Das Perpetuum Mobile (Teil 2): Die Wiege — gibt es noch eine Kontrollgruppe?
Eine Zahl, die beide Lager bestätigen, aber gegensätzlich deuten: Wie groß war die ungeimpfte Kontrollgruppe in Deutschlands größter Kindergesundheitsstudie wirklich?
Die Wiege: Gibt es überhaupt noch eine ungeimpfte Kontrollgruppe?
Bevor das Perpetuum Mobile bei der Bahre ankommt, beginnt es bei der Wiege. Die Frage, die diesen Teil der Serie trägt, klingt einfach: Gibt es in Deutschland überhaupt noch eine wissenschaftlich brauchbare Gruppe ungeimpfter Kinder, mit der man vergleichen könnte, ob der Impfplan insgesamt der Gesundheit nützt oder schadet? Die Antwort ist unbequemer, als beide Lager im Streit darüber zugeben: Es gibt eine solche Gruppe — aber sie ist zu klein, um irgendetwas verlässlich zu beweisen. Und genau das macht sie zum Politikum.
Damals: Die größte deutsche Kindergesundheitsstudie
Zwischen 2003 und 2006 führte das Robert-Koch-Institut (RKI) die KiGGS-Studie durch — bis heute die umfangreichste Erhebung zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, mit rund 18.000 zufällig ausgewählten Teilnehmenden und Hunderten von Gesundheitsdatenpunkten pro Kind.¹
Darin steckte, statistisch gesehen, auch eine Kontrollgruppe: Kinder, deren Eltern sich gegen jede Impfung entschieden hatten. Nur war diese Gruppe winzig. Sie machte gut ein Prozent der gesamten Stichprobe aus.² Bei einer Gesamtzahl von rund 18.000 Kindern bedeutet das: wenige Hundert komplett ungeimpfte Kinder, verteilt über alle Altersgruppen, Regionen und Diagnosen hinweg.
Das Muster: Eine Zahl, zwei Wahrheiten
Genau an dieser einen Zahl — gut ein Prozent — scheiden sich seit über zehn Jahren die Lager, und das ist der eigentlich lehrreiche Teil der Geschichte:
Eine impfkritische Auswertung der KiGGS-Rohdaten kam zu dem Ergebnis, geimpfte Kinder seien in mehreren Kategorien häufiger chronisch krank als ungeimpfte.³ Das RKI selbst zog aus denselben Daten den gegenteiligen Schluss: Bei häufigen Erkrankungen wie Mittelohrentzündung, grippalen Infekten oder Bronchitis zeige sich kein wesentlicher Unterschied zwischen geimpften und ungeimpften Kindern.⁴
Beide Seiten werfen sich seither Rechentricks und Voreingenommenheit vor. Dabei übersehen beide denselben methodischen Kern: Bei einer Kontrollgruppe von rund einem Prozent schlagen einzelne Ausreißer-Fälle statistisch übermäßig durch — egal, in welche Richtung man rechnet. Eine Gruppe dieser Größe kann fast jedes gewünschte Ergebnis liefern, wenn man sie nur passend aufbereitet. Das ist keine Frage von gutem oder bösem Willen, sondern von Stichprobengröße. Eine ehrliche Studie hätte diesen Umstand von Anfang an offen benennen müssen, statt daraus im Nachhinein Gewissheiten in beide Richtungen zu konstruieren.
Heute: Die Lücke ist geblieben
Seit KiGGS gab es keine vergleichbar große deutsche Studie, die gezielt und ausreichend groß angelegt eine ungeimpfte Kindergruppe erfasst hätte — weder für den allgemeinen Impfplan noch, mit Ausnahme einzelner Kohortenanalysen, für die Corona-Impfung im Kindesalter. Die Impfquote unter Kindern ist seit den 2000er-Jahren gestiegen, was die Vergleichsgruppe seither eher noch kleiner als größer gemacht haben dürfte.
Das ist die eigentliche Recherchefrage, die offenbleibt: Warum wurde in zwei Jahrzehnten keine ausreichend große, gezielt angelegte Vergleichsstudie in Auftrag gegeben — obwohl die KiGGS-Nachfolgewellen ohnehin liefen und eine gezielte Übererfassung ungeimpfter Familien technisch möglich gewesen wäre? Eine fehlende Studie ist kein Beweis für eine Vertuschung. Aber sie ist auch keine Randnotiz.
Hoffnung
Eine zu kleine Stichprobe ist kein Schicksal, sondern ein behebbares Datenproblem. Wer eine belastbare Antwort will, muss keine neuen Verdächtigungen in die Welt setzen — es reicht, eine ausreichend große, sauber angelegte Studie einzufordern. Das ist ein Anliegen, dem sich niemand redlicherweise verschließen kann, unabhängig vom eigenen Standpunkt zum Impfen selbst.
Fußnoten
- Die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts (2003–2006) erfasste rund 18.000 Kinder und Jugendliche mit umfangreichen Gesundheitsdaten und gilt als größte deutsche Studie ihrer Art.
- Der Anteil komplett ungeimpfter Kinder in der KiGGS-Stichprobe lag bei gut einem Prozent — eine Größenordnung, die sowohl von impfkritischer als auch von impfaufklärender Seite unabhängig bestätigt wird.
- Eine unabhängige Auswertung der KiGGS-Rohdaten durch eine impfkritische Informatikerin kam 2010/2011 zu dem Schluss, geimpfte Kinder seien in mehreren Kategorien häufiger chronisch krank.
- Das RKI erklärte auf Nachfrage einer Faktencheck-Redaktion, bei den untersuchten häufigen Erkrankungen zeige sich kein wesentlicher Unterschied zwischen geimpften und ungeimpften Kindern.