220 Millionen. Keine Daten. Kriegen wir hin.
220 Millionen Euro, 27 Unternehmen und kein belegter Nutzen: Was die Verantwortlichen schon im Sommer 2020 über die Corona-Warn-App wussten.
220 Millionen Euro. SAP. Telekom. 25 weitere Unternehmen. Und kein einziger Datenpunkt, der belegt, dass sie irgendetwas bewirkt hat.
Die Corona-Warn-App war das Prestigeprojekt der deutschen Pandemiepolitik. Entwickelt im Auftrag des Robert Koch-Instituts, vermarktet wie ein iPhone-Launch, empfohlen von Bundeskanzlerin bis Talkshow-Gast. Sie sollte Infektionsketten unterbrechen, Kontakte nachverfolgen, das Virus einholen.
Was sie wirklich konnte, wussten die Verantwortlichen schon im Sommer 2020. Sie schwiegen nicht aus Unwissenheit. Sie schwiegen aus Kalkül.
Ein Gespräch, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war
10. Juli 2020. Der Bayerische Rundfunk bereitet sich auf eine Interviewsituation vor. Die Moderatorin Ursula Heller spricht hinter den Kulissen mit der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml — bevor die Kameras laufen, bevor das Interview beginnt, das die Bürger später sehen werden.
Das Thema: die Corona-Warn-App. Und das Problem: Es gibt keine Zahlen.
Die Ministerin erklärt der Moderatorin, dass sie „in dem Sinne keine Zahlen" habe, weil die App freiwillig sei. Die Zahlen des Bundes kenne sie nicht.
Ein klarer Fall für ehrliche Kommunikation: Wir haben keine belastbaren Daten. Punkt.
Stattdessen entwickelt sich das Gespräch in eine andere Richtung. Die Moderatorin — nicht die Politikerin, die Journalistin — macht einen Vorschlag: Die Ministerin könne sich „irgendwie rausreden und sagen, das ist auf jeden Fall segensreich und hilfreich."
Die Ministerin lächelt: „Kriegen wir hin."
„Klasse, wunderbar!", freut sich Ursula Heller.
Und dann läuft die Kamera. Das Interview beginnt. Die Ministerin erklärt dem Publikum des Bayerischen Rundfunks, dass die Warn-App „insgesamt natürlich" helfe, „das Ausbruchsgeschehen ein Stückweit mehr zu erkennen."
Eine Aussage ohne Datengrundlage. Abgesprochen. Im Wortlaut geprobt.
Dieses Video existiert. Es wurde geleakt. Es ist keine Behauptung, kein Verdacht, kein Vorwurf — es ist ein Mitschnitt.
Was die App kostete — und was sie brachte
220 Millionen Euro. Das ist die offiziell bestätigte Summe, die der Bund für Entwicklung und Betrieb der Corona-Warn-App aufgewendet hat. Bezahlt von deutschen Steuerzahlern. Herausgeber: das Robert Koch-Institut. Entwickler: SAP und Deutsche Telekom, unterstützt von rund 25 weiteren Unternehmen.
Seit dem 1. Juni 2023 ist die App im Ruhemodus. Sie wird nicht mehr weiterentwickelt.
Eine unabhängige, peer-reviewte Studie, die eine kausale Wirkung auf das Infektionsgeschehen belegt — sie existiert bis heute nicht. Was existiert: Der Auftrag, das Projekt öffentlich gut aussehen zu lassen.
Das Muster hinter dem Einzelfall
Der BR-Leak ist nicht der einzige Moment, in dem öffentlich-rechtliche Berichterstattung und politisches Interesse ineinandergriffen. Er ist der Moment, der aufgezeichnet wurde.
Was das Video zeigt, ist keine böse Absicht im persönlichen Sinne. Es zeigt eine Routine. Eine eingespielte Logik, in der Journalisten und Politiker gemeinsam die Frage beantworten: Wie formulieren wir das, damit die Leute mitmachen?
Das ist das Gegenteil von Journalismus. Journalismus fragt: Was wissen wir wirklich? Was wissen wir nicht? Und was folgt daraus?
Stattdessen: „Können Sie sich irgendwie rausreden?"
„Kriegen wir hin."
Was das bedeutet
Eine App, für die 220 Millionen Euro öffentlicher Mittel ausgegeben wurden, wurde der Bevölkerung mit Aussagen beworben, von denen die Beteiligten wussten, dass sie keine Grundlage hatten.
Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Vertrauensproblem.
Wer die Corona-Warn-App damals installiert hat, tat es im Glauben, einen belegten Beitrag zur Eindämmung des Virus zu leisten. Dieser Glaube wurde aktiv erzeugt — durch ein Interview, dessen entscheidende Frage vorab so zugeschliffen wurde, dass keine unbequeme Antwort mehr möglich war.
Die gute Nachricht: Solche Gespräche enden nicht mehr unbedingt im Verborgenen.
Das Video existiert. Es ist dokumentiert. Und es ist eine Einladung, die Frage ernsthaft zu stellen: Wo sonst lief es so?
Einordnung
Die Corona-Warn-App war ein gescheitertes Projekt — nicht weil niemand hart dafür gearbeitet hätte, und nicht weil die Idee einer digitalen Kontaktnachverfolgung per se falsch gewesen wäre. Sie scheiterte, weil das System, das sie begleiten sollte — kritische Öffentlichkeit, ehrliche Kommunikation, transparente Datenbasis — nicht funktioniert hat.
220 Millionen Euro für eine App ohne Wirkungsnachweis wäre ein hartes Urteil.
220 Millionen Euro für eine App, die aktiv ohne Wirkungsnachweis beworben wurde, während die Verantwortlichen das wussten — das ist ein anderes Gespräch.
Dieses Gespräch beginnt jetzt.