Wer zählt, wenn gezählt wird
Zwei Aussagen derselben Behörde zur Übersterblichkeit — und was der Fachbegriff "mortality displacement" damit zu tun hat.
Im Dezember 2021 trat der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes vor die Presse und sagte etwas, das zunächst wie eine Selbstverständlichkeit klang: Die Zahl der Sterbefälle in Deutschland sei nicht allein durch die Alterung der Bevölkerung erklärbar, sondern maßgeblich durch die Pandemie beeinflusst.1
Gut ein Jahr später veröffentlichte dieselbe Behörde eine Studie – ausgezeichnet mit dem hauseigenen Corona-Sonderpreis –, die zu einem anderen Schluss kam: Rechnet man das Alter der Bevölkerung sauber heraus, lässt sich der Anstieg der Sterbezahlen in den Jahren 2020 und 2021 größtenteils durch die alternde Bevölkerung erklären.2
Zwei Aussagen. Eine Behörde. Ein Widerspruch, der nicht laut verkündet wurde, sondern sich leise in Fachpublikationen versteckt hat.
Damals: "Maßgeblich durch die Pandemie"
Die Pressekonferenz vom 9. Dezember 2021 war deutlich in ihrer Botschaft. Destatis präsentierte Zahlen zur Übersterblichkeit und ordnete sie ein: Der Anstieg sei kein statistisches Artefakt einer älter werdenden Gesellschaft, sondern gehe maßgeblich auf die Pandemie zurück.1 Diese Einordnung ging um die Welt – zu Recht, denn zu diesem Zeitpunkt lagen die wöchentlichen Sterbefallzahlen streckenweise 17 bis 25 Prozent über dem Vier-Jahres-Mittel.3
Was in der Pressemitteilung mitschwang, aber seltener zitiert wurde: Ein erheblicher Teil der zusätzlichen Sterbefälle ließ sich damals gar nicht direkt den gemeldeten COVID-19-Toden zuordnen. Im Oktober 2021 erklärten die beim RKI gemeldeten COVID-Todesfälle nur etwa ein Drittel der beobachteten Übersterblichkeit.3 Die Behörde selbst nannte mögliche Gründe: eine Dunkelziffer nicht erkannter COVID-Fälle – oder ein Effekt namens "mortality displacement", also die zeitliche Verschiebung von Sterbefällen infolge einer ausgefallenen Grippewelle.3
Dieser zweite Punkt verdient einen eigenen Blick.
Der Winter, der nicht stattfand
Die Grippesaison 2020/2021 fiel praktisch aus. Eine direkte Folge der Kontaktbeschränkungen, aber mit einer Nebenwirkung, die Destatis selbst dokumentiert: Im Februar und März 2021 lagen die gesamten Sterbefallzahlen unter dem Vergleichswert der Vorjahre – trotz gleichzeitig zirkulierender COVID-19-Fälle.4 Die Erklärung der Behörde dafür ist bemerkenswert offen: Wer durch eine schwere Welle (ob Grippe oder COVID) ohnehin gestorben wäre, kann in der folgenden Saison nicht noch einmal sterben. Der Fachbegriff dafür, "mortality displacement", stammt nicht von Kritikern der Maßnahmen, sondern aus der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages, die sich direkt auf Destatis-Erkenntnisse bezieht.4
Man kann sich das wie ein Sparkonto vorstellen, von dem in einem Monat ungewöhnlich viel abgehoben wird: Im nächsten Monat ist zwangsläufig weniger übrig, was abgehoben werden kann – unabhängig davon, ob neues Geld eingezahlt wurde oder nicht.
Wer stirbt, wenn gestorben wird
Hier kommt die Altersfrage ins Spiel, die auch bei der jährlichen Grippewelle nie anders war. Von den Menschen, die 2020 in Deutschland an COVID-19 als Grundleiden verstarben, waren 70 Prozent 80 Jahre oder älter – mit vielfältigen Vorerkrankungen, allen voran Bluthochdruck, Demenz, Niereninsuffizienz und Diabetes.5 Auf EU-Ebene machte die Altersgruppe 70 Jahre und älter im Vier-Jahres-Durchschnitt vor der Pandemie (2016–2019) bereits 76 Prozent aller Todesfälle aus – 2020 waren es 78 Prozent.6 Die Verschiebung ist real, aber sie ist klein.
Genau diese Zahlen lassen sich für jeden selbst nachvollziehen und nach Altersgruppen aufschlüsseln: Destatis führt eine laufend aktualisierte Sonderauswertung der Sterbefallzahlen, Eurostat ergänzt sie um den EU-weiten Vergleich nach Kalenderwoche und Altersgruppe.3 Wer selbst nachrechnen möchte, muss keiner Institution vertrauen – die Rohdaten sind offen.
Das Muster
Die eigentliche Geschichte ist nicht, dass eine Zahl falsch war. Beide Destatis-Aussagen sind, für sich genommen, methodisch vertretbar – sie beantworten nur unterschiedliche Fragen mit unterschiedlicher Alters-Adjustierung. Das Muster ist ein anderes: Die dramatischere, weniger nuancierte Einordnung stand im Dezember 2021 auf jeder Titelseite. Die vorsichtigere, altersadjustierte Studie von 2023 – die die eigene frühere Zuspitzung relativiert – erhielt einen Fachpreis und blieb weitgehend unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit.
Das ist keine Verschwörung. Es ist die ganz normale Physik der Nachrichtenlage: Zuspitzung reist schnell, Präzisierung reist langsam. Wer heute zurückblickt, sollte beide Sätze der gleichen Behörde kennen – nicht nur den ersten.
Hoffnung
Was in dieser Geschichte tatsächlich ermutigt: Es war dieselbe Behörde, die ihre eigene frühere Zuspitzung später selbst eingeordnet und mit einem Preis für genau die Forschung ausgezeichnet hat, die sie relativiert. Das ist ein Zeichen von institutioneller Selbstkorrekturfähigkeit – etwas, das man in hitzigen Debatten leicht übersieht. Auch der Bundestag selbst hat den Begriff "mortality displacement" ganz offiziell in seine wissenschaftlichen Dienste aufgenommen, um ihn erklären zu können.4
Transparenz gewinnt am Ende nicht, weil sie laut ist, sondern weil die Daten offen bleiben und jeder sie überprüfen kann. Genau das ist bei Destatis und Eurostat der Fall – und genau darin liegt die eigentliche gute Nachricht: Man muss niemandem auf Zuruf glauben. Man kann nachrechnen.
Quellen:
- Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 9. Dezember 2021 zur Übersterblichkeit in Deutschland während der Corona-Pandemie, mit Zitat des Vizepräsidenten Christoph Unger. ↩↩
- Kauermann, Göran / De Nicola, Giacomo: "Übersterblichkeit durch Corona?", WISTA – Wirtschaft und Statistik, Ausgabe 1/2023, Statistisches Bundesamt (mit Corona-Sonderpreis des Amtes ausgezeichnet). ↩
- Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, Ausarbeitung WD 9 – 3000 – 010/22, mit Bezug auf Destatis-Erkenntnisse zur Übersterblichkeit im Jahresverlauf 2021/2022. ↩↩↩↩
- Statistisches Bundesamt: "Auswertung der unterjährigen Sterbefallzahlen seit 2020", laufend aktualisierte Themenseite mit monatlicher Einordnung und Erläuterung des Effekts der zeitlichen Sterbefallverschiebung. ↩↩↩
- Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 9. Dezember 2021, Todesursachenstatistik 2020, Altersverteilung der an COVID-19 Verstorbenen. ↩
- Eurostat/Europäische Kommission, Pressebriefing vom 19. Oktober 2020 zur Übersterblichkeit in der EU, Altersgruppenverteilung 2016–2019 vs. 2020. ↩