Zweimal Wieler
Derselbe RKI-Präsident, zwei Zeitpunkte: einmal durfte er offen über die Sterblichkeit sprechen, einmal musste er warten. Teil der Serie „Zweierlei Maß".
Wie derselbe RKI-Präsident einmal ehrlich sein durfte — und einmal warten musste
Teil der Serie „Zweierlei Maß". Anschluss an „0,2 bis zehnmal" (Fauci/Drosten, Februar–März 2020).
Am 13. Februar 2020 sagt der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, auf einem Pressebriefing des Science Media Center einen Satz, der so unspektakulär klingt, dass er kaum Schlagzeilen macht: Die Sterblichkeit des neuen Coronavirus liege bei etwa 0,2 Prozent — vergleichbar mit den Grippepandemien von 1957 und 1968. Christian Drosten bestätigt die Zahl im selben Atemzug.
Fünf Tage zuvor, am 8. Februar 2020, hatte Anthony Fauci in seinem privaten Arbeitstagebuch fast wortgleich notiert: 0,2 bis 0,3 Prozent, abgestimmt mit dem früheren CDC-Chef Tom Frieden — nicht öffentlich, sondern für sich selbst festgehalten.1
Zwei Länder, eine Kalenderwoche, dieselbe vorsichtige Zahl. Der Unterschied: Wieler durfte sie sagen. Öffentlich, auf einem Pressebriefing, mit Namen.
Zwei Jahre später wollte er das noch einmal tun. Diesmal ging es nicht mehr darum, wie gefährlich das Virus in absoluten Zahlen war — sondern darum, ob eine mildere Realität überhaupt kommuniziert werden durfte.
Der 3. Februar 2022, 4:28 Uhr
Anfang 2022 hatte sich die Datenlage geändert: Omikron verursachte nach RKI-Einschätzung deutlich mildere Verläufe als die Delta-Variante zuvor. Wieler wollte die offizielle Risikobewertung von „sehr hoch" auf „hoch" herabstufen — eine rein fachliche Einschätzung, gestützt auf die eigene Datenlage des Instituts.
Am frühen Morgen des 3. Februar 2022 informierte er Gesundheitsminister Karl Lauterbach per E-Mail über die geplante Herabstufung.2 Lauterbachs Antwort: Eine Herabstufung sei „problematisch" — sie widerspreche den weiterhin hohen Fallzahlen und könnte vor der bevorstehenden Ministerpräsidentenkonferenz am 16. Februar 2022 „das falsche Signal" senden.3
Die Herabstufung kam nicht. Wochenlang nicht. Ein RKI-Protokoll vom 23. Februar 2022 vermerkt lapidar: „Kein Konsens zur Veröffentlichung."4 Erst am 5. Mai 2022 — fast drei Monate später — stimmte das Ministerium der Herabstufung zu. Ohne öffentliche Ankündigung.5
Aufgedeckt wurde der Vorgang erst im November 2024, durch eine gemeinsame Recherche von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung anhand des internen Mailverkehrs.5
Zwei Situationen, zwei Antworten
2020 stand ein Institutspräsident vor einer Öffentlichkeit, die noch nichts wusste, und durfte die ehrliche Unsicherheit benennen — auch wenn die Zahl später nach oben korrigiert werden musste, als sich die Lage änderte. Niemand hat ihm das damals zum Vorwurf gemacht; Vorsicht unter Ungewissheit ist normale Wissenschaft.
2022 stand derselbe Präsident vor einer Öffentlichkeit, die längst wusste, dass es Omikron gab, und wollte eine gute Nachricht — mildere Verläufe — fachlich sauber einordnen. Diesmal war die Unsicherheit nicht das Problem. Das Problem war der Kalender: eine Ministerpräsidentenkonferenz, vor der eine Entwarnung politisch unbequem war.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Episoden. 2020 durfte Wissenschaft ihre eigene Unsicherheit noch öffentlich zeigen. 2022 musste eine fachlich begründete, nach innen bereits abgestimmte Einschätzung drei Monate auf ein politisch passenderes Datum warten — und wurde dann ohne Ankündigung veröffentlicht, statt mit der Sichtbarkeit, die eine Herabstufung eigentlich verdient hätte.
Was die Gegenseite zu Recht einwendet
Fairerweise: Lauterbachs Argument war nicht aus der Luft gegriffen. Im Februar 2022 starben in Deutschland noch täglich mehrere hundert Menschen an oder mit Corona. Eine öffentliche Risikoherabstufung mitten in dieser Phase konnte tatsächlich missverständlich wirken — als „Entwarnung", die nicht jeder differenziert liest. Lauterbach selbst verteidigte sich später mit genau diesem Argument: „Eine Krankheit, an der pro Tag 200 bis 300 Menschen sterben, da kann ich nicht sagen, dass das Risiko nicht sehr hoch ist."6 Das ist ein legitimer politischer Zielkonflikt zwischen fachlicher Präzision und öffentlicher Kommunikationswirkung, kein Beweis für böse Absicht.
Was bleibt, ist trotzdem bemerkenswert: nicht die Verzögerung allein, sondern dass sie erst durch Recherche sichtbar wurde — nicht durch eine Erklärung des Ministeriums selbst.
Der Bogen
Die Fauci-Wieler-Parallele vom Februar 2020 zeigt zwei Institutionen, die unter Unsicherheit ehrlich blieben. Die Wieler-Lauterbach-Mails vom Februar 2022 zeigen dieselbe Institution zwei Jahre später, als die Unsicherheit längst kleiner geworden war — und trotzdem die Kommunikation nicht dem Institut, sondern dem politischen Kalender folgte.
Das ist keine Geschichte über einen bösen Minister oder einen mutigen Institutspräsidenten. Es ist eine Geschichte darüber, dass wissenschaftliche Institutionen ihre Unabhängigkeit nicht einmal gewinnen und dann behalten — sie müssen sie in jeder einzelnen Situation neu behaupten. 2020 gelang das. 2022 nicht vollständig.
Die Hoffnung liegt nicht darin, dass so etwas nie wieder vorkommt. Sie liegt darin, dass es diesmal überhaupt ans Licht kam — durch Mails, die aufbewahrt, angefragt und ausgewertet wurden. Genau dieser Mechanismus, nicht das Misstrauen an sich, ist es wert, gestärkt zu werden.
Quellen
- Fauci-Tagebuch („Tony's Diary Package"), veröffentlicht durch Senator Rand Paul, Juli 2026, Eintrag 8. Februar 2020; Science Media Center Press Briefing, 13.02.2020: https://media.sciencemediacenter.de/_legacy/user_upload/Press_Briefing_Zubehoer/Transkript_Coronavirus_PressBriefing_13022020.pdf ↩
- Markus Grill, „Corona-Politik: Eine Frage des Risikos", tagesschau.de (WDR/NDR), 27.11.2024, 17:00 Uhr: https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/corona-massnahmen-lauterbach-wieler-100.html (zusätzlich bestätigt durch ORF.at, 27.11.2024: https://orf.at/stories/3377285/) ↩
- ebd., Zitat Lauterbach: „Die Herabstufung der Risikobewertung halte ich für problematisch" ↩
- RKI-Krisenstab-Protokoll, Eintrag 23.02.2022: „Kein Konsens zur Veröffentlichung, wird zwischen Präsident und Minister am 24.2. besprochen. Voraussichtliche Veröffentlichung auf RKI Website am 25.2.2022."; zitiert nach Markus Grill, tagesschau.de, 27.11.2024 (s. Quelle 2) ↩
- WDR/NDR/Süddeutsche Zeitung, wie oben; Zustimmung zur Herabstufung am 05.05.2022 ohne öffentliche Ankündigung ↩↩
- Karl Lauterbach, zitiert nach Markus Grill, tagesschau.de, 27.11.2024 (s. Quelle 2) ↩