage des österreichischen FPÖ-Abgeordneten Gerald Hauser: "die nationalen Ansätze bei der Planung, Umsetzung und Bewertung von Bereitschaftsplänen für Influenzapandemien zu koordinieren."

Diese Übung existierte. Sie wurde nie groß kommuniziert. Sie wurde erst durch die parlamentarische Anfrage öffentlich bekannt.

Was die Übungsreihe zeigt — und was sie nicht beweist

Hier ist die entscheidende Unterscheidung, die RE immer macht: Dokumentierte Tatsache ist nicht dasselbe wie bewiesene Absicht.

Was belegt ist: Dieselben Institutionen — Johns Hopkins Center for Health Security, Bill & Melinda Gates Foundation, WHO, WEF — organisieren seit mehr als zwanzig Jahren Pandemieübungen mit immer ähnlichen Szenarien. Die Maßnahmen, die in diesen Übungen erprobt wurden, wurden in der realen Pandemie umgesetzt. Die Kommunikationsstrategien, die in SPARS 2017 geübt wurden, ähneln dem, was 2020 bis 2022 zu beobachten war.

Was das bedeutet, ist eine legitime Frage. Es bedeutet mindestens: Diese Institutionen hatten Pläne, Protokolle und Netzwerke, die 2020 aktiviert werden konnten. Das ist kein Beweis für eine gesteuerte Pandemie — es ist ein Beweis dafür, dass die Reaktion nicht spontan war.

Die unbeantwortete Frage, die Schreyer in seinem Vortrag stellt und die bis heute keine offizielle Antwort erhalten hat: Wenn zwanzig Jahre lang geübt wurde — warum verlief die reale Pandemie dann so chaotisch und inkonsistent? Und warum wurden in denselben Übungen Fragen gestellt wie "wie viel Gewalt wendet man an, um die Menschen in ihren Häusern zu halten" — nicht als Warnung, sondern als Planungsparameter?

Paul Schreyer: Pandemie-Planspiele – Vorbereitung einer neuen Ära?

Die Kontinuität danach

Die Übungsreihe endete nicht mit der Pandemie. Im Oktober 2022 fand in Brüssel unter dem Titel "Catastrophic Contagion" die nächste Übung statt — erneut mit Johns Hopkins, WHO und der Gates Foundation. Diesmal: ein hochansteckendes Virus mit massiver Kindersterblichkeit.

Die Welt des öffentlichen Gesundheitswesens probt weiter. Die Bühne wird ausgebaut. Wann das nächste Stück beginnt, und ob die Bevölkerung diesmal in der Lage ist, die Probe von der Premiere zu unterscheiden — das ist eine Frage, die man sich stellen darf. Und sollte.

Was jeder Bürger tun kann

Paul Schreyers Vortrag ist auf YouTube und beim WIR-Podcast frei zugänglich. Sein Buch Chronik einer angekündigten Krise dokumentiert die Übungsreihe mit Quellenbelegen. Das SPARS-Dokument liegt als PDF auf der Website des Johns Hopkins Center for Health Security. Event 201 ist vollständig archiviert und abrufbar.

Das ist keine Geheimrecherche. Es sind öffentliche Dokumente, die öffentlich zugänglich sind — und die dennoch kaum jemand gelesen hat.

Wer sie liest, stellt danach andere Fragen. Das ist der Anfang von dem, was Demokratie braucht: nicht Empörung, sondern Aufmerksamkeit.

Quellen

SPARS Pandemic Scenario 2025–2028 (PDF, Johns Hopkins Center for Health Security, 2017)

Event 201 Pandemic Tabletop Exercise (Johns Hopkins Center for Health Security, Oktober 2019)

Rockefeller Foundation: Lockstep-Szenario 2010 (annotierte Fassung, Internet Archive)