Wer übrig blieb
Zwölf von siebzehn STIKO-Mitgliedern mussten 2024 gehen. Wer blieb, sitzt heute als Sachverständiger in der Enquete-Kommission.
Wer übrig blieb
Zwei Teile dieser Serie haben gezeigt, wie zwei Institutionen reagierten, als ihre eigentliche Aufgabe gefragt gewesen wäre: Das IQWiG entschied sich bewusst, leise zu bleiben. Das Cochrane-Umfeld blieb laut — und wurde überhört. Dieser dritte Teil schaut auf eine dritte Institution, bei der beides gleichzeitig geschah: Sie wurde nicht überhört. Sie wurde ausgetauscht.
Damals: Der Umbau
Im Februar 2024 berief das Bundesgesundheitsministerium die Ständige Impfkommission praktisch komplett neu. Von siebzehn bisherigen Mitgliedern blieben fünf übrig: Jörg Meerpohl, Marianne Röbl-Mathieu, Klaus Überla, Gudrun Widders und Ursula Wiedermann-Schmidt. Zwölf mussten gehen — darunter der langjährige Vorsitzende Thomas Mertens, der sich 2022 öffentlich gegen Lauterbachs Forderung nach einer vierten Corona-Impfung für junge Menschen ausgesprochen hatte.
Offiziell begründet wurde der Umbau mit einer neuen, an WHO-Empfehlungen angelehnten Begrenzung der Amtszeit auf drei Berufungsperioden. Ein ausgeschiedenes Mitglied widersprach dieser Lesart öffentlich und scharf: Gerd Antes — derselbe Mann, der in den vorherigen Teilen dieser Serie seit 2020 methodische Kritik vorträgt — wurde mit der Einschätzung zitiert, der massive Eingriff dränge den Eindruck auf, dass die STIKO in ihrer Unabhängigkeit beschnitten werden solle, um sie von einer unabhängigen wissenschaftlichen Beratung zu einem Bestätigungs- und Beifallsinstrument der Verlautbarungen des Gesundheitsministers umzumodeln.
Damit schließt sich ein Kreis zu Teil 2: Antes hatte bereits im offenen Brief von 2023 gefordert, Interessenkonflikte von Beratern zu minimieren und fachlich fundierte Kritik in jede Aufarbeitung einzubinden. Ein Jahr später erlebte er am eigenen Gremium das Gegenteil.
Der Kontrast: Wer radikal wurde, wer methodisch blieb
Aus demselben fachlichen Umfeld — der evidenzbasierten Medizin, dem Cochrane-Netzwerk — kam noch eine zweite Figur, deren Geschichte den Unterschied zwischen Antes' Weg und einem anderen möglichen Weg deutlich macht. Andreas Sönnichsen, Professor für Allgemeinmedizin an der MedUni Wien, gehörte 2020 zu den Unterzeichnern und nach eigenen Angaben zum Vorstand des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, als dieses seine erste Stellungnahme veröffentlichte.
Sönnichsens öffentlicher Weg verlief jedoch anders als der von Antes. Er stellte wiederholt belegt falsche Behauptungen auf — etwa, dass auf Intensivstationen überwiegend Geimpfte gelegen hätten — und trat öffentlich mit der österreichischen Partei MFG auf. Im Dezember 2021 wurde er von der MedUni Wien entlassen; die Universität begründete dies offiziell mit der Nichteinhaltung hausinterner Corona-Vorgaben, nicht mit seinen Aussagen selbst, betonte aber zugleich, dass für diese weiterhin die Freiheit der Wissenschaft gelte.
Zwei Wissenschaftler aus demselben methodischen Elternhaus, zur gleichen Zeit am gleichen Ausgangspunkt — und zwei sehr unterschiedliche Wege. Der eine blieb beim nachprüfbaren methodischen Einwand und wird bis heute als Sachverständiger eingeladen. Der andere driftete in unbelegte Zuspitzung und wurde entlassen. Diese Serie verzichtet bewusst darauf, Sönnichsens konkrete Behauptungen weiterzuverbreiten — der Kontrast selbst ist die Lehre.
Heute: Wer blieb, sitzt jetzt am Tisch
Klaus Überla, einer der fünf Überlebenden des STIKO-Umbaus von 2024, trat am 26. Juni 2026 vor der Enquete-Kommission Brandenburg auf — als Sachverständiger zur Verteidigung von Impfstrategie und Impfkampagne der Pandemiejahre. Sechs Jahre zuvor, im Dezember 2020, hatte er sich in der FAZ bereits klar positioniert: Sobald ein Großteil der Hochrisikopatienten geimpft sei, müsse die Politik entscheiden, ob einschneidende Kontaktbeschränkungen noch zu rechtfertigen seien — denn dann habe man einen Großteil der vulnerablen Gruppe geschützt.
Das ist an sich eine nachvollziehbare fachliche Position. Bemerkenswert ist nicht die Aussage selbst, sondern die Konstellation: Wer eine frühe, klare Haltung zur Impfstrategie vertrat und dem Ministerium nie öffentlich widersprach, gehört zu den fünf von siebzehn, die den Umbau überlebten. Wer widersprach — wie Mertens beim Thema Viertimpfung für junge Menschen — musste gehen. Wer seit Jahren denselben methodischen Einwand wiederholt, wie Antes, wird zwar weiter zu Anhörungen eingeladen, beschreibt die Atmosphäre dort aber selbst als Lagerbildung, in der die eine Seite zuhört und die andere abschaltet.
Die offene Frage
Niemand muss daraus den Schluss ziehen, dass Überlas fachliche Position falsch war oder dass seine Berufung in die Enquete-Kommission unrechtmäßig wäre. Die Frage, die am Ende dieser drei Teile bleibt, ist eine andere: Wenn das Institut, das hätte evaluieren sollen, sich bewusst für Zurückhaltung entschied; wenn die Stimme, die seit fünf Jahren methodisch nachprüfbar widersprach, in der eigenen Fachkommission ausgetauscht wurde; und wenn von denen, die jetzt als Sachverständige zur Aufarbeitung eingeladen werden, überproportional viele zu denen gehören, die nie widersprochen haben — wie unabhängig kann eine solche Aufarbeitung überhaupt sein?
Das ist keine Anklage gegen einzelne Personen. Es ist eine Einladung, bei der nächsten Enquete-Sitzung genauer hinzuschauen, wer eingeladen wurde — und wer nicht mehr da ist, um etwas zu sagen.
Quellen: Bundesgesundheitsministerium: Pressemitteilung zur Neuberufung der STIKO, 12.02.2024 Berliner Zeitung, Pharmazeutische Zeitung, Epoch Times: Berichterstattung zum STIKO-Umbau, Februar 2024 (mit Zitat Gerd Antes) Wikipedia: Andreas Sönnichsen (Stand 13.12.2025, mit Quellenverweis auf EbM-Netzwerk-Stellungnahme 2020) profil.at, ORF Wien, Vienna.at, oe24.at: Berichterstattung zur Kündigung Sönnichsens, Dezember 2021 FAZ-Zitat Klaus Überla, 27.12.2020, sowie Sitzungsmitschrift Enquete-Kommission Brandenburg, 26.06.2026