Der stille Taktgeber (II): Wer bestimmt, wenn keiner mehr zahlt?
Die USA verlassen die WHO. Drei Viertel des Budgets sind freiwillig und zweckgebunden. Wer übernimmt jetzt das Steuer?
Der stille Taktgeber (II): Wer bestimmt, wenn keiner mehr zahlt?
Teile dieser Serie: Auftakt: Der stille Taktgeber · Teil 1: Sechs Jahre, drei Minister, ein Gast · Teil 3: Wer die Rechnung zahlt, sucht sich den Kellner aus · Teil 4: Der einzige Sitz, der nie zur Wahl steht · Die Sumpfkarte
Damals
Die Weltgesundheitsorganisation wurde 1948 auf einem einfachen Prinzip gegründet: Mitgliedsstaaten zahlen Pflichtbeiträge, gestaffelt nach Wirtschaftskraft. Wer zahlt, hat eine Stimme in der Weltgesundheitsversammlung — aber die Beiträge selbst sollten kein Hebel sein, um Programme zu steuern. Genau das war der Unterschied zu einer Stiftung: ein Staat zahlt, weil er Mitglied ist, nicht weil er ein bestimmtes Ergebnis kaufen will.
Dieses Prinzip trug die Organisation jahrzehntelang. Noch in den 2010er-Jahren lag der deutsche Gesamtbeitrag zur WHO bei niedrigen einstelligen Prozentsätzen der WHO-Gesamteinnahmen.1
Heute
Zwei Zahlen verändern das Bild vollständig.
Erstens: Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten decken heute nur noch 15 bis 25 Prozent des WHO-Budgets. Rund drei Viertel der Einnahmen sind freiwillige Beiträge — teils staatlich, teils privat, oft zweckgebunden für einzelne Programme.2
Zweitens, und das ist der eigentliche Bruch: Am 22. Januar 2026 wurde der Austritt der USA aus der WHO offiziell wirksam — ein Jahr nach der Kündigung durch die neue US-Regierung.3 Die USA waren über Jahrzehnte der größte Einzelzahler der Organisation, zuletzt mit rund 18 Prozent des Gesamtbudgets.4 Diese Lücke ist nicht klein. Der WHO-Haushaltsausschuss selbst beziffert die Finanzierungslücke für 2026/27 auf 4,8 Milliarden Euro.5
Wer bleibt übrig, wenn der größte staatliche Geldgeber geht? Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung zählt seit rund einem Jahrzehnt regelmäßig zu den zwei oder drei größten Geldgebern der WHO überhaupt — in einzelnen Jahren erhielt die Organisation zwischen 9 und 16 Prozent aller freiwilligen Beiträge allein von dieser einen privaten Stiftung.6 Mit dem Rückzug der USA rückt sie nun in eine Position, die keine private Organisation zuvor in der Geschichte der WHO innehatte: als einer der ganz wenigen verbleibenden Akteure, die die entstehende Lücke überhaupt in dieser Größenordnung auffangen könnten.7
Das Muster
Eine Organisation, die 194 Staaten berät und deren Empfehlungen weltweit in nationale Gesundheitspolitik einfließen — von Impfkalendern bis zu Pandemieplänen — finanziert sich zu drei Vierteln aus freiwilligen, zweckgebundenen Mitteln. Zweckbindung bedeutet: Der Geldgeber entscheidet mit, wofür sein Beitrag verwendet wird. Das unterscheidet eine freiwillige Zahlung fundamental von einem Pflichtbeitrag.
Genau das ist die Governance-Lücke, die durch den US-Austritt sichtbarer wird als je zuvor: Eine Stiftung, die niemandem gegenüber wahlrechenschaftspflichtig ist, deren Vorstand nicht gewählt wird und deren Entscheidungen keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegen, gewinnt strukturell an Gewicht — nicht weil sie mehr zahlt als früher, sondern weil ein demokratisch legitimierter Geldgeber sich zurückzieht.
Das ist kein Vorwurf an eine Person. Es ist eine Frage an das System: Wenn drei Viertel der Finanzierung einer globalen Gesundheitsbehörde freiwillig und zweckgebunden sind, wer schreibt dann eigentlich die Tagesordnung?
Die offene Frage
Auch auf staatlicher Ebene fließen deutsche Mittel an dieselbe Stiftung — etwa über so genannte Kombifinanzierungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, bei denen Bund und Stiftung gemeinsam Entwicklungsprojekte finanzieren.8 Die genaue Größenordnung und Zweckbindung dieser einzelnen Projekte ist komplex und wird derzeit weiter ausgewertet — an dieser Stelle nachvollziehbar zu machen, ohne zu vereinfachen, bleibt Aufgabe eines eigenen Artikels.
Hoffnung
Die Intransparenz ist nicht mehr unbeobachtet. Der Guardian deckte 2025 auf, dass die WHO Foundation — eine 2020 gegründete Fundraising-Einheit der WHO — einen wachsenden Anteil an anonymen Unternehmensspenden verzeichnet: Bis Ende 2023 rund 83 Millionen Dollar, bei über 60 Prozent davon ohne offengelegten Spendernamen.9 Genau diese Recherche zeigt: Die Frage nach demokratischer Kontrolle über globale Gesundheitsfinanzierung ist längst im Mainstream angekommen, nicht nur am Rand der Debatte. Wo öffentlich wird, wer zahlt, kann auch öffentlich gefragt werden, warum.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN): Die WHO und ihre Finanzierung, dgvn.de.
- Ebd. — Anteil Pflicht- zu freiwilligen Beiträgen am WHO-Gesamtbudget.
- Handelsblatt, 23.01.2026: US-Austritt aus WHO nun offiziell vollzogen.
- Business Insider, 04.02.2025: Ausstieg der USA aus der WHO — erste Folgen.
- Ebd. — Finanzierungslücke 2026/27 laut WHO-Haushaltsausschuss.
- DGVN, a.a.O. — Anteil der Gates-Stiftung an freiwilligen WHO-Beiträgen über zehn Jahre.
- Undark, 02.07.2025: The Gates Foundation's Global Reach Expands, to Mixed Reviews.
- Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage, Drucksache 20/14424 — Kombifinanzierungen mit der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.
- The Guardian, 09.09.2025: Alarm as WHO Foundation accepts increasing amount of dark money from corporate donors.