Das Perpetuum Mobile (Teil 3): Die Bahre — wenn Empfehlungen wachsen, aber niemand folgt

Zum Serienabschluss: Warum die Impfempfehlungen für Senioren jedes Jahr wachsen, während die tatsächlichen Impfquoten niedrig bleiben.

Doctor talking to patient in an office.
Foto: Vitaly Gariev / Unsplash

Die Bahre: Wenn Empfehlungen wachsen, aber niemand folgt

Diese Serie begann mit der Frage, warum fast die gesamte Ärzteschaft der Impfkampagne zustimmte — und endet dort, wo das Leben endet: bei den Senioren. Hier zeigt sich das Perpetuum Mobile in seiner überraschendsten Form. Denn anders als bei Kindern und Schulen ist der Mechanismus am Lebensende nicht Druck, sondern Ausweitung ohne Wirkung.

Damals: Eine kurze, klare Liste

Über Jahrzehnte kannte die Impfempfehlung für ältere Menschen in Deutschland wenige, klar abgegrenzte Positionen: die jährliche Grippeimpfung und die Pneumokokken-Impfung gegen Lungenentzündung. Überschaubar, seit Langem etabliert, ohne große jährliche Änderungen.

Heute: Die Liste wächst — jedes Jahr

Der Impfkalender 2026 der Ständigen Impfkommission (STIKO) zeigt eine deutliche Ausweitung.¹ Neu hinzugekommen ist die RSV-Impfung: als Standardimpfung ab 75 Jahren, als Indikationsimpfung bereits ab 60 bei relevanten Grunderkrankungen oder für Bewohner von Pflegeeinrichtungen.² Bei der Herpes-Zoster-Impfung (Gürtelrose) wurde die Empfehlung deutlich ausgeweitet: Neben der Standardimpfung ab 60 Jahren gilt sie nun als Indikationsimpfung bereits ab 18 Jahren bei erhöhtem gesundheitlichem Risiko.³ Dazu kommen weiterhin die jährliche Grippeimpfung mit Hochdosis- oder adjuvantiertem Impfstoff sowie die Pneumokokken-Impfung.⁴

Jedes Jahr wird die Liste länger. Das ist, für sich genommen, keine Verschwörung — die STIKO begründet die Erweiterungen mit neuer Evidenz zur Krankheitslast im Alter, etwa zu RSV-bedingten Krankenhauseinweisungen.⁵

Die Zahlen: Wachsende Empfehlung, schwache Umsetzung

Hier liegt die eigentliche Pointe dieses Kapitels — und sie widerspricht der Erzählung von wachsendem Druck. Bei der Nationalen Impfkonferenz 2026 wurden die tatsächlichen Impfquoten älterer Menschen vorgestellt, und sie sind niedrig: Influenza rund 34 Prozent, die saisonale COVID-19-Auffrischung 2024 nur rund 14 Prozent. Auch die Quoten gegen Pneumokokken und Herpes Zoster wurden als unzureichend eingestuft.⁶

Als Gründe wurden nicht Aufklärungsmangel oder Impfskepsis in den Vordergrund gestellt, sondern strukturelle und biologische Faktoren: Immunoseneszenz — das mit dem Alter nachlassende Immunsystem —, Multimorbidität, Polypharmazie und Institutionalisierung. Diese Faktoren können die Impfantwort selbst schwächen, das Risiko schwerer Verläufe erhöhen und zugleich die praktische Organisation von Impfungen erschweren, besonders in Pflegeeinrichtungen.⁷ Das ist ein bemerkenswert ehrlicher Befund direkt aus der Fachwelt: Ausgerechnet die Gruppe, für die am meisten empfohlen wird, profitiert biologisch am wenigsten sicher davon — und lässt sich trotzdem am seltensten tatsächlich impfen.

Das Muster: Ein viertes Zahnrad

Die ersten drei Teile dieser Serie zeigten Zahnräder des Drucks: wirtschaftliche Anreize für Ärzte, ein Gesetz mit Sanktionsapparat, gezielte Kampagnen an Schulen. Bei den Senioren läuft ein anderes, viertes Zahnrad: das der reinen Empfehlungsvermehrung durch ein Fachgremium, das jedes Jahr neue Evidenz in neue Indikationen übersetzt — unabhängig davon, ob am anderen Ende überhaupt jemand folgt oder ob die Impfung in dieser Altersgruppe noch die gewohnte Wirkung entfaltet.

Das ist kein Vorwurf an die STIKO. Eine wachsende Empfehlungsliste kann schlicht bedeuten, dass die Forschung vorankommt. Aber es zeigt: Ein Perpetuum Mobile muss nicht immer in Richtung "mehr Druck" laufen. Es kann auch in Richtung "mehr Empfehlung, weniger Wirkung, weniger Umsetzung" laufen — und trotzdem Jahr für Jahr weiterlaufen, weil ein Gremium seine Aufgabe darin sieht, Empfehlungen zu erweitern, nicht sie zu hinterfragen.

Hoffnung — und der Bogen der Serie

Von der Wiege bis zur Bahre zeigte diese Serie vier verschiedene Mechanismen: eine Vergütung, die zum Anreiz wurde; eine Kontrollgruppe, die zu klein war, um irgendetwas zu beweisen; ein Gesetz, das seinen Anlass überlebte; und eine Empfehlungsliste, die wächst, während die Umsetzung schrumpft. Keiner dieser Mechanismen beweist eine Verschwörung. Jeder von ihnen beweist etwas Nüchterneres und letztlich Hoffnungsvolleres: Systeme laufen von selbst weiter, wenn niemand sie regelmäßig hinterfragt. Genau deshalb lohnt sich das Hinsehen — nicht aus Misstrauen, sondern aus Respekt vor der eigenen Gesundheit und der Bereitschaft, auch gut gemeinte Empfehlungen an der Realität zu messen.

Fußnoten

  1. Der STIKO-Impfkalender 2026 mit allen aktualisierten Empfehlungen wurde im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht und in der Fachpresse (u. a. Pharmazeutische Zeitung, aponet.de) zusammengefasst.
  2. Die neue RSV-Empfehlung (Standard ab 75, Indikation ab 60 bei Grunderkrankung oder in Pflegeeinrichtungen) ist im STIKO-Impfkalender 2026 sowie beim Deutschen Grünen Kreuz dokumentiert.
  3. Die Ausweitung der Herpes-Zoster-Empfehlung auf Indikationsimpfungen ab 18 Jahren bei erhöhtem Risiko ist im STIKO-Beschluss sowie bei aponet.de dokumentiert.
  4. Die etablierten Empfehlungen zu Grippe- und Pneumokokken-Impfung für Menschen ab 60 sind bei mehreren Patienteninformationsportalen (u. a. impfen.de, pflege.de) sowie beim Deutschen Grünen Kreuz zusammengefasst.
  5. Die STIKO-Begründungen zur RSV-Krankheitslast im Alter, einschließlich altersabhängig steigendem Hospitalisierungsrisiko, sind in einer Fachpublikation der Impfakademie zusammengefasst.
  6. Die Impfquoten (Influenza ca. 34%, COVID-19-Auffrischung 2024 ca. 14%, unzureichende Quoten bei Pneumokokken und Herpes Zoster) wurden bei der Nationalen Impfkonferenz 2026 vorgestellt und bei Gelbe Liste dokumentiert.
  7. Die strukturellen und biologischen Erklärungsfaktoren (Immunoseneszenz, Multimorbidität, Polypharmazie, Institutionalisierung) stammen aus demselben Vortrag bei der Nationalen Impfkonferenz 2026.